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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.12.2009

"Langweilig, einen Halbgott zu spielen"

Jeroen Krabbé über seine Rolle als Albert Schweitzer

Von Jörg Taszman

Filmszene aus "Albert Schweitzer" (AP)
Filmszene aus "Albert Schweitzer" (AP)

Der Niederländer Jeroen Krabbé verkörpert den berühmten Arzt im Film "Albert Schweitzer - Ein Leben für Afrika", der nun in unsere Kinos kommt. Bekannt wurde Krabbé durch die Filme von Paul Verhoeven. Er mimte in diversen Hollywoodfilmen den Bösewicht.

Er ist ein äußerst charmanter und mehrsprachiger Interviewpartner, auch wenn er Deutsch nur zum Aufwärm-Smalltalk vor dem Interview spricht. Sobald das Band läuft, möchte Jeroen Krabbé dann doch lieber nur auf Englisch reden. Wie gewissenhaft sich der Niederländer auch auf die Interviews vorbereitet hat, beweist, dass er für die Gespräche mit den deutschen Journalisten die Albert Schweitzer-Biografie von James Brabazon wälzte, die vor ihm auf dem Tisch des Hotelzimmers liegt. Über den deutschen Arzt und sein Leben wusste er schon vor dem Film viel.

Jeroen Krabbé: "Ich bin Jahrgang 1944 und als ich Mitte der 50er-Jahre aufwuchs, war er DIE Ikone auf der Welt. Wir lernten über diesen Mann und was er in Afrika im Kampf gegen Lepra getan hatte, sogar in der Schule. Er erhielt ja auch einen Nobelpreis. Er war der bekannteste Mann auf der Welt in diesen Tagen. Seltsamerweise verschwand er dann in der öffentlichen Wahrnehmung jahrzehntelang von der Bildfläche. Mein ältester Sohn ist 42 und sagte nur, als ich ihm erzählte, ich würde Albert Schweitzer spielen. Ach ja Schweitzer, Afrika. Aber er wusste nichts über ihn."

Wie Albert Schweitzer in so relative Vergessenheit geraten konnte, kann sich Jeroen Krabbé kaum erklären, weil der Deutsche so berühmt war wie Gandhi, Mandela oder Mutter Theresa wie Krabbé betont. Einen Grund sieht er dann jedoch im Desinteresse der Amerikaner an Schweitzer, nachdem sich der Humanist entschlossen hatte, die Petition seines Freundes Albert Einstein und anderer Wissenschaftler gegen die Atombombe zu unterzeichnen. Im Film nimmt gerade diese Hexenjagd auf Albert Schweitzer in der McCarthy-Ära einen wichtigen Platz ein. Die erste Drehbuchfassung hatte Jeroen Krabbé noch nicht vollständig überzeugt:

"Ich wusste also sehr viel über ihn als Kind und hatte dann vieles vergessen. Als ich das Drehbuch las, mochte ich es, aber nicht 100-prozentig. Und ich begann, mit dem Regisseur Gavin Millar an dem Skript zu arbeiten. Ich wollte mehr Szenen, in denen er an sich zweifelt, weil es langweilig ist, einen Halbgott zu spielen. Was ist denn ein Halbgott? Jemand, der kein menschliches Wesen mehr ist. Und ich dachte, wenn ich ihn schon porträtieren soll, dann muss er so verdammt menschlich sein, wie es nur geht."

Auch wenn Jeroen Krabbé im Film vor allem als Familienoberhaupt kritisiert wird, der seine Kinder praktisch kaum sah und seine Arbeit und seine Mission immer vor die Familie stellte, so bleibt dieser Albert Schweitzer im Film immer noch viel zu edel. Böse formuliert ist dieser Weihnachtsfilm bürgerliches Erweckungskino von gestern, aber Dank des guten Hauptdarstellers Jeroen Krabbé dennoch erträglich. Nicht immer hat dieser großartige und wirklich charismatische Schauspieler Rollen gespielt, die seiner Klasse entsprechen. Am Besten war er wirklich in den Filmen von Paul Verhoeven vor allem dem Meisterwerk "Soldaat van Oranje". In Hollywoodfilmen wie "Auf der Flucht" durfte er meist nur den schurkischen Bösen mimen. Vor über zehn Jahren setzte sich Jeroen Krabbé dann auf sehr originelle Art und Weise mit seiner jüdischen Herkunft auseinander. In "Kalmans Geheimnis", der im Original "Left Luggage" heißt, führte der Sohn einer jüdischen Mutter erstmals Regie und spielte eine wichtige Nebenrolle als orthodoxer Vater.

Jeroen Krabbé: "Als ich das Buch 'Left Luggage' las über ein Mädchen, dass aus der zweiten Generation stammt und Tochter zweier Auschwitzüberlebenden, möchte sie mit dieser Last nicht mehr leben, auch wenn sie natürlich mehr davon betroffen ist, als ihr lieb ist. Genau dieser Aspekt gefiel mir, auch dass ich nichts über die chassidische, orthodoxe Welt wusste ... aber ich wollte mehr über sie wissen und begann, mich für diese hochinteressante Religion zu interessieren. So hatte ich dann fast die Hauptrolle in diesem Film, wo eine junge Frau versucht, mehr über diese orthodoxe Welt zu erfahren."

In europäischen Filmen ist Jeroen Krabbé meist besser als in amerikanischen Blockbustern, auch wenn er immerhin schon drei Filme mit Steven Soderbergh gedreht hat. Fragt man Krabbé, ob er immer in den Niederlanden geblieben ist, trotz der vielen Rollen in amerikanischen Filmen, bekommt man eine ehrliche wie zutiefst ironische Antwort. Sie kennen doch Amsterdam, sagt er zu mir. Warum sollte ich diese Stadt verlassen und nach Los Angeles gehen, eine Stadt, die ich nun überhaupt nicht mag. Die Rollen aus Hollywood sind für ihn okay, leben könnte der Künstler Jeroen Krabbé, der seit Jahren ebenso malt wie sein Vater und Großvater, dort nie. Er fühlt sich wohl in Holland.

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