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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.06.2012

Leben im Markenfetischismus

Jens Westerbeck: "Boatpeople", Heyne, München 2012, 284 Seiten

Stößchen: Westerbeck beschreibt ein Millieu, das er selbst gut kennt
Stößchen: Westerbeck beschreibt ein Millieu, das er selbst gut kennt (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Der Alltag des Bootshändlers Nick de la Mooring besteht vor allem aus Champagnerpartys, Drogenexzessen und großen Yachten. Bis er eines Tages einer Tunesierin begegnet, die ihn an ein verborgenes Unglück erinnert. Ein lesenswerter Bericht aus der Welt der Statussymbole.

Sein Job ist es, "coole Offshorer" an die Superreichen zu verticken. Sein Arbeitsplatz sind die Fünf-Sterne-Superior-Hotels dieser Welt, die Skybars und Flybridges der Luxus-Yachten, die er an den vermögenden Mann oder die Multimillionärin bringt. Er ernährt sich von Tablettencocktails und reichlich Champagner; viel Koks ist im Spiel. Und weil Nick de la Mooring weiß, dass die härteste Währung im Leben Zynismus ist, nennt er die Angehörigen seiner Branche "Boatpeople", so wie jene Flüchtlinge, die verzweifelt in Nussschalen auf dem Meer herumtreiben und hoffen, von einem vorbeifahrenden Schiff aufgelesen zu werden.

Wovon Jens Westerbeck hier erzählt, ist durch eigene Erfahrung beglaubigt, wenngleich der Autor in manchen Punkten die Realität etwas greller zeichnen mag als sie ist. Grosso modo aber wird es vermutlich so zugehen in Cannes auf der International Boat Show oder in Genua auf dem "Salone Nautico" - in jenem "Zirkus, der sich Bootshandel nennt": Nick de la Mooring, ein junger Familienvater, macht das große Geld und lebt fern von Tochter und Frau allein für den Luxus. In seiner Welt gilt allein der etwas, der noch vor der offiziellen Auslieferung die neueste Edeluhr trägt, der einen "Loro-Piana-Jackenkragen", die getönte "Tom-Ford-Brille" und "Manolo Blahniks" vorweisen kann.

In seiner Statussymbolfixiertheit und seinem Markenfetischismus erinnert Westerbecks Buch an die Pop-Literatur der 90er-Jahre, und sicherlich ist eines seiner Schreibvorbilder der Amerikaner Bret Easton Ellis: Er war es ja, der die Drogen- und Sex-Exzesse, das ganze Dekadenz-Panoptikum so eindringlich wie kein anderer in seinen Werken zu schildern verstand. Als Ellis' Schüler macht Westerbeck seine Sache nicht schlecht - und wie sein Lehrmeister ist auch er ein verkappter Moralist.

Wir sehen also einer erklärten "Suchtkrähe" dabei zu, wie sie zwischen "Salesmeeting" und der "Seatrial" genannten Probefahrten den Animateur gibt. Mit unserem Voyeurismus spielt Westerbeck, wenn sich sein Alter Ego lustvoll diversen Gelagen hingibt, mit "den tollsten Weibern zum Vögeln". Das ist dank vieler expliziter Schilderungen nicht nur pornografisch, es kann auch komisch sein.

So stellt de la Mooring (ein sprechender Name, ist doch die Mooring die im Hafen festen Halt gebende Ankerkette, die Vertäuung, die diesem Erzähler allerdings längst schon verloren gegangen ist) nach einem Blowjob befriedigt fest: "Es ist doch nicht alles Trübsal, was geblasen wird." So rauscht sein Leben dahin - bis er eines Tages einer Tunesierin begegnet, die ihn an einen tödlichen Unfall vor einigen Jahren erinnert ...

Dass ausgerechnet so einer wie Nick de la Mooring sich als Liebhaber der Werke von Thomas Mann erweist und bei Erwähnung von "Wein, Weib und Gesang" darin sogleich die "rhetorische Figur der hendiatrionischen Drillingsformel" erkennt, ist wohl das einzig Unglaubwürdige an diesem Romanhelden. Ansonsten ist Westerbecks Bericht aus dem fernen Kosmos "komplett geisteskranker Boatpeople" sehr aufschlussreich und lohnt die Lektüre.

Besprochen von Knut Cordsen

Jens Westerbeck: Boatpeople
Heyne, München 2012
284 Seiten, 9,99 Euro