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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.02.2014

LandwirtschaftJa zum Genmais

Landwirtschaftsminister Sachsen-Anhalts kritisiert "ideologische" Debatte

Hermann Onko Aeikens im Gespräch mit Julius Stucke

Die Sonne scheint auf ein Feld mit genmanipuliertem Mais in der Nähe von Strausberg bei Berlin. (AP)
Die Sonne scheint auf ein Feld mit genmanipuliertem Mais in der Nähe von Strausberg bei Berlin. (AP)

Gentechnisch veränderter Mais sollte in der EU angebaut werden dürfen, meint Hermann Onko Aeikens, Landwirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt. Die Risiken würden von Gentechnik-Gegnern übertrieben, sagte der CDU-Politiker.

Julius Stucke: Die Sorte 1507 sorgt für Streit. 1507, dahinter verbirgt sich ein Saatgut für Mais, ein gentechnisch verändertes Saatgut. Eine US-Firma will dieses Saatgut auch in Europa anbauen lassen, hat eine Genehmigung bei der EU beantragt, über die heute abgestimmt wird. Ja oder nein – das ist innerhalb Europas umstritten, und offenbar auch innerhalb der Bundesregierung. Landwirtschaftsminister Hans-Peter Friederich, CSU, sagt nein, Umweltministerin Hendricks, SPD, ebenfalls nein, aber anscheinend sagen auch manche ja, das Ministerium für Forschung zum Beispiel, und so wird Deutschland heute nichts sagen. Man enthält sich. Was sagt ein Landwirtschaftsminister auf Landesebene dazu? Guten Morgen, Hermann Onko Aeikens, Minister für Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt!

Hermann Onko Aeikens: Schönen guten Morgen!

Stucke: Herr Aeikens, die Bundesregierung enthält sich und nimmt damit, so sehen es zumindest die Kritiker, in Kauf, dass es am Ende unter dem Strich eine Zulassung gibt. Wenn das Ergebnis heute knapp ausfällt, dann fällt nämlich die EU-Kommission die Entscheidung, und dann heißt es wohl Ja zum Genmais 1507. Ja oder nein – welche Antwort würden Sie sich denn wünschen?

Aeikens: Ich glaube, wir müssen mit dem Thema gentechnisch veränderte Produkte in der Landwirtschaft differenziert umgehen. Wir müssen wissenschaftsbasiert argumentieren und nicht ideologisch. Und wir müssen uns auch umschauen, was wir an Problemlösungen in der Welt haben für die drängenden Probleme Hunger und Energiebedarf. Und da bin ich schon der Überzeugung, dass gentechnisch veränderte Produkte auf dieser Welt einen Beitrag zur Lösung dieser Probleme leisten können und plädiere dafür, dass wir auf der Basis strengster Kontrollen, auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse mit diesem Thema umgehen und die Ideologie etwas in den Hintergrund treten lassen.

Stucke: Was sagen Sie denn, mal abgesehen von den Ideologien, den Gegnern, die befürchten, dass zum Beispiel durch den Anbau dieser Genmaispflanze Tiere wie Bienen oder Schmetterlinge gefährdet werden?

Aeikens: Wir haben strengste Kontrollen und Prüfverfahren innerhalb der EU, die darauf abzielen, Risiken dieser Art zu minimieren. Ich glaube, wir sollten auch ein Stück weit Vertrauen in diese Kontrollen haben, und ich bin dort auch sehr wissenschaftsorientiert. Und wenn wir bilanzieren, was sagt uns die Wissenschaft zum Thema grüne Gentechnik – technischer Fortschritt, Beitrag zur Problemlösung. Ich glaube, dass wir das sehr ernst nehmen müssen, und dass wir auch ein Stück weit mehr Aufklärung in der Bevölkerung treiben müssen, damit über Vor- und Nachteile nicht aus dem Bauch heraus, sondern auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse diskutiert wird.

Stucke: Da müssen Sie aber noch ein ganzes Stück Aufklärungsarbeit leisten, wenn immerhin 80 Prozent der Deutschen und 60 Prozent der Europäer gegen den Genmais sind. Ist das alles nur Ideologie und Bauchgefühl?

