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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 04.08.2014

LandlebenEinen alten Baum verpflanzt man nicht!

Wie kann im Alter gutes Leben auf dem Land gelingen?

Von Dorothea Brummerloh

Eine Katze sitzt  in Jameln im Wendland auf dem zentralen Platz in dem historischen Rundlingsdorf. (picture alliance / dpa /  Philipp Schulze)
Eine Katze sitzt in Jameln im Wendland auf dem zentralen Platz in dem historischen Rundlingsdorf. (picture alliance / dpa / Philipp Schulze)

Entgegen des Trends der Landflucht gibt es in Deutschland wachsende Dörfer: Im Wendland engagieren sich etwa junge und alte Bewohner gemeinsam für den Erhalt ihrer Gemeinden. Um dem Dorfsterben zu entgegnen, sollte der Gesetzgeber auch Regelungen überdenken, die ausschließlich für dicht besiedelte Regionen gelten.

In einem großen Garten voller bunt blühendender Blumen, neben einer dichten Gartenhecke stehen Bienenstöcke.

Das ist der Ableger, der hat eine Honigwabe, eine Zarge gekriegt. Da ist aber noch nichts groß drin aber eh sie anfangen Honig einzutragen, müssen sie auch die Waben wieder in Ordnung bringen und richtig ausbauen.

Behutsam hebt der Bienenzüchter den Deckel eines Stocks an. Zu seinem Schutz trägt er die imkertypische Kleidung: einen Helm mit Schleier, einen weißen, aus stichfestem Material bestehenden Overall und dicke Handschuhe. Jürgen Hahn nickt zufrieden. In sicherer Entfernung von den Bienenstöcken zeigt er eine Wabe.

Jürgen Hahn: "Das ist eine Wabe, die mit Honig gefüllt ist. Den Honig werden wir in ein paar Tagen ausschleudern. Und das ist ein ganz schönes Gewicht. Wollen sie mal?"

Die Wabe ist schwer und klebt ein wenig. Wenn Imker Hahn den Honig aus den Waben geschleudert hat, wird er - goldgelb in Gläser abgefüllt - viele Liebhaber finden. Während der pensionierte Theologe sich aus seiner Marsmännchen-Verkleidung schält, bittet Ehefrau Esther in die Wohnküche.

An dem stabilen Holztisch vor dem großen Fenster mit Gartenblick, machen es sich Jürgen Hahn, 85 Jahre, seine gleichaltrige Frau Esther und Konstanze, die 46-jährige Tochter, die zu Besuch ist, auf den Küchenstühlen bequem und erzählen.

Jürgen Hahn: "Inzwischen sind es also 22 Jahre, die wir hier verbracht haben. Und wir sind zufrieden mit dem, was wir hier so erfahren haben - auch an Nachbarschaft und Freundschaft und Unterstützung."

Esther Hahn: "Wir haben ganz liebe Nachbarn. Ja, doch das ist sehr angenehm. Es ist wirklich Gemeinschaft. Da ist jeder für jeden da."

Konstanze Hahn: "Und das ist schon auch ein Vorteil an der Geschichte auf dem Land, dass es eine stärkere Gemeinschaft gibt. Das man schon jemanden hat, der einem helfend zur Seite steht. Ich bin ja nicht direkt vor Ort und von daher ist es natürlich beruhigend."

In Kussebode - im niedersächsischen Wendland - kann man die Wohnhäuser auf einen Blick zählen: 14 sind es genau. Nicht mehr als 60 Menschen wohnen in dem abgelegenen Ort. Ländliche Idylle pur, nicht einmal getrübt von einer Durchgangsstraße.

Allerdings gibt es auch keinen "Tante-Emma- Laden", keine Poststelle, keine Schule, von einem Arzt ganz zu schweigen. Arbeitsplätze? Fehlanzeige! Solche Orte findet man inzwischen viele in Deutschland und sie stehen im Verruf, "fleischgewordene" Altenheime zu sein, weil die Jungen wegen der fehlenden Perspektiven wegziehen und nur die Alten bleiben. In Kussebode ist es nicht so.

