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Lesart | Beitrag vom 15.02.2016

Laurence Sterne: "Tristram Shandy"Ein Klassiker als multimediales Hörerlebnis

Von Andi Hörmann

Der Schriftsteller Laurence Sterne (1713-1768) auf einer Zeichnung Louis Carmontelle (imago / United Archives)
Neben seiner schriftstellerischen Arbeit war Laurence Sterne auch als anglikanischer Pfarrer tätig (imago / United Archives)

Der satirische Roman "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman" des englisch-irischen Autors Laurence Sterne ist ein Klassiker der Weltliteratur. Der Popkritiker Karl Bruckmaier hat das gut 800 Seiten lange Werk nun zu einem kreativen Hörspiel verarbeitet.

"Nein. Nö. Nein, auch nicht..."

Wie durchs Schlüsselloch blickt Tristram Shandy zurück auf sein Leben: Angefangen bei der eigenen Zeugung – einem eher banalen Akt.

"Ei, mein Guter, hast Du auch daran gedacht, die Uhr aufzuziehen?"

"Guter Gott. Hat wohl jemals seit Erschaffung der Welt eine Frau einen Mann mit einer so dummen Frage unterbrochen?"

Banal, richtig. Dabei steckt in dieser Anfangsszene alles drin, was "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman" von Laurence Sterne ausmacht: Das Spiel mit Zweideutigkeiten, Liebe und Leid, Hoffnung und Humor, Zeitlosigkeit und Lebenszeit.

"Genau, genau, gegen Steckenpferde gibt es keine Einwände. Da ich mir selbst ein paar solcher Gäuler halte, auf denen ich abwechselnd und häufig aus- und spazieren reite. Wie wohl ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich bisweilen länger im Sattel bleibe als es ein kluger Mann für ratsam halten möchte. Doch die Wahrheit zu sagen: Ich bin kein kluger Mann. Und überdies ein sterblicher von so geringer Bedeutung in der Welt, dass wenig daran liegt, was ich tue. Also echauffiere ich mich auch nur selten darüber..."

"Tristram Shandy": Hohe Sprachkunst und tiefe Psychologie

Tristram Shandys Ansichten kommen dabei immer als ausschweifende Plaudereien daher. Nicht selten wirkt das Gesagte profan, dabei ist es provokant, voll hoher Sprachkunst und tiefer Psychologie. Wen wundert es da, dass Shandy Lieblingslektüre von Thomas Mann und Siegmund Freud war.

"Kapitel 22 schenken wir uns, obwohl der Autor darin uns das Leben, die Seele der Lektüre offenbart. Aber wir haben keine Zeit für solche Digression..."

"Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman" ist ein einziges Abschweifen, ein Nie-auf-den-Punkt-Kommen. In der aktuellen Übersetzung von Michael Walter ist das Mammutwerk des 1713 in Irland geborenen Autors Laurence Sterne gut 800 Seiten dick. Der Popkritiker und Radiomacher Karl Bruckmaier hat daraus ein fast achtstündiges Hörbuch gemacht. Kapitel für Kapitel seziert er die Geschichte: Ritsch-Ratsch – im Herausreißen der Seiten macht er aus dem Buch ein szenisches Hörspiel.

"Kapitel 37 enthält dezent lateinischen Schweinskram und endet mit: Und riss das Blatt im Zorn heraus."

"Könntet ihr mir den Rücken eincremen?"

Karl Bruckmaier bricht den mitunter sperrigen Text mit allen Mitteln der radiophonen Gestaltung und illustriert ihn mit Experteninterviews, raumgreifenden Geräuschlandschaften, slapstikartigen Vertonungen und vier eigens für die Produktion komponierten Popsongs. So entsteht eine Art multimediale Adaption dieses Literatur-Klassikers. Wie das Klicken durchs Internet, nur eben als ganz und gar analoges Hörerlebnis. Überraschend und witzig kommt Tristram Shandy so im Heute an. Ziemlich genial!

Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy 
Der Hörverlag, München 2015 
9 CDs, Laufzeit: ca. 7h 36, 39,99 Euro

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