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Studio 9 | Beitrag vom 30.09.2015

Landwirtschaft in BrandenburgKlimawandel vor der Haustür

Von Ernst-Ludwig von Aster

Fast vertrocknet und viel zu klein sind Maispflanzen am 08.08.2015 auf einem Feld nahe Frankfurt (Oder) (Brandenburg). Die anhaltende Trockenheit macht besonders der Landwirtschaft zu schaffen. 25 Liter Regen pro Quadratmeter sind in Teilen der Region in den Monaten März bis Anfang Juni gefallen, benötigt werden von den Bauern aber etwa 120-150 Liter. Foto: Patrick Pleul/dpa (picture-alliance / dpa / Patrick Pleul)
Fast vertrocknet und viel zu klein: Maispflanzen auf einem Feld in Brandenburg (picture-alliance / dpa / Patrick Pleul)

Frühere Ernte, geringere Erträge: Die Bilanz der deutschen Landwirtschaft für 2015 fällt mager aus. Außergewöhnliche Hitze und Trockenheit machte den Bauern das Leben schwer. Für Brandenburg etwa meldete der Deutsche Wetterdienst den regenärmsten Sommer seit 50 Jahren.

"Am 8. September, Maria Geburt, stehen die Schwalben fort. Das stimmt auch nicht mehr ganz Frau Schmidt hat noch ´nen Storch gesehen Der hat wohl den Abflug verpasst."

Die Schwalben sind noch da. Ein Storch stakst auch noch über die Felder - das Wetter spielt dieses Jahr verrückt, da sind sich alle einig auf dem Bauernmarkt. Zwei Rentner lauschen lächelnd. In ihrem Einkaufskorb Hausmacherleberwurst, Kartoffeln, einige Karotten. Alles Produkte der Agrargenossenschaft Neuzelle.

Der trockenste Sommer seit 50 Jahren

Draußen auf dem Parkplatz geht Lothar Kuchling zu seinem Wagen. Ein großer, bulliger Mann mit kräftigem Händedruck. Der Landwirt leitet in Neuzelle die Pflanzenproduktion. Kümmert sich im Südosten Brandenburgs um Getreide, Mais, Kartoffeln:

"Wir haben schon immer hier historisch bedingt Kartoffeln in Neuzelle angebaut. Und wir schälen jeden Tag so drei, vier, fünf Tonnen Kartoffeln für Hotels, Großküchen, Krankenhäuser. Oder et cetera. Wenn man eben 4000 Tonnen erntet, so wie im letzten Jahr. Die 4000 Tonnen müssen erstmal verkauft werden."

Die Kartoffelpreise sind mal wieder unter Druck. Aus Polen drücken günstige Erdknollen auf den Markt. Da müssen die Neuzeller mithalten: Ab Ende September gibt es den 25 Kilo-Sack "Adretta" für acht Euro.

Kuchling steigt in seinen Wagen, ein Kollege klettert auf den Beifahrersitz. Ein Vertreter der Saatgutfirma. Der Wagen rollt zwischen abgeernteten Feldern und Maisschlägen hindurch. Den trockensten Sommer seit 50 Jahren hat der Deutsche Wetterdienst den Süd-Brandenburger bescheinigt. Bis zu 60 Zentimeter Tiefe waren die Böden ausgetrocknet.

"Das haben wir zum Beispiel auch noch nie gehabt: Wir dürfen Kartoffeln ja nur ausliefern, wenn sie Temperaturen von 15 Grad und darunter haben. Und wir hatten aufgrund der Hitze, wir haben ja schon mal Kartoffeln gerodet. Wegen der Hitze hatten die Kartoffeln eine Temperatur von 17 Grad."

Die Hitze schadet den Kartoffeln

Ausnahmezustand auf dem Acker. Hitzestau im Boden. Kuchling schüttelt den Kopf. Zuviel Temperatur schadet Kartoffeln. Im Boden wachsen sie nicht mehr, nach der Ernte drohen Pilzbefall und Fäulnis.

"Es gibt manchmal Sachen, denkt man, die habe ich auch noch nicht erlebt in meinem Leben. Aber dieses Jahr war es so. Wann gab es denn schon mal im August 10-16 Tage mit 35 Grad. / Klar, es hat ja nachts auch nicht mehr abgekühlt. / Der Boden war so aufgeheizt, die mussten wir: ins Kühlhaus?"

Vor ein paar Tagen haben seine bayerischen Kollegen die zweitschlechteste Kartoffelernte der Nachkriegszeit gemeldet. Kuchling steuert den Wagen über einen Sandweg, biegt dann ab aufs Feld, rollt über Maisstoppeln. Einige hundert Meter entfernt bahnt sich der Häcksler seinen Weg durch die Pflanzen

Lothar Kuchling: "Und hier sehen wir so ein bisschen die kleine Misere, wir sehen, der Mais ist schon sehr trocken dieses Jahr, einfach der Sache geschuldet, dass wir im August ganz viele Tage hatten, wo wir über 30 zum Teil 35 Grad hatten."

Schlechte Bedingungen für den Mais

Der Landwirt steigt aus, stapft auf das Feld zu. Seine große Hand greift einen kleinen Kolben. Drumherum welken vertrocknete Blätter:

"Naja, da hat die Versorgung nicht gereicht. Das sieht dann auch dementsprechend aus ..."

Der Hüne zuckt mit der Schulter. Der Mais muss jetzt geerntet werden. Viel länger kann er nicht stehen bleiben:

"Eine Rekordernte wird es definitiv nicht, aber es wird noch ne ansprechende gute Ernte mit der wir unsere Reserven wieder auffüllen werden, damit wir auch im nächsten Jahr Anschluss kriegen. Also davon bin ich jetzt mal überzeugt."

Weiter geht es, zu Kuchlings Versuchsfeld. Hier testet er neue Sorten für den zukünftigen Anbau. Sieben unterschiedliche Mais-Sorten baut der Landwirt hier an. Um zu sehen, wie sie mit den Boden- und Wetterbedingungen klarkommen.

"Ich glaube, es sieht nicht mehr sehenswert aus. Nach dem letzten Guss."

Ein Versuchsfeld im Härtetest

Dieses Jahr war ein Härtetest – auch für den Mais auf dem Versuchsfeld. Erst war es zu trocken, dann kamen Sturm und Starkregen. Einige Markierungsschilder sind vor dem Feld sind abgeknickt. Andere abgebrochen:

"Der Regen der war nicht senkrecht, der war waagerecht unterwegs."

Kuchling stapft ins Feld, schiebt die Maisstangen auseinander.

"Da sehen wir hier ganz deutlich: Es gibt Pflanzen, da steht der Kolben noch. Es gibt Pflanzen, da hängt der Kolben runter. Die Gefahr, dass er jetzt beim nächsten Wind abbricht, ist relativ groß, das ist auch ein Erscheinungsbild, dass die Pflanzen mit der Trockenheit nicht so gut klargekommen sind."

Viele der Versuchspflanzen lassen die Kolben hängen. Sie haben den Härtetest nicht bestanden. Zusätzlich haben Regen und Sturm eine Schneise durchs Feld gezogen. Bauer und Berater mustern schulterzuckend das zerzauste Feld:

"Die Wetterextreme, machen wir uns nichts vor, werden immer größer und in unserer Region hier wird es immer schwieriger zu produzieren, das ist auf jeden Fall so."

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