Kussebode ist ein stabiles Dorf

Esther Hahn: "Nein, es ist ganz gemischt. Es sind alle Generationen eigentlich da, alle Jahrgänge kann man fast sagen. Wir haben junge Leute, die so Mitte 30 sind, wir haben welche, die um die 50 sind, um die 60 ..."

Jürgen Hahn: "Es gab eine Zeit, da haben wir so gedacht, allmählich stirbt der Ort aus. Jetzt gibt es also doch Familien wieder und die auch Kinder haben. Hier spielen Kinder noch auf der Straße und sie sind dabei auch nicht irgendwie gefährdet."

Reiner Klingholz: "Wir sehen immer wieder, dass auch in schrumpfenden Gebieten gegen den Trend plötzlich einzelne Dörfer stabil sind und gerade wachsen."

Reiner Klingholz ist Leiter des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

"Und wenn man dann hinschaut, warum das so ist, dann findet man immer eine sehr aktive Bürgergesellschaft. Da gibt es viele Vereine, die organisieren was, die tun sich zusammen. Und dann sind auch häufig clevere Leute darunter, die auch Arbeitsplätze schaffen, die kleine Unternehmen aufbauen und dieses Leben ist notwendig, um stabile Dorfstrukturen zu schaffen."

Kussebode ist so ein "stabiles" Dorf, wo die sozialen Strukturen noch funktionieren, wo die Mischung aus Jung und Alt einfach stimmt, bestätigt Familie Hahn.
Ihr Ort liegt damit allerdings nicht unbedingt im Trend. Die demographische Entwicklung zeigt, der Anteil der Alten an der Bevölkerung wächst: In 50 Jahren wird jeder dritte Einwohner im Rentenalter sein. Gerade die ländlichen Regionen werden das zu spüren bekommen. Schon jetzt verliert der ländliche Raum teils dramatisch an Einwohnern, während viele Städte wachsen.

Dass sich dieser Trend umkehrt, ist kaum zu erwarten. Die Jungen ziehen in die Nähe ihrer Arbeitsplätze, in größere Dörfer oder Kleinstädte, die infrastrukturell und sozial lebenswerter sind. Zurück bleiben die alten Leute. Nach und nach nimmt in diesen Dörfern ein fataler Kreislauf aus Einwohnerschwund und Wegbrechen der Infrastruktur seinen Lauf, erklärt der Hamburger Wirtschafts- und Kommunalberater Manfred Steinröx. Er hat den Einzelhandel als Indikator für die Veränderung im ländlichen Raum untersucht.

Manfred Steinröx: "Versorgungslücke bedeutet, dass wenn sie in kleineren Ortschaften leben, viele Dinge des täglichen Bedarfs nicht mehr in Fußlauf- oder in Fahrradfahrentfernung finden. Das trifft aber nicht nur auf den Einzelhandel zu, auf den Lebensmitteleinzelhandel zu, das trifft auch zu auf die Postdienststelle, auf die Bankfiliale. Das trifft auch zu auf den Physiotherapeuten, den Arzt zu, erst recht auf die Apotheke - diese Art von Nahversorgung gibt es heute nicht mehr."

Wie sollen Alte von A nach B kommen?

Die fehlende Versorgung ist gerade für Ältere auf Grund der eingeschränkten Mobilität ein großes Problem. Auch in Kussebode hat man Schwierigkeiten von A nach B zu kommen, wenn man kein Auto hat.

Jürgen Hahn: "Also eine Taxe finden wir an der nächsten Straßenecke hier nicht. Man kann sich ein Auto bestellen. Es gibt Firmen, die Privatfahrten anbieten. Das ist natürlich dann teuer." 

Konstanze Hahn: "Es gibt einen Bus, der fährt aber nur dreimal am Tag. Der fährt hier so über die Dörfer und fährt dann nach Lüchow oder Uelzen."

Esther Hahn: "Wir finden immer jemanden, der für uns da ist. Mein Mann musste mal vor Jahren ganz spontan ins Krankenhaus und dann brauche ich wirklich nur irgendeinen Nachbarn anzurufen: Habt ihr ein Auto da? Fahrt ihr uns? Dann fahren sie uns und dann warten sie auch, bis das geregelt ist oder bis man weiß, was ist und so. Also, das ist kein Problem."

