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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.06.2012

Leben jenseits der Medien

Monica Ali: "Die gläserne Frau", Droemer & Knaur, München 2012, 397 Seiten

Angeblich ist die Hauptfigur bei einem Segeltörn vor der Küste Brasiliens ertrunken  (Stock.XCHNG / Joao Estevao A. de Freitas)
Angeblich ist die Hauptfigur bei einem Segeltörn vor der Küste Brasiliens ertrunken (Stock.XCHNG / Joao Estevao A. de Freitas)

Die Hauptfigur in Monica Alis neuen Roman ist die ehemalige Frau des britischen Thronfolgers. Nach einem fremdbestimmten Leben in der Öffentlichkeit hat sie in der USA einen Ort der Ruhe gefunden. Alis zeigt auf, wie einem Menschen angesichts von Medienaufmerksamkeit das Private geraubt wird.

Es ist schade, dass man als Kritiker bisweilen gleich am Anfang der Besprechung ein wichtiges Detail verraten muss, weil man sonst den Romans kaum vorstellen kann. Nun denn: die Hauptfigur in Monica Alis jüngstem Roman "Die gläserne Frau" ist die ehemalige Frau der britischen Thronfolgers.

Im Buch wird sie Lydia genannt, doch die Ähnlichkeiten mit Diana sind so offenkundig, dass man schon blind sein muss, um sie nicht zu erkennen. Im Roman ist es der ehemaligen Angehörigen der königlichen Familie gelungen, ihren Tod nur vorzutäuschen.

Angeblich ist sie bei einem Segeltörn vor der Küste Brasiliens ertrunken - eine geschickte Inszenierung ihres persönlichen Sekretärs und Beraters Lawrence. Mit falschen Papieren ausgestattet taucht sie nach einer Gesichtsoperation in den USA unter, lässt sich in einem kleinen ländlichen Nest namens Kensington nieder.

Nun ist Monica Ali keine Klatschkolumnistin. Ihre schräge Idee, Diana in Gestalt Lydias wieder zum Leben zu erwecken, zielt auf etwas anderes. Sie zeigt, wie einem Menschen angesichts geballter und nie nachlassender Medienaufmerksamkeit jegliches Privatleben geraubt wird, bis er darunter zusammenbricht und beschließt auszusteigen, um wieder ein normales Leben führen zu können.

Doch das bedeutet auch, dass Lydia auf ihre beiden Söhne verzichten muss. Sie wird sie nie wiedersehen können und dürfen. Ein geradezu unmenschlicher Verzicht, der sie denn auch wiederholt in schwere psychische Krisen stürzt.

Wie ihr die Flucht glückt, erfahren wir aus den Tagebuchaufzeichnungen ihres Sekretärs. Der leidet an einem inoperablen Gehirntumor, weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Dennoch bereitet er alles gewissenhaft vor, sorgt sogar für die Zeit danach. Von Lydia selbst hören wir, wie sie ihr neues Leben meistert, Kraft aus ihrer Arbeit in einem Hundeheim schöpft, sich von ihren neugewonnenen Freundinnen aufbauen lässt.

Und dann taucht unverhofft in der Kleinstadt ein ausgebrannter Boulevardfotograf auf, der sie bereits früher oftmals erfolgreich aufgespürt hat. Ein purer Zufall. Monica Ali nutzt seine Figur, um zu zeigen, wie Paparazzi arbeiten. Er entdeckt trotz der chirurgischen Gesichtsveränderung so viele Ähnlichkeiten, dass er anfängt, ihr nachzuspionieren. Kann er tatsächlich nachweisen, dass Lydia noch lebt, wäre das der größte Scoop seines Lebens. Natürlich soll hier nicht verraten werden, wie die Geschichte ausgeht.

Monica Alis Roman lässt sich unschwer als Medienkritik lesen und als Roman einer Selbstfindung. Geschickt verknüpft sie mehrere Erzählstile miteinander. Mal gibt es den allwissenden Erzähler, der die Ereignisse von außen betrachtet, dann lässt uns der Privatsekretär an seinen Gedanken teilnehmen, wir lesen Lydias Briefe an ihn, hier hätte eine Raffung dem Roman gut getan, wir erfahren, was im Fotografen vor sich geht.

Die unterschiedlichen Erzählperspektiven treiben den Roman voran, erzeugen Spannung. Ein erstaunliches Buch, dem es gelingt, eine verrückte Ausgangsidee mit Leben zu füllen.

Besprochen von Johannes Kaiser

Monica Ali: Die gläserne Frau
Aus dem Englischen von Anette Grube
Droemer & Knaur, München 2012
397 Seiten, 19,99 Euro

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Über den Tellerrand <br> Monica Ali: "Hotel Imperial", Droemer Verlag, München 2009, 553 Seiten

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