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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.05.2008

Lateinamerika bleibt "ein Kontinent mit vielen Chancen"

Deutsche Wirtschaft setzt auf Liberalisierung

Container-Hafen (AP)
Container-Hafen (AP)

Der Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA) erhofft sich vom EU-Lateinamerika-Gipfel am Freitag in Lima ein Signal für die laufende Runde der Welthandelsorganisation WTO. Wenn es gelänge, die aktuelle Verhandlungsrunde "wieder auf die Spur zu setzen", dann wäre das "das beste Signal", das von Lima ausgehen könnte, sagte BGA-Geschäftsführer Jens Nagel.

Marcus Pindur: Bundeskanzlerin Merkel wird eine ganze Woche in Lateinamerika unterwegs sein. Seit gestern Abend ist sie in Brasilien, das ist der wichtigste deutsche Handelspartner in der Region. Der venezolanische Präsident Chavez hat die Kanzlerin ja in eine Reihe mit Hitler gerückt, weil Angela Merkel vor der Abreise bemerkt hatte, der Linkspopulist Chávez könne nicht für ganz Lateinamerika sprechen. Und das gefiel Chávez, der sich wiederum sehr gerne sprechen hört, nun wieder gar nicht. Aber diese Misstöne spiegeln das Verhältnis der EU zu Lateinamerika nicht richtig wieder. Die Europäische Union ist in Lateinamerika sehr präsent. Sie ist der größte Investor, zahlt am meisten Entwicklungshilfe und ist nach den USA der zweitgrößte Handelspartner der Länder Lateinamerikas. Darüber wollen wir jetzt mit Jens Nagel reden. Er ist der Geschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels. Guten Morgen, Herr Nagel!

Jens Nagel: Guten Morgen, Herr Pindur!

Pindur: Wo liegen denn die deutschen Stärken in den Wirtschaftsbeziehungen zu Lateinamerika?

Nagel: Für die deutsche Wirtschaft bleibt Lateinamerika ein Kontinent mit vielen Chancen. Infolge des Rohstoffbooms boomt die lateinamerikanische Wirtschaft ja nun schon seit fünf Jahren mit jährlich bis zu fünf Prozent Wachstum. Jetzt kommt noch der Boom bei den Agrarrohstoffen dazu, alles große Stärken Lateinamerikas.

Pindur: Und in welcher Hinsicht sind die Deutschen da besonders involviert? Was ist das, was wir liefern nach Lateinamerika?

Nagel: Zu den traditionellen deutschen Exportprodukten in den Subkontinent gehören Maschinen und Anlagen, traditionell natürlich Stärken der deutschen Wirtschaft, gerade was die Lebensmittelverarbeitung, Lebensmittelverpackung angeht, aber auch Maschinen und Anlagen für die Rohstoffgewinnung und darüber hinaus die üblichen deutschen Exportschlager: Fahrzeuge, Kfz-Teile, Elektrotechnik, aber auch Pharmaprodukte und Chemieprodukte.

Pindur: Die EU-Außenkommissarin Ferrero-Waldner hat in einem Interview eingeräumt, dass die Handelsliberalisierung mit Lateinamerika nicht recht vom Fleck kommt, und das schon seit Jahren, obwohl man sich ja hoch und heilig geschworen hat, das solle besser werden. Woran liegt das, dass man da nicht richtig vorankommt?

Nagel: Na ja, wir haben zwei Tendenzen in Lateinamerika. Zum einen die bilateralen Handelsabkommen, wo die EU mit einzelnen Staaten bilaterale Freihandelsabkommen verhandelt. Das hat im Falle von Mexiko und Chile ganz gut geklappt und die beiden Freihandelsabkommen laufen sehr gut. Ein anderer Fall sind die Handelsabkommen, wo die EU mit Handelsblöcken, zum Beispiel dem Mercosur, den Andenstaaten oder Zentralamerika Handelsabkommen verhandelt. Hier ist es oft schwierig, die Interessen der lateinamerikanischen Partner unter einen Hut zu bekommen und gerade beim Mercosur, wo wir seit 1995 verhandeln, haben wir allzu oft die Situation, dass Brasilien und Argentinien sich nicht grün sind und deswegen die Verhandlungen blockieren.

Pindur: Das heißt, ein gutes Stück liegt das auch daran, dass die Lateinamerikaner keine einheitliche Verhandlungsposition finden?