Eine gut funktionierende dörfliche Struktur kann solche Mobilitätsprobleme auffangen. Familie Hahn hat zusätzlich das Glück, dass eines der vier Kinder in ihrer Nähe wohnt. Wenn alle Stricke reißen, sei sie ja da, erklärt Tochter Konstanze. Bisher kommen die Eltern aber ganz gut ohne ihre Hilfe zurecht.

Esther Hahn: "Wir fahren nach Clenze und dort finden wir alles, was wir brauchen für die Woche. Und nach Lüchow ist es auch nicht all zu weit. Da sind ja dann auch Dinge, die wir brauchen - ob es ein Buchladen ist oder ob es "KIND" ist, der mit seinen Ohrhörern und so."

Jürgen Hahn: "Wir besorgen unser Grundstück noch selber, wir haben unsere Blumen, ich habe mein Gemüse und die Bienen ... Es ist uns klar, in unserem Alter kann täglich sich die gesundheitliche Situation auch verändern, so dass wir unter Umständen in diesen Haus nicht mehr alleine zurechtkommen und dann müssten wir überlegen, ob es Möglichkeiten gibt, das anders zu organisieren."

Esther Hahn: "Die Selbstständigkeit ... die wollen wir so lange wie es irgend möglich ist in Anspruch nehmen. Wir freuen uns darüber, dass das noch geht."

Zumal beide auch mit 85 Jahren noch Auto fahren. Ohne Auto wäre für Esther und Jürgen Hahn die Selbständigkeit eingeschränkt. Nach wie vor ist auf dem Land das Fortbewegungsmittel Nr. eins das Auto. Viele Orte werden nicht mehr oder nur sporadisch von öffentlichen Verkehrsmitteln angefahren.

Supermärkte öffnen nicht auf dem platten Land

Mittwochmorgen in Otersen, einem kleinen Ort im Landkreis Verden. In dem renovierten alten Fachwerkhaus herrscht bereits reger Betrieb. Die frischen Brötchen gehen um diese Tageszeit "weg wie warme Semmeln", sagt Verkäuferin Petra Hünecke-Zabrock. Während sie ihre Kunden bedient, erzählt sie, was noch so über die Ladentheke wandert.

Petra Hünecke-Zabrock: "Also ich denke, dass wir nicht anders arbeiten wie jeder größere Laden. D.h. also ... Guten Morgen ... wir haben alles da ... also, alles was man auch in den Großmärkten bekommt. Wo wir Wert darauf legen ist auch regionale Dinge anzubieten. Das was wir regional besorgen können, versuchen wir auch und ansonsten gibt es eigentlich alles im Sortiment, was man so benötigt. Wir haben über 2.000 Artikel."

Der Laden ist voll - es sind jüngere und ältere Kunden- und sie kaufen alles ein, was man auch sonst im Supermarkt kauft. Tiefstpreise wie bei den Discountern gibt es hier allerdings nicht. Es rechnet sich trotzdem, sagt die Verkäuferin.

"Aber wir sind günstiger, ja, 12 Kilometer ist das nächste Geschäft und wenn man das oben drauf rechnet, dann sind wir alle mal günstiger. Dafür lohnt es sich nicht in die Stadt zu fahren."

Die Handelsriesen haben am platten Land kein Interesse und sehen in der Fläche immer weniger Zukunft. Die fehlende Versorgung und Infrastruktur ist aber nicht nur für Ältere auf Grund der eingeschränkten Mobilität ein großes Problem, erklärt der Hamburger Wirtschafts- und Kommunalberater Manfred Steinröx. Leerstehende Läden verstärken das negative Image der ums Überleben kämpfenden Dörfer. Das wiederum stößt junge Familien ab, die vielleicht aufs Land ziehen wollen und damit natürlich auch die dörfliche Struktur beleben würden. Eine Abwärtsspirale.

