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Studio 9 | Beitrag vom 25.07.2016

Lavendelanbau in DetmoldDer Duft nach Südfrankreich in Ostwestfalen

Von Dietrich Mohaupt

Blick über ein Lavendelfeld im lippischen Hügelland (Dietrich Mohaupt)
Lavendelfeld im lippischen Hügelland in Ostwestfalen (Dietrich Mohaupt)

Lavendel wurde in hierzulande bisher nur in Gärten angebaut. Für eine Großproduktion war es zu kalt. Doch das Klima hat sich verändert. Ein Detmolder Unternehmen hat nun ein Experiment gestartet, das einen Hauch von Provence in Deutschlands Nordwesten bringt.

Augen zu – und einmal ganz tief den betörenden Duft durch die Nase einsaugen. Und schon entstehen Bilder im Kopf:

"Das ist Südfrankreich, das ist ganz leckeres Essen mit Kräutern der Provence, da ist ja auch Lavendel drin. Und - ja, Sommer, Sonne, Urlaub. Und das ist irgendwie ganz toll, dass jetzt der Süden hier in den Norden gekommen ist."

Die Besucher auf dem Gelände des Detmolder Unternehmens geraten regelmäßig ins Schwärmen, wenn sie den Lavendel riechen. Prächtig blau-violett blüht er hier in dem großen Duftgarten, in dem vor fünf Jahren alles angefangen hat - mit 1500 Pflanzen. Heute gibt es ein paar Kilometer südlich von Detmold die größten Lavendelfelder Deutschlands: 50.000 Pflanzen auf insgesamt zwei Hektar.

Biolandwirt Martin Meiwes hat das Land gepachtet, als er den Auftrag zum Lavendelanbau von der Duft-Manufaktur in Detmold bekommen hat. Wenn 1500 Pflanzen den deutschen Winter problemlos überleben, dachte er sich damals, warum nicht auch mehr?

Die Felder liegen an einem Abhang, vom Waldrand schweift der Blick über eine wunderschöne hügelige Landschaft – die Lavendelfelder bieten als tief violett-blaue Farbtupfer einen tollen Kontrast zu den erntereifen Getreide- und Rapsflächen. Für Martin Meiwes ist der Lavendelanbau absolutes Neuland – entsprechend vorsichtig beurteilt er die Erfolgsaussichten des Experiments.

"Ob es funktioniert, das wissen wir natürlich noch nicht, aber wir versuchen es. Deswegen läuft das hier noch bei uns unter 'Pilotprojekt'. Also wachsen tut er, wir haben ihn 2014 gepflanzt, im September – und er hat den ersten Winter gut überstanden, das ist vielleicht erst einmal der kritischste, weil die Pflanze da noch jung ist, noch nicht tief gewurzelt hat. Und den nächsten Winter hat er auch gut überstanden – also den vergangenen. Und jetzt steht er sehr gut da, und vom Wachstum her und der Entwicklung auf dem Feld ist es also … gut!"

Ohne Handarbeit geht bei der Ernte nichts

In seiner Heimat, der Haute Provence in Südfrankreich, gedeiht der Lavendel in 600 bis 1500 Metern Höhe. Die klimatischen Bedingungen im Lipper Land bei Detmold sind offenbar inzwischen ganz ähnlich – eine Folge des Klimawandels? Spekulieren mag Martin Meiwes darüber nicht.

"Das könnte bei diesem Projekt rauskommen – das wissen wir nicht. Also, es wird ja auch immer mehr Soja angebaut zum Beispiel, Pflanzen, die auch sonst hier nicht gewachsen sind. Aber beim Lavendel - den gibt es ja hier auch schon immer in den Hausgärten oder in den Staudengärten."

Und jetzt wird er eben kommerziell angebaut. Wie gesagt, ein Experiment, vor allem die Ernte, bei der ohne Handarbeit in diesem ersten Erntejahr gar nichts geht. Später sollen mal Maschinen helfen – aber derzeit ist Martin Meiwes regelmäßig auf Knien unterwegs und kämpft sich mit einer kleinen Sichel durch die Lavendelreihen.

"Dieses Jahr machen wir die Handernte so, dass wir die Pflanzen bündeln und dann abschneiden. Die Blüten mit den Stielen und einem gewissen Blattanteil noch, der frisch ist, also noch nicht vertrocknet – also die unteren verholzten Teile lässt man dann stehen – das Frische würde man alles abschneiden und nimmt es so mit zur Destillation."

Kann der lippische mit dem französischen Lavendel mithalten?

Zurück auf dem Firmengelände stopft Axel Meyer, Chef der Duft-Manufaktur, höchstpersönlich die frisch geernteten Lavendelpflanzen in die Destille und zündet den Gasbrenner.

Für eine Probedestillation in der Lavendel-Manufaktur Detmold sind drei Flaschen untereinander mit Schläuchen verbunden: Nach links fließt das reine Lavendelöl und nach rechts das Wasser. (Dietrich Mohaupt)Probedestillation in der Lavendel-Manufaktur Detmold: Nach links fließt das reine Lavendelöl und nach rechts das Wasser. (Dietrich Mohaupt)

"Das ist ein hoher Topf, unten ist Wasser drin, das Wasser wird erhitzt, darüber sind Siebe, da liegt der frisch geschnittene Lavendel, oben ist ein Deckel drauf. Und in dem Moment, wo das Wasser anfängt zu verdampfen, steigt der Wasserdampf durch den Lavendel hindurch und nimmt die ätherischen Öle, die ja flüchtig sind – ätherisch –, nimmt die mit und fließt dann oben in dieser Leitung lang, wird gekühlt und wird dann hier unten in den Flaschen aufgefangen."

Beim Abkühlen kondensiert der Dampf wieder zu Wasser, das langsam in eine Glasflasche fließt. Später setzt sich dann das leichtere Lavendelöl als dünner Film auf der Wasseroberfläche ab. Vorsichtig können Öl und Wasser dann voneinander getrennt und in Flaschen gefüllt werden. Im firmeneigenen Labor werden sie jetzt auf ihre Inhaltsstoffe untersucht. In den nächsten Wochen wird sich herausstellen, ob der lippische mit dem französischen Lavendel mithalten kann und wie es mit dem Anbau weitergeht.

Zum Schluss räumt Axel Meyer noch einen großen Korb mit Pflanzenresten beiseite. Das bleibt nach dem Destillationsprozess übrig von den prächtigen Lavendelblüten, erklärt er: eine farblose, unansehnliche Masse, bereit für den Komposthaufen – denn:

"Das ist Teil der Idee. Denn es geht ja darum, CO2-Werte, die wir produzieren oder die unvermeidbar sind bei der Produktion - auch bei einem ökologisch arbeitenden Unternehmen – zu kompensieren. Und die kompensieren wir durch den Kompost – weil Kompost bekanntermaßen am meisten CO2 bindet."

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