Aeikens: Da ist viel Bauchgefühl dabei. Das ist das Ergebnis von Umfragen, was Sie zitieren. Das Kaufverhalten des Bürgers ist ein anderes. Man hat die Möglichkeit, Lebensmittel zu kaufen, die in ihrer Herstellung nicht mit Gentechnik konfrontiert worden sind. Diese Nahrungsmittel haben einen sehr geringen Marktanteil. An der Kasse entscheidet der Bürger dann offenbar wiederum anders als bei Umfragen.

Stucke: Wäre es dann an der Politik, sozusagen ihm die Entscheidung an der Kasse vielleicht auch abzunehmen. Die Politik entscheidet ja heute über die Frage Ja oder Nein, Genmais hier anbauen oder nicht. Sie geht mit einem Jein in die Abstimmung – wäre Ihnen eine klare Aussage lieber gewesen?

Aeikens: Ich bin immer ein Freund von klaren Aussagen, aber innerhalb der Bundesregierung hat sich die Meinungsbildung wie beschrieben vollzogen. Dann ist das Jein mir immer noch lieber als ein ganz klares Nein. Ein Jein ist auch ein Signal an die hiesige Wissenschaft, die sich mit viel Engagement und Sachkenntnis dieser Thematik widmet, den Forschungsstandort Deutschland nicht zu verlassen, sondern die Arbeit hier fortzusetzen.

Stucke: Aber erreicht man so etwas mit so einem "Ich kann mich nicht entscheiden und sage Jein"?

"Ich bin auch gegen einen regionalen Flickenteppich"

Aeikens: Koalitionen haben es nun mal an sich, dass man zwischen verschiedenen Parteien und Auffassungen versuchen muss, Kompromisse zu finden, es ist das, was im Moment an Meinungsbildung möglich ist, das haben wir zu akzeptieren, und wir werden schauen, wie dieses Gesamtvotum in der EU ausfällt.

Stucke: Sie können also mit dem Jein leben, ein Ja wäre Ihnen aber am liebsten, ein Ja zum Genmais?

Aeikens: Ich halte ein Ja für vertretbar, weil ich der Auffassung bin, dass wir erstens an der Weiterforschung auch in Deutschland partizipieren sollten und dass wir auch Wissenschaft haben, die hierzu Beiträge liefern kann. Und zweitens glaube ich, wenn wir uns auch die Geschichte der Gentechnik in der Medizin ansehen, kann man mit sachlicher Aufklärung auch viel dazu beitragen, Vorurteile zu reduzieren.

Stucke: Landwirtschaftsminister Hans-Peter Friederich hat ja eine Ausstiegsklausel bereits ins Spiel gebracht für die Bundesländer, die dann eben doch nicht mitmachen wollen. Also, wenn es jetzt ein Ja gibt in Europa, dann will er den Bundesländern die Möglichkeit geben, doch nein zu sagen. Dieses würden Sie dann aber nicht in Anspruch nehmen, wenn ich Sie richtig verstehe?

Aeikens: Ich bin auch gegen einen regionalen Flickenteppich. Schauen Sie, wir haben eine Gemeinschafspolitik im Agrarbereich. Das ist der älteste vergemeinschaftlichte Politikbereich überhaupt in der Europäischen Union. Die Europäische Union prüft unter Wettbewerbsaspekten mit viel Intensität und Sorgfalt jedes Regionalprogramm. Sie prüft zum Beispiel Hilfen für Flutopfer sehr intensiv und langwierig. Sollen wir uns jetzt wieder verabschieden von einer vergemeinschaftlichten Politik und zu einer Regionalpolitik übergehen in diesem Bereich? Ich bin dann schon für eindeutige und klare Lösungen und nicht für einen regionalen Flickenteppich.

Stucke: Wenn wir keinen Flickenteppich haben, dann heißt das aber vermutlich auch, dass Sie von Ihrer Befürwortung des Genmaises Abstand nehmen müssten, denn die meisten anderen Bundesländer sind eigentlich eher dagegen.

Aeikens: Wenn es zu einer anderen Entscheidung in Deutschland kommen sollte, dann gibt es eine andere Entscheidung, darüber wird dann diskutiert werden müssen, wenn die Entscheidung in der EU gefallen ist.

Stucke: Und die fällt heute. Europa stimmt heute ab über die Anbaugenehmigung für eine Genmaissorte. Deutschland wird sich dabei enthalten. Was er davon hält, hat uns Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsminister Hermann Onko Aeikens gesagt. Danke Ihnen, Herr Aeikens, und Ihnen einen schönen Tag!

Aeikens: Danke auch, auch Ihnen! Alles Gute!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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