Manfred Steinröx: "Wenn der letzte Bäcker, der letzte Schlachter oder der letzte Einzelhandelsbetrieb zumacht, dann wissen sie genau, der steht anschließend fünf Jahre leer, dann wird eine Wohnung daraus gemacht, dann kommen Gardinen ins Schaufenster, aber sie werden dort nie wieder einkaufen können. Und es hat natürlich auch Auswirkungen auf die sozialen Funktionen eines solchen Ortes, wo man sich regelmäßig trifft."

Schließt ein solcher Laden, fällt auch diese Kommunikationsmöglichkeit weg. Zur Jahrtausendwende war es auch in Otersen soweit. In der 500-Seelen-Gemeinde schloss der letzte Tante-Emma-Laden. In einer solchen Situation stellt Kommunalberater Manfred Steinröx die Frage:

"Gibt es einen Gemeinsinn der Bürger, die sagen, es ist unser Ort und wir tun etwas dafür, dass er attraktiv ist oder sind es Ortschaften, die nur auf die nächste Schaufel Fördermittel warten, aber ansonsten sich eigentlich schon damit abgefunden haben, dass es seit vielen Jahren rückwärtsgeht. Die Initiative kann und muss nur von den Ortschaften selber kommen. Dritte von außen können diese Probleme nicht lösen."

Die Bürger kaufen gemeinsam einen Dorfladen

Günther Lünning: "Am Ende des Tages blieb uns dann nur, entweder packen wir das selbst an oder wir fahren 14 Kilometer zum nächsten Supermarkt."

Günther Lünning ist Betriebswirt und Kommunalpolitiker.

"Und da haben wir uns dann entschieden, wir packen selbst an. Im Nachhinein haben wir das dann genannt Eigeninitiative statt Unterversorgung. Es hätte uns die Einkaufsquelle vor Ort gefehlt und auch so dörflicher Treff. Man trifft sich ja dann auch mal in so einem kleinen Laden. Die meisten Leute kennen sich dann und die kommen dann eben auch ins Gespräch, was ja auch ein Wert an sich ist."

Die Bürger des Ortes - ob jung, ob alt - warfen ihr Geld zusammen. Die Gemeindeverwaltung unterstützte das Projekt - so kam das erforderliche Startkapital zusammen und der Dorfladen konnte entstehen. Auch Petra Hünecke-Zabrock und Katrin Seifert haben Geld in den Sammeltopf gelegt. Für beide Zugezogene eine Investition in die Zukunft: Sie haben eine Einkaufsmöglichkeit und einen Arbeitsplatz im Dorf.

Petra Hünecke-Zabrock: ".... und es wird gerade von den Älteren natürlich gerne angenommen, weil die Möglichkeit in die größeren Städte zu kommen nicht immer so gegeben ist und nur mit Bus und Bahn zu erreichen ist und deswegen nehmen es ganz viele Ältere wahr. Es ist von allen was ... Treffpunkt, die Einkaufsmöglichkeit. Ich denke, ganz viele, die vielleicht den ganzen Tag niemanden zum Sprechen haben, die finden dann eben hier die Möglichkeit."

Katrin Seifert: "Ja, finde ich richtig gut. Es ist für die älteren Leute ganz gut und für eine selber hat es auch, dass man ganz schnell einfach mal was kaufen kann."

Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat in seiner Studie "Vielfalt statt Gleichwertigkeit" bestätigt, dass solche von den Bewohnern selbst ins Leben gerufene Läden oft multifunktionale Servicezentren sind. Hier in Otersen kann man zum Beispiel nicht nur einkaufen und sich treffen, man gibt Pakete ab, die der Postbote von dort mitnimmt, kann Briefmarken kaufen, Kaffee trinken und Kuchen essen. Außerdem gibt es noch ein Apothekenterminal, wo vor allem die älteren Menschen mit Hilfe der Frauen des Dorfladens ihre Medikamente bestellen. Der Dorfladen als Nachbarschaftszentrum.

