Thema / Archiv /

Landwirtschaft in der Vertikalen

Die Nahrungsmittel für künftige Generationen könnten in speziellen Hochhäusern angebaut werden

Joachim Sauerborn im Gespräch mit Susanne Führer

Folkard Asch von der Uni Hohenheim zeigt Reispflanzen, wie sie beim Sky Farming wachsen könnten.
Folkard Asch von der Uni Hohenheim zeigt Reispflanzen, wie sie beim Sky Farming wachsen könnten. (picture alliance / dpa - Bernd Weißbrod)

Es klingt nach Science Fiction, wird aber ernsthaft erforscht: das Sky Farming. Durch die Landwirtschaft im Hochhaus ließe sich die Ernte auf einer bestimmten Grundfläche vervielfachen. Grund für solche Projekte sind die steigende Weltbevölkerung und knapper werdende Flächen.

Susanne Führer: Dazu gibt es Forschungsprojekte in den USA, in Korea und in Deutschland, und zwar an der Universität Hohenheim. Professor Sauerborn ist dort der Dekan der Fakultät für Agrarwissenschaften. Guten Tag, Herr Sauerborn!

Joachim Sauerborn: Ja, grüße Sie, Frau Führer!

Führer: Warum wollen Sie Landwirtschaft in Hochhäusern betreiben?

Sauerborn: Das ist eine gute Frage. Letztendlich treibt uns sozusagen die Weltbevölkerung in diese Situation. Ressourcen werden knapp und knapper, insbesondere Land, auf dem Landwirtschaft auch stattfindet, und wenn Sie sich vorstellen, dass in früheren Zeiten Menschen dort gesiedelt haben, wo die besten Böden sind, was ja auch nachvollziehbar ist, dann expandiert im Moment gerade über die Urbanisierung auf diesen Flächen, auf diesen besten Böden sozusagen, die Stadt und die Industrie. Und damit kommt es zu einem Konkurrenzkampf zwischen der Urbanisierung und der Landwirtschaft um Fläche. Landwirtschaft kann nicht ausweichen, weil sie ist auf gute Böden angewiesen. Und die Städte wollen nicht ausweichen, weil sie an besonderen Brennpunkten gesiedelt haben. Also das ist der Grund, warum wir inzwischen auch darüber nachdenken, so wie der Mensch auch, der ja sich in verdichteten Räumen sozusagen in die Vertikale begeben hat – warum nicht auch die Landwirtschaft sozusagen in die Vertikale ziehen, also in Hochhäusern.

Führer: Jetzt haben Sie gerade gesagt, die Landwirtschaft ist auf gute Böden angewiesen, und da wollen Sie dann die guten Böden übereinanderstapeln?

Sauerborn: Gute Böden wird es in dem tollen Hochhaus sicher nicht mehr geben, weil es von der Statik her nicht möglich wäre, diesen schweren Boden mit dem Wassergehalt in solche Häuser zu bringen. Wir müssen also ganz neue Technologien gehen und erfinden. Und da wären zum Beispiel aeroponische Systeme durchaus ein gangbarer Weg, das heißt, mit Ultraverneblern sprengen Sie sozusagen das Wasser und die Nährstoffe an die Wurzel, Sie besprühen sie permanent, sodass da ein feuchter Raum besteht, und dann ziehen daraus die Pflanzen ihre Nährstoffe und ihr Wasser, das heißt, sie haben ...

Führer: Und die Wurzeln hängen sozusagen nackt in der Luft?

Sauerborn: Genau. Und das gibt uns wieder eine neue Perspektive. In Wurzeln, die wir bisher nicht ernten können, sind auch oftmals sekundäre Inhaltsstoffe, die durchaus interessant sind für bestimmte Industrien, auch Pharmaindustrie, so dass diese Pflanzen nicht nur Körner liefern, eventuell, sondern auch aus den Wurzeln Stoffe gewonnen werden können, so dass die ganzen Pflanzen dann eventuell auch Doppelnutzung, also Mehrfachnutzung zulassen könnten.