Nagel: Ganz genau. Das liegt auch daran, dass eben die Länder dieser Blöcke, die Mitgliedsstaaten unterschiedlichen Entwicklungsstand aufweisen. Zum Beispiel ist Brasilien sehr viel weiter auf dem Gebiet der Modernisierung der Wirtschaft vorangeschritten als beispielsweise Argentinien. Ähnliches lässt sich absehen bei Zentralamerika, wo wir ein relativ hoch entwickeltes Costa Rica und Panama haben gegenüber Ländern wie El Salvador und Guatemala, die doch noch auf niedrigeren Entwicklungsständen verharren.

Pindur: Wie wirkt sich dabei aus, dass es zunehmend auch diese linkspopulistischen Regierungen in Südamerika gibt? Hugo Chávez ist da nur ein Beispiel. Wirkt sich das auf die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen negativ aus, oder macht das eigentlich keinen Unterschied?

Nagel: Bisher macht es noch keinen Unterschied. Wir haben hier natürlich den Fall, dass diese linkspopulistischen Regierungen vorhanden sind, beispielsweise in auch Bolivien. Hugo Chávez in Venezuela ist ein Sonderfall. Das ist jemand, der spielt noch in der ganz eigenen Kategorie. Aber bei den übrigen "Caudillos", in Anführungszeichen, haben wir durchaus die Situation, dass die so ein klein wenig als Korrektiv in der bisher doch sehr konservativen politischen Ausrichtung des Kontinents wirken, ohne entscheidend auf das Wirtschaftsleben einzugreifen, sprich ohne ausländische Investitionen zu verstaatlichen beispielsweise.

Pindur: Das ist ja zum Beispiel bei Lula da Silva so, ein Sozialdemokrat, mit dem verhandeln kann dort.

Nagel: Ganz genau. Lula da Silva hat in den letzten Jahren sehr viel getan für die Modernisierung und vor allem für die Verbesserung der Investitionsbedingungen in Brasilien.

Pindur: Die EU ist also sehr präsent noch in Lateinamerika, aber das muss nicht immer so bleiben. Man hört zunehmend, dass sich China dort sich um einen Fuß in der Tür bemüht. Ist das richtig?

Nagel: Die EU ist heutzutage noch der zweitgrößte Investor und Handelspartner des Subkontinents nach den USA. Und das liegt begründet eben in den langen traditionell guten Beziehungen, in der gemeinsamen Sprache auch mit verschiedenen europäischen Ländern. Dieser Status quo ist aber nicht in Stein gemeißelt. Das kann durchaus sein, dass die Chinesen uns hier in den nächsten Jahren durchaus diesen Rang streitig machen. Die Chinesen investieren viel in Rohstoffe, in die Gewinnung von Rohstoffen in Ländern wie Chile, in Peru und schließen auch eifrig bilaterale Freihandelsabkommen ab mit unterschiedlichen lateinamerikanischen Partnern. Das ist eine weltweite Tendenz. Aber eben durch die regionale Nähe, einmal quer über den Pazifik, sind die Chinesen in Lateinamerika besonders aktiv.

Pindur: Da muss man ja die Frage stellen, haben die Europäer da irgendetwas verschlafen?

Nagel: Darüber kann man sich trefflich streiten. Der Anteil Lateinamerikas am gesamten deutschen Außenhandel ist derzeit zwar relativ niedrig mit 2,5 Prozent. Aber wenn man mit einbezieht die großen Investitionen, die deutsche Unternehmen getätigt haben in den vergangenen Jahrzehnten in der Region, beispielsweise in Mexiko in den Automobilbau, beispielsweise in Brasilien mit diesem großen Investitionscluster Sao Paolo. Dort tragen deutsche Unternehmen mit rund fünf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und sind Wirtschaftsfaktoren, die tief verwurzelt sind in der Wirtschaftsstruktur der jeweiligen Partnerländer. Insofern glauben wir nicht, dass China hier in den nächsten Jahren uns wirklich den Rang streitig machen wird.

Pindur: Zum Schluss noch. Was erwarten Sie vom EU-Lateinamerika-Treffen in Lima jetzt am Freitag?

Nagel: Wir erwarten uns pragmatisch Fortschritte bei der Verhandlung von bilateralen Freihandelsabkommen, aber auch ein Signal für die WTO-Runde. Die beste Liberalisierung in der Handelspolitik ist immer noch der multilaterale Prozess. Und wenn es gelänge, die aktuelle Verhandlungsrunde der WTO wieder auf Spur zu bringen ...

Pindur: Der Welthandelsorganisation.

Nagel: ... der Welthandelsorganisation wieder auf die Spur zu setzen, dann wäre das das beste Signal, das von Lima ausgehen könnte.

Pindur: Vielen Dank für das Gespräch!

Interview

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