"Willkommen im Alten Land" steht am Dienstag (19.06.2012) auf einem Schild in der Nähe von Jork. Niedersachsen schickt das Alte Land und die Rundlingsdörfer im Wendland ins Rennen um den Weltkulturerbetitel der UNESCO. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen )"Willkommen im Alten Land" steht auf einem Schild in der Nähe von Jork. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen )

Reiner Klingholz: "Das sind neue Zentren, die kannte man früher gar nicht. Und die können auch neues Leben in diese Orte reinbringen. Dafür braucht man aber sehr viel eigenes Engagement der Bürger in den Orten und das ist ja eigentlich auch keine schlechte Idee, weil das in den Dörfern immer so war, das die sich vielmehr um die eigenen Belange kümmern mussten als etwa in der Stadt."

Auch Reiner Klingholz, Leiter des Instituts für Bevölkerung und Entwicklung sagt, dass ein Umdenken in Gang gesetzt werden muss- doch nicht nur bei den Dorfbewohnern, sondern auch bei den Entscheidungsträgern: Man muss lernen, das Denken in Strukturen durch das Denken in Dienstleistungen zu ersetzen.

"Wenn man sich beispielsweise eine Schule überlegt, dann haben wir heute für Schulen gewisse Normansprüche, d.h. es braucht für eine Schule mindestens 200 Kinder, mindestens zwei parallele Züge usw. und wenn diese Normen und Normgrößen unterschritten werden, dann werden Schulen häufig geschlossen. Das gilt für andere Einrichtungen auch: Für Arztpraxen, für Krankenhäuser, für Ämter usw. D.h. mit den Strukturen, die wir mal hatten, bricht die Versorgung in diesen dünnbesiedelnden ländlichen Gebieten zusammen, weil dann wegen Unternutzung immer mehr Einrichtungen geschlossen werden."

Wenn man jetzt aber in Dienstleistungen denkt, so Klingholz, dann heißt das, dass die Aufgabe im Vordergrund stehen muss. Die Struktur ist dabei zweitrangig. So kann zum Beispiel auch die ärztliche Versorgung auf dem Land besser organisiert werden.

"Also der Gesetzgeber oder die Verwaltung generell muss da flexibler werden - weg von diesen starren Regelungen, die wir ja in Deutschland oder in der EU haben, die aber im Allgemeinen für die großen Zentren gedacht sind. Wir brauchen da insgesamt mehr Flexibilität, mehr Ausnahmemöglichkeiten, damit dort in diesen Gebieten neue Ideen auch umgesetzt werden können. Es gibt eine Reihe von Ideen zum Beispiel wie man den Nahverkehr zum Teil privat organisieren kann mit Bürgerbussen, wie Arztpraxen Zweigstellen aufmachen können usw."

Die Aufhebung der sogenannten Residenzpflicht, von der Reiner Klingholz spricht, brachte zum Beispiel vor zwei Jahren wieder mehr Haus- und Fachärzte in die ländlichen, medizinisch unterversorgten Gebiete. Die Ärzte dürfen nun Zweitpraxen fern von ihrer Wohnung betreiben und können auch stundenweise Sprechzeiten in Dörfern abhalten. Solche intelligenten Lösungen könnten laut der Studie "Vielfalt statt Gleichwertigkeit" helfen, den ländlichen Raum besser zu versorgen. Doch das Umdenken scheint ein zäher Prozess zu sein.

Arztpraxis fährt bei Patienten vorbei

Unterwegs im Landkreis Wolfenbüttel. Mit einem umgebauten VW- Bus fährt die Allgemeinmedizinerin Silke Wachsmuth-Uhrner heute nach Groß Flöthe, einem winzigen Ort in Niedersachsen, den man nur mit dem Navi findet. Am zentral im Ort gelegenen Sportplatz hält die Ärztin an, nimmt das Stromkabel aus dem Auto, steckt es in die Steckdose am Haus und sorgt so für die nötige Elektrizität. Sie schließt die "rollende Arztpraxis" auf und die Sprechstunde kann beginnen - wie immer dienstags, alle zwei Wochen von neun bis 12 Uhr.