Führer: Und an welcher Pflanze forschen Sie?

Sauerborn: Also, also Modellpflanze haben wir uns das Reispflänzchen ausgesucht, und zwar deshalb, weil es einmal selbstbefruchtend ist, ist also nicht angewiesen oder braucht keine Insekten, Gott sei Dank, die wollen wir auch gar nicht haben. Zum anderen ist Reis ein, ja, das ist eine Pflanze, die aufgrund ihres besonderen Anbausystems, sie wird ja überwiegend im Nassverfahren produziert, in anaeroben Zuständen Methan entwickelt aus dem Boden, und Methan ist bekanntermaßen ein klimarelevantes Gas, 20 mal giftiger als das CO2, und es besteht also durchaus auch aus ökologischen Gründen ein Bedarf, hier den Reis sauberer zu produzieren.

Führer: Aber trotzdem müssen Sie die Reiswurzeln ja nun immer einnebeln. Ich hab mich gefragt, welches Haus soll denn das aushalten? Haben Sie sich so etwas mal überlegt? Das soll ja länger als zehn, zwanzig Jahre halten.

Sauerborn: Na ja, das ist schon richtig. Also, das sind ja genau diese Herausforderungen, an denen wir forschen müssen. Wie kriegen wir es hin, sozusagen den feuchten Raum, den dunklen Raum für die Wurzeln zu trennen von dem oberirdischen Raum, der stark beleuchtet sein muss, wo dann oben die grüne Biomasse wächst. Das ist eine Herausforderung an die Ingenieure, diesen Raum zu trennen und trotz allem dann ein Klima zu generieren, was ja auch unterschiedlich ist. Im Wurzelraum sollte es etwas kühler sein, im oberirdischen Raum, dort wo die Pflanzen im Licht wachsen, soll es durchaus etwas wärmer sein.

All das sind Ingenieurskünste, und dafür sind wir ja in Deutschland bestens gewappnet. Hier sitzen sicherlich weltweit sehr gute Ingenieure und die Expertengespräche dazu lassen uns doch sehr positiv hier in die Zukunft gucken. Allerdings müssen wir da noch eine ganze Reihe an Gehirnschmalz hineininvestieren. Daraus werden sich aber auch Patente ergeben für neue Technologien, die auf ganz anderen Gebieten vielleicht auch einen Nutzen bringen.

Führer: Aber, Herr Sauerborn, wenn Sie sagen, also unten die Wurzeln feucht und dunkel und oben hell und trocken, wo soll denn dann wiederum – also ich denke jetzt immer so an die Ökobilanz, was Sie bisher erzählt haben, das klingt alles sehr teuer, und nun müssen diese Lampen auch noch alle, diese Pflanzen auch noch alle beleuchtet werden.

Sauerborn: Ob das teuer ist, das wissen wir noch nicht. Das haben wir noch nicht feststellen können. Denn wir werden neue Materialien suchen. Beleuchtung wird es sicherlich zunächst mal geben über die sehr energieeffizienten LED-Beleuchtungen, und hier werden wir auch notwendigerweise bestimmen müssen, welche Qualität an Licht braucht die Pflanze unbedingt, welche Quantitäten braucht die Pflanze? Und wir wissen heute zum Beispiel nicht, weil es gar keine Forschungsfrage bisher war, wie lange können wir denn eine Reispflanze beispielsweise über den Tag hin beleuchten, oder können wir sie eventuell auch mal nur sekundenweise beleuchten, wie wirkt sich das aus auf das Pflanzenwachstum insgesamt? Können wir von der Seite her beleuchten?

