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Studio 9 | Beitrag vom 05.02.2016

Landesmuseum ZürichDada als wildes Durcheinander

Von Christian Gampert

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Friedrich Nietzsches Satz "Gott ist tot" und Tristan Tzaras Aussage "Die Kunst ist tot", zu lesen in der Ausstellung "Dada Universal" im Landesmuseum in Zürich. (picture alliance / dpa / Ennio Leanza)
Friedrich Nietzsches Satz "Gott ist tot" und Tristan Tzaras Aussage "Die Kunst ist tot", zu lesen in der Ausstellung "Dada Universal" im Landesmuseum in Zürich. (picture alliance / dpa / Ennio Leanza)

Die Ausstellung "Dada Universal" im Landesmuseum Zürich ist ein ganz schönes Durcheinander. Für den, der sich darauf einlässt, bringt sie trotzdem oder gerade deswegen reiche Beute. Rezensent Christian Gampert fühlte sich gar wie in einem dionysischen Rausch.

"Dada siegt! Wiedereröffnung der polizeilich geschlossenen Ausstellung, Schildergasse 37. Dada ist für Ruhe und Orden! Dada ruht nie, Dada vermehrt sich…" Das Plakat stammt zwar aus Köln, aber für Ruhe und Orden war man auch in Zürich – dort, wo 1916 eine Initialzündung der Moderne stattfand, als der dadaistische Zirkel sich gründete. Dada war eine Migrantenbewegung. Lauter dubiose Ausländer in der Schweiz, die Kunst und Politik neu erfinden, die Ekstase des gelebten Augenblicks genießen wollten. Außenseiter, denen es unter heutigen Bedingungen nicht gut gegangen wäre, sagt Kurator Stefan Zweifel.

"Da muss man sehen, dass alle diese Dadaisten, Hugo Ball wegen Kokainhandels, sofort ausgewiesen worden wären. Emmy Hennings wäre wegen Prostitution, unerlaubter, ausgewiesen worden. Tristan Tzara wäre wegen revolutionärer Umtriebe ausgewiesen worden, und Hans Arp wegen Dienstverweigerung und Schwachsinn."

Die Ausstellung "Dada Universal" im Landesmuseum Zürich, die uns das Chaos der dadaistischen Anfänge nahebringen will, ist selber der Unordnung verpflichtet, dem Assoziativen, der Sehnsucht nach dem Augenblick der Selbstentgrenzung. Die Exponate stehen zwar – seriös wie im Louvre – in übermannshohen kubischen Vitrinen, aber im Saal herrscht dann fröhliche Wissenschaft, ein wildes Durcheinander aus Filmen, Kunst und kulturgeschichtlichen Objekten.

Gewährsmänner, Vorbereiter und Erben von Dada

Hugo Ball, der Sprachkünstler, trat ja anfangs auf wie ein Priester, in kubistischer Verkleidung, ein Schamane, und so werden wir empfangen von einem Lautgedicht. Vordergründig ist das Nonsens, aber hier werden eben die Silben durcheinandergewirbelt wie im – 1916 sehr präsenten – Weltkrieg die Körper und Gliedmaßen der Soldaten.

Das klingt (auch) wie eine Beschwörungsformel, fast religiös. Die Ausstellung zitiert jede Menge Gewährsmänner, Vorbereiter und Erben von Dada herbei, von den Gnostikern, Nietzsche und Lautrámont als Vorläufern bis zu den Pariser Situationisten, den 68er und der Punk-Bewegung als angebliche Nachfahren. Das kann man auch anders sehen, und doch hat vieles eine Plausibilität. Auf alle Fälle gab Dada der Kunst einen unglaublichen Schub, und der wird hier spürbar.

Hans Arp, Stille Skulptur /Corneille, 1942; Aargauer Kunsthaus Aarau / Schenkung Marguerite Arp-Hagenbach. Foto: Hauser & Wirth (2015, ProLitteris, Zurich)Hans Arp, Stille Skulptur /Corneille, 1942; Aargauer Kunsthaus Aarau / Schenkung Marguerite Arp-Hagenbach. Foto: Hauser & Wirth (2015, ProLitteris, Zurich)

Und dieser Schub wird eingebettet in Kultur- und Sozialgeschichte. Auch da geht es den Kuratoren darum, ungewöhnliche Zusammenhänge herzustellen. Eine dadaistische Maske von Marcel Janco wird zum Beispiel einerseits in Bezug zu afrikanischer Kunst gesetzt, andererseits mit einer Gasmaske aus Verdun verglichen. Hans Arps Ei wird mit Echnaton in Verbindung gebracht, der die Sonnenscheibe Aton als einzigen Gott anbeten ließ. Das "Cabaret Voltaire" ist als "Kaaba der Avantgarde" inszeniert, als Zentrum der Ausstellung. Dodo, ein ausgestorbener Vogel, der nicht fliegen kann, flattert durch dadaistische Gedichte – er wird als vorzeitliches Skelett gezeigt. Mary Wigman tanzt Hexentänze – im Film. Und der Schweizer Nationalheilige Wilhelm Tell steht als naiver Narr an der Seite von Psychiatrie-Kunst und dadaistischen Narreteien.

Neue Erkenntnis durch Verwirrung

Auch die Kuratoren stellen sich ein bisschen dumm, sie schauen auf Dada wie Flauberts tumbe Helden Bouvard und Pécuchel – und wollen genau dadurch Verwirrung und neue Erkenntnis stiften – sagt Stefan Zweifel…

"Dieses Spiel mit dem Zufall – mal zu schauen, wie können wir diese Objekte zu einem Cadavre exquis, wie zu einer Collage zusammenstellen, wo etwas leicht Idiotisches, Sympathisches drinbleibt, vielleicht auch etwas Schweizerisches, wo die Zusammensetzung der Werke nicht total ausgeklügelt ist, sondern auch ein bisschen schief in der Landschaft steht… das hat uns natürlich gereizt, und es ist vielleicht auch ein Trick, um das eigene Wissen zu übertölpeln und die Sache neu zu sehen."

Marcel Duchamp, "Fountain", 1917 / Replikat 1964, Keramik; The Israel Museum, Jerusalem (Succession Marcel Duchamp / 2015, ProLitteris, Zurich)Marcel Duchamp, "Fountain", 1917 / Replikat 1964, Keramik; The Israel Museum, Jerusalem (Succession Marcel Duchamp / 2015, ProLitteris, Zurich)

Für den, der die Sache akademisch sieht, ist die Ausstellung also ein rechtes Durcheinander. Für den, der sich darauf einlässt, bringt sie reiche Beute. Er wird mit schönen Sätzen konfrontiert wie Hugo Balls "Dada ist eine perfide Lakritzensauce" von 1916, er darf Aragons "Selbstmord"-Gedicht von 1920 lesen, das nur aus dem ABC besteht, er sieht Fotos von Artaud und Aufnahmen von Punk-Konzerten, er liest die Parole des Situationisten Guy Debord, der da sagt "Ne travaillez jamais", bitte, Leute, niemals arbeiten!

Man könnte jetzt viele Namen und Objekte aufzählen. Bescheiden wir uns mit einem Wort von Tristan Tzara von 1923 , das an der Wand steht: "Zürich ist in ein Korsett des Unglücks geschnürt". Jetzt nicht mehr. Diese Ausstellung wird Zürich aufmischen, und auch wenn die Professoren die Nase rümpfen: wer entsprechend gewappnet da reingeht (und die Dadaisten hatten reiche Drogenerfahrung), der kommt vielleicht in einen Tanz der Assoziationen, in einen dionysischen Rausch…

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