Silke Wachsmuth-Uhrner: "Wir haben also die Basis der allgemeinärztlichen Praxis an Bord ... wir haben hier eine kleine Wundversorgung. Wir können Infusionen legen, Blut abnehmen für Basislabor, wir haben sogar einen kleinen Kühlschrank an Bord mit Tetanus-Impfstoff, Insulin für Notfälle. Wir können EKG schreiben ... RR messen, in die Ohren gucken und so was alles."

Die erste Patientin wartet schon: Brunhilde Wilkens. Die 83-Jährige kommt regelmäßig. Sie benötigt ein Medikament, das ihr die Ärzte spritzen müssen. Der nächste Hausarzt ist neun Kilometer weit weg. Bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad sei das ganz schön weit, meint Frau Wilkens.

Brunhilde Wilkens: "Ist doch hier so umständlich bei uns. Es gibt doch hier gar nichts, überhaupt nichts ... Arzt gab es mal hier einen. Das ist schon Jahre her. Der ist dann in Ruhestand und seitdem ist nichts mehr, gar nichts."

Silke Wachsmuth-Uhrner: "Ein überwiegenden Teil unserer Patienten sind alte Menschen - also 70 plus würde ich jetzt wirklich mal so sagen. Und das sind die typischen chronischen Alterserkrankungen - das sind Blutdruckprobleme, das sind Probleme mit den Gelenken, das ist möglicherweise Diabetes, chronische Lungenerkrankung, alles was die typische Hausarztpraxis ausmacht."

Damit die Ärzte dieses Pilotprojekt zur hausärztlichen Versorgung im ländlichen Raum überhaupt starten konnten, musste eine gesetzliche Hürde genommen werden: Ärzte dürfen in ihrer ärztlichen Tätigkeit nicht umherziehen. So steht es in ihrer Berufsordnung.

"Ja, das war ein großes Problem mit der Ärztekammer, da haben wir lange für gekämpft. Die sind also drei Tage bevor der Start war, haben mein Kollege und ich ein Schreiben gekriegt vom Justiziar der niedersächsischen Ärztekammer. Da sind die endlich über ihren Schatten gesprungen und haben also im Rahmen des Projektes eine Ausnahmengenehmigung erstellt."

Ländliche Verwaltungen brauchen Flexibilität

Damit nicht für jede einzelne "rollende Arztpraxis" eine neue Genehmigung erteilt werden muss, bedarf es der Änderung der Berufsordnung. Doch solche Änderungen dauern - gefühlte - Ewigkeiten. Derartige bürokratische Hürden verhindern vielerorts wirklich gute Initiativen, weiß Reiner Klingholz und fordert Experimentierklauseln und lernende Verwaltungen.

Reiner Klingholz: "Eine lernende Verwaltung ist eine, die sich jetzt nicht an den bestehenden Richtlinien, die für dichter besiedelte Räume gemacht sind, festhält, sondern sagt, wir müssen versuchen unser Leben in diesen Regionen anders zu organisieren und dafür brauchen wir mehr Freiheit. Wenn wir einen starren rechtlichen Rahmen haben, beispielsweise bei der Abwasserentsorgung, dass die Haushalte an große Kläranlagen, Gemeinschaftskläranlagen angeschlossen sind, die aber nicht mehr zu finanzieren sind, dann bräuchte man die Möglichkeit, die EU- Abwasserrichtlinie in diesem Fall außer Kraft zu setzen und zu sagen, wir erlauben jetzt dezentrale Kläranlagen. Wir müssen uns dann lösen von diesen alten Strukturen und das böte dann eben die Möglichkeit einer neuen Form der Entwicklung in diesen Regionen, die mit weniger Kosten verbunden ist."

Zu Besuch in Abingwehr, einem kleinen Ort in der Nähe der Stadt Emden. Äcker, Wiesen, Weiden umgeben das Dorf. Kein Berg, kein Hügel verstellt den Blick über das ostfriesische Land. Man meint, die nahe Nordsee am Horizont sehen zu können.