Das heißt, die Frage, die hier gestellt wird, die musste man sich bisher weder in Gewächshäusern noch in der freien Natur stellen, da kommt das Licht von oben. Wir haben aber ganz andere Möglichkeiten in so einem Haus, Licht an die Pflanze heranzubringen, und wir haben auch ganz andere Möglichkeiten, die zeitliche Dauer der Belichtung zu regeln. Bis hin zu 24 Stunden. Und wir wissen aber heute nicht, in der Literatur gibt es dazu keine Aussagen, wie sich eine Pflanze verhält unter völlig anderen Lichtverhältnissen. Ist sie produktiver, ist sie vielleicht sogar in ihrer Vegetationsperiode schneller, wächst sie eventuell in verschiedenen Perioden dann besonders günstig?

Das sind im Prinzip alles Punkte, die wir abklären müssen, bevor wir dann in eine entsprechende Produktion gehen. Und die Ingenieure sagen uns, wir werden neue Materialien gehen, wir können uns kein Haus vorstellen, wie wir das momentan tun. So, dass wir sagen, wir werden hier Verglasungen haben auf dem ganz traditionellen, konventionellen Weg, das wäre zu teuer, ganz offensichtlich. Aber wir können im Moment nicht über Ökonomie reden, weil wir diese Stoffe noch gar nicht haben. Wir müssen sie erst mal entwickeln. Und Forschung guckt nicht erst nach dem Preis, sondern nach dem Ergebnis, und dann muss man gucken, ob das auch ökonomisch sinnvoll ist.

Führer: Der Agrarwissenschaftler Joachim Sauerborn im Deutschlandradio Kultur, wir sprechen über Sky Farming, also so etwas wie Landwirtschaft in Hochhäusern. Herr Sauerborn, wenn ich es richtig verstanden habe, sind noch viele Fragen offen, aber trotzdem, lassen Sie uns mal ein wenig weiter denken. An welche Größenordnung haben Sie denn so gedacht? Also wie viele solcher Sky-Farming-Häuser sollten zum Beispiel in einer Stadt wie Berlin so stehen?

Sauerborn: Berlin wäre ein Vorschlag, aber ein schlechter Vorschlag. Also solche Häuser sollten dort stehen, wo sie regenerative Energien haben oder es sehr wahrscheinlich sehr viel Sonneneinstrahlung oder auch Möglichkeiten, Wasser oder Geothermie zu nutzen. Da denken wir eher an Räume wie Kairo beispielsweise oder auch dann Abu Dhabi, also Regionen, wo Sie entsprechend auch Bedarf haben, weil vielleicht auch Wasser knapp ist. Denn wir produzieren sehr viel wassereffizienter, als das im Freiland der Fall sein wird. Sodass also auch unser Ziel, die Ökologisierung wirklich ist, das heißt, wir möchten möglichst eine Kreislaufwirtschaft hier anstreben. Wasser im Kreislauf führen, Phosphate, Stickstoff, alles, was die Pflanze braucht. Das, was sie nicht braucht, zurückgewinnen, um es dann wieder ins System einzuschleusen. Das können Sie im Freiland nicht.

Führer: Und an wie viele Häuser haben Sie dann so gedacht?

Sauerborn: Und wenn jetzt beispielsweise – das hängt jetzt davon ab, wie hoch die Häuser sind. Wenn Sie ein zwanzigstöckiges Hochhaus haben, dann würde im Prinzip ein Hektar Grundfläche durchaus einem Achtfachen entsprechen, das heißt, Sie können in einem solchen Haus zehn bis 40 Hektar unterbringen, ohne Probleme, und dann entsprechend mal drei die Ernte. Dann kriegen Sie also einen Durchsatz, der reicht heute bis zu einer Zahl von 2700 Menschen, die dann von einem Hektar leben könnten.

Führer: Nun hat Kairo acht Millionen Einwohner.