Heinrich Hallwaß führt durch Abwingwehr, das Dorf, das seit 45 Jahren seine Heimat ist. Viel Zeit braucht er dafür nicht: In einer halben Stunden ist man rum. Hallwaß ist 65 Jahre und Rentner, hat als Schlosser erst auf der Werft, später in einem Autowerk gearbeitet. Hallwaß erzählt, dass seine Frau und er, aber auch die anderen Dorfbewohner für alles - für jedes Taschentuch, jedes Rezept, für jeden Liter Milch und was man sonst noch so für das tägliche Leben braucht - ins 20 Kilometer entfernte Emden fahren müssen.

Heinrich Hallwaß: "Die ersten Jahre hatten wir noch einen Kaufmann. Dann gab es so zwei kleine Hefte, da wurden dann die Waren aufgeschrieben, dann wurde geliefert zweimal die Woche - mittwochs und samstags - kam der und dann nahm er das andere Buch wieder ... Ja, dann gab es ein Bäcker, der kam auch zweimal die Woche und dann gab es früher noch diese fliegenden Händler, die hatten Klamotten, wenn man mal eine Hose brauchte oder so. Wurde alles zu Hause angeliefert."

Heute kommt kein fliegender Händler mehr ins Dorf, dafür hat das Internet Einzug gehalten. Manche seiner älteren Nachbarn scheuten sich davor, sagt Hallwaß. Der ehemalige Schlosser nicht. Er trifft sich zusammen mit anderen in einem PC- Club, der sich die "Spätsurfer" nennt.

Landleben kann sehr teuer werden

Heinrich Hallwaß zeigt die hauseigene Minikläranlage. Der Rentner ist froh, dass er nicht an einer zentralen Kläranlage angeschlossen ist. Ein Freund, der im niedersächsischen Wildeshausen lebt, hat ihm erzählt, dass die Kosten dafür stetig steigen.

"Wenn weniger Leute da sind, muss man halt mehr bezahlen. Das ist natürlich auch ein Nachteil für die Anwohner. Wir sind ja nun froh, dass wir diese Kläranlage haben. Ans Hauptklärwerk - wer soll das bezahlen? Das kann ja keiner aufbringen dat Geld."

Solche steigenden Kosten können gerade ältere Menschen irgendwann nicht mehr aufbringen und dann muss man sich wirklich überlegen - auch wenn man es partout nicht will - dahin zu ziehen, wo es infrastrukturell in jeder Hinsicht einfacher ist. Gehen oder bleiben, auch Familie Hallwaß hat sich diese Frage gestellt.

"Zum Beispiel: Unser Dach ist jetzt ja 50 Jahre alt, wird marode. Haben wir jetzt auch lange überlegt: Legen wir jetzt ein neues Dach rauf oder machen wir den Abflug hier? Meine Frau sagt, auf keinen Fall. Ich bleibe hier. Ich bleibe hier, so lange wie es möglich ist. Ich gehe hier nicht weg. Ich möchte hier bleiben. Okay, da haben wir uns entschlossen, jetzt bekommen wir in den nächsten Wochen ein neues Dach und dann wollen wir hoffen, dass wir noch ein paar Jahre hier leben können."

In Zukunft wird es immer teurer, aber auch wenig lukrativ sein, für den gesamten ländlichen Raum Infrastruktur wie Energie, Straßen und Abwasserversorgung zur Verfügung zu stellen. Wenn immer weniger Menschen in den Dörfern leben, immer weniger Steuern eingenommen werden, müssen die Verbleibenden die stetig steigenden Kosten trotzdem schultern, erklärt Manfred Steinröx, der Hamburger Wirtschafts- und Kommunalberater.

Manfred Steinröx: "Zu den Infrastrukturen, die jede Gemeinde finanzieren muss, gehören zum einem die Gemeindestraße, es gehört aber auch die Versorgung mit Wasser und die Abwasserentsorgung dazu. Alles sind sehr teure Maßnahmen, die die Gemeinden regelmäßig durchführen müssten. Auch die Unterhaltungen sind hoch. Und dann stellt sich das als eine sehr große Last heraus, dass sie die Infrastruktur ja nicht entsprechend der Bevölkerungsbewegung einfach reduzieren können."