Sauerborn: Ja, ganz richtig. Nur, wir wollen Grundnahrungsmittel produzieren, und nicht alle in Kairo essen den ganzen Tag nur Reis, beispielsweise. Es gibt ja verschiedene andere Sachen. Aber wir haben es mal für Tokio ausgerechnet, da brauchen Sie im Moment etwa 130 Lkws à 40 Tonnen, die in die Stadt fahren, täglich, um den Reisbedarf zu decken. Jetzt können Sie sich vorstellen, was das bedeutet im Moment an Transportleistung, und …

Führer: Aber ein Nebeneffekt Ihrer Häuser wäre ja, dass der Wohnraum, der ohnehin schon in diesen Megastädten knapp ist, noch knapper wird, und dass die Bauern arbeitslos werden.

Sauerborn: Also wir wollen nicht unbedingt im Zentrum der Stadt produzieren, das kann auch im Prinzip etwas weiter draußen liegen, aber zumindest stadtnah produzieren, um möglichst dann auch dort zu produzieren, wo der Verbrauch ist, das ist richtig. Es gibt aber auch heute schon durchaus in Städten Lagen, wo man sagen muss, das ist keine Lage für den Wohnraum selbst, da will man auch gar kein Wohnhaus haben, und dann könnte man diese Industriebrachen beispielsweise ja auch nutzen, da gibt es sicherlich in verschiedenen Städten sehr unterschiedliche Möglichkeiten.

Führer: Sagen Sie, Herr Sauerborn, wann wird es eigentlich den ersten Prototyp geben? Denn den gibt es ja noch nicht.

Sauerborn: Nein, leider nicht, weil wir noch Forschung treiben müssen. Also, wir gehen mal davon aus, dass wir frühestens in fünfzehn, zwanzig Jahren so weit sein werden. Dann werden wir auch den größten Bedarf haben weltweit, weil wiederum die Weltbevölkerung dann ungefähr bei neun Milliarden steht, von jetzt sieben auf dann neun. Und dementsprechend ist eben der Druck auf die Landwirtschaft besonders groß, weil die Nachfrage nach Rohstoffen aus der Landwirtschaft kontinuierlich steigt. Und wir eine Antwort haben müssen zu dem Zeitpunkt, wo dann auch der Bedarf gedeckt werden muss.

Führer: Sagt Professor Joachim Sauerborn von der Fakultät für Agrarwissenschaften der Universität Hohenheim. Er forscht zum Thema Sky Farming. Und wenn Sie mal so ein Modell so eines Sky-Farming-Hochhauses sehen möchten: Ab dem 1. Juni tourt nämlich das Ausstellungsschiff MS Wissenschaft mit so einem Modell durch 35 deutsche Städte. Gucken Sie mal, wann es bei Ihnen ist, dann können Sie sich das ansehen. Und ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Sauerborn!

Sauerborn: Ich bedanke mich!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Thema

Bildung12 Jahre Schule so gut wie 13

 Die Debatte um das "Turbo"-Abitur reißt nicht ab.

Schüler sind nach 12 Jahren Schule genauso fit fürs Studium wie nach 13, sagt die Bildungsforscherinnen Isabell van Ackeren. Eine Studie, die sie mit Kolleginnen durchgeführt hatte, zeige auch bei der Persönlichkeitsentwicklung keine Unterschiede.

Vinyl "Am Tresen wird über Platten gesprochen"

Eine Schallplatte wird in einem Musikfachgeschäft in Hannover (Niedersachsen) auf einem Plattenspieler abgespielt. 

Für Musikfans, kleine Labels und Plattenläden ist der "RSD", der ursprünglich aus den USA kommt, ein Fest. Limitierte Schallplatten werden in mehr als 300 Stores verkauft und Bands spielen live. Ein richtiger "Vinyl-Feiertag".

Präsidentschaftswahl"Das algerische Volk ist einfach müde"

Der algerische Schriftsteller Yasmina Khadra, Oktober 2013 auf der Frankfurter Buchmesse

Die Menschen seien gelähmt von ihrer Angst vor Gewalt, sagt der Schriftsteller Yasmina Khadra über die Lage in seiner Heimat Algerien. So fehle es an Kräften, die das Regime um Präsident Abdelaziz Bouteflika verjagen könnten.