Forderung: Passus der Gleichwertigkeit durch den Passus einer Vielfalt ersetzen

Auch die hoheitlichen Aufgaben wie Polizei und Feuerwehr zum Beispiel sind in solchen abgelegenen Gebieten teurer. Überall für alle die gleichen Lebensbedingungen aufrechtzuerhalten - so wie im Grundgesetz verankert -, scheint in Zeiten knapper Kasse und strenger Gesetze und EU- Vorgaben kaum mehr möglich.

Reiner Klingholz: "Man sollte diesen Passus der Gleichwertigkeit durch den Passus einer Vielfalt ersetzen und gleichzeitig diesen Regionen, die Probleme haben Möglichkeiten zu geben, anders zu handeln, anders zu agieren."

Verschiedene Studien, die sich mit der Entwicklung des ländlichen Raumes befassen, empfehlen, bei der Raumplanung mehr auf ländliche Zentren zu setzen. Auch die Bundesregierung konzentriert sich in ihrer Demografie-Strategie auf Klein- und Mittelzentren. Bisweilen wird schon diskutiert, ob nicht Förderprämien zur Aufgabe sterbender Dörfer gezahlt werden sollen. Eine "Abwrackprämie für die Posemuckels Deutschlands"? 

Manfred Steinröx: "Bevor die "Abwrackprämie" kommt, sollte man vielleicht darüber nachdenken und sagen, wo wollen wir nach unserer Dorfentwicklungsplanung tatsächlich neue Siedlungseinheiten entstehen lassen? Weisen wir Flächen für neue Sportplätze oder für neue Wohngebiete dort aus, wo die einzelnen Ortschaften das unbedingt wollen, oder sagen wir, wir konzentrieren die Entwicklung der nächsten beiden Generationen auf einen Kern-Ort und schaffen es dadurch, auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, um diese Infrastrukturen, die wir dort konzentrieren auch unterhalten zu können. Eine solche Konzentration hätte aber auch noch andere positive Ergebnisse, weil sie dort Siedlungseinheiten am Leben erhalten können, die jetzt auch für private Dienstleister wie eben das Einzelhandelsgeschäft oder die Bankfilialen es möglich machen, dort auch Dienstleistungen weiter anzubieten. Je mehr sie eine schwindende Bevölkerungsgruppe auf eine große Fläche verteilen, umso unattraktiver wird es für stationäre Dienstleister diese zu versorgen. An der Konzentration geht kein Weg vorbei."

Dunkle Wolken ziehen über das Boitzenburger Land (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Oliver Mehlis)Dunkle Wolken ziehen über das Land - die Landflucht und die Urbanisierung sind ein ungebrochener Trend. (picture alliance / dpa / Oliver Mehlis)

Allerdings wird es immer Menschen geben, die ihren Heimatort nicht verlassen und in diese Zentren ziehen wollen. Sie müssen zwar keine Angst haben, dass Strom und Wasser abgestellt werden, nur weil ihr Ort zu weit weg liegt. Aber:

Reiner Klingholz: "Man muss einerseits der Realität ins Auge blicken, dass bestimmte Dörfer nicht dauerhaft existent bleiben werden. Da muss man sich um die letzten Menschen natürlich kümmern, die immer schlechter versorgt sind und man sollte diesen älteren Menschen Angebote machen und sie dabei unterstützen, wenn sie in das nächsten größeren Ort oder Zentrum umziehen wollen ... das heißt, ich habe die Waben rausgezogen und die Bienen umquartiert."

Was politisch gewollt ist, vielleicht auch vernünftig klingt, ist für Jürgen und Esther Hahn allerdings bisher noch keine Option.

Jürgen Hahn: "Also dazu fällt mir auch praktisch nichts dazu ein, wo wir dann hinziehen sollten. Clenze wäre natürlich eine Möglichkeit. Es gibt auch andere Orte, wo man unterkommen könnte. Sicher. Das ist so ein Gedanke, der aber ein bisschen ferner von uns geblieben ist bis jetzt."

Esther Hahn: "Wir können uns eigentlich hier nicht von trennen. Können wir uns nicht vorstellen, dass wir uns hier trennen sollen."

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