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Fazit | Beitrag vom 11.03.2016

"Lampedusa"-Inszenierung in BochumDas europäische Prekariat und die Flüchtlinge

Von Dorothea Marcus

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Flüchtlinge vor der italienischen Insel Lampedusa (picture alliance / dpa / Carlo Ferraro)
Flüchtlinge vor der italienischen Insel Lampedusa (picture alliance / dpa / Carlo Ferraro)

Eine Figur in Olaf Kröcks Inszenierung "Lampedusa" entsorgt die Leichen im Meer ertrunkener Flüchtlinge, die andere arbeitet für ein Inkasso-Unternehmen. Beide befreunden sich mit Menschen, die sie eigentlich abwickeln sollen. Emotional ergreifend, aber teilweise doch zu einfach.

"Lampedusa", jenes Symbolwort europäischer Abschottung vor Flüchtlingselend – und eine italienische Insel im südlichen Mittelmeer - ist ein schmales, 27 Seiten kurzes Zweipersonenstück über Mitgefühl und die Möglichkeiten von Humanität. Geschrieben ist es in recht einfacher, bodenständiger Alltagssprache und packt vor allem emotional. Autor Anders Lustgarten stellt in Monologen zwei Figuren parallel vor; beide hart um Aufstieg kämpfende, europäische Figuren des Prekariats, zwangsweise zu Handlangern eines neoliberalen Systems gemacht. Stefano, ein arbeitsloser Fischer, ist auf Lampedusa jetzt angestellt, die Leichen der angeschwemmten Flüchtlinge zu entsorgen. Ein Drecksjob mit Hochkonjunktur. Auf der Bühne erzählt er davon, wie sich Wasserleichen anfühlen. Bilder von toten Flüchtlingskindern reichen offenbar nicht mehr aus als drastische Schockwirkungen auf gemütliche Theaterzuschauer.

"Auch wenn das kalte Wasser den Körper konserviert, so ändert es doch die Konsistenz des menschlichen Gewebes. Sie zerfallen in deinen Händen, wenn sie eine Weile im Meer waren. Das ist ein Gefühl, als ob dir so eine ölige aufgeplatzte Mülltüte aus den Händen gleitet."

Die andere Figur, Denise, Halb-Chinesin mit völlig verarmter Mutter, finanziert ihr Politik-Studium in einer verarmten Gegend Englands als Eintreiberin für ein Inkasso-Unternehmen – nur einen Fingerbreit vor dem möglichen eigenen Absturz entfernt. Die beiden begegnen sich bei Lustgarten nie, und dennoch gibt es Parallelen: Beide befreunden sich mit Menschen, zu deren Abwicklung sie eigentlich eingesetzt sind. Stefano mit einem Flüchtling, dessen Frau er dann noch aus dem Meer rettet, Denise mit einer verschuldeten, alleinerziehenden portugiesischen Mutter. Beide entwickeln darin Güte, Stärke und Mitgefühl – und überwinden dadurch ihre Einsamkeit und moralische Armseligkeit zugleich. Soweit die frohe, utopische und geradezu märchenhafte Botschaft des Abends, der nebenbei noch mit dem brutal-kapitalistischen Sozialsystem Großbritanniens abrechnet.

Neoliberale Prozesse, emotional erzählt

Autor Anders Lustgarten ist seit etwa fünf Jahren zugleich Shooting-Star und Außenseiter der britischen Theaterszene. Der 39-jährige Amerikaner mit jüdisch-osteuropäischen Wurzeln studiert in Oxford Chinesisch und chinesische Politik, ist nebenbei professioneller Leichtathlet und definiert sich, weit vor dem Schreiben, als politischer Aktivist. Er hat bereits in Gefängnissen gearbeitet, auch mehrfach selbst im Gefängnis gesessen, vertritt mehrere Hilfsorganisationen. Die Probleme bürgerlicher Pärchen in bürgerlichem Wohlstand würden ihn wohl nicht interessieren, ihm geht es mehr um neoliberale Prozesse, emotional erzählt. Auch theoretische Fragen von Repräsentation und Authentizität werden nicht gestellt: Ein deutscher Autor hätte ein so fast naiv utopisch-menschliches Drama wohl kaum so geschrieben.

Regisseur Olaf Kröck geht das vorsichtig an, aber durchaus klug. Es ist die erste Regiearbeit des Dramaturgen und designierten Interimsintendanten, bevor Johann Simons in der Saison 2018 das Schauspielhaus Bochum übernimmt. In einem Wasserbassin türmt sich ein riesenhafter Berg aus Altkleidern (Bühne: Dorothea Lütke Wöstmann), um den die Protagonisten in Gummistiefeln platschen und nach und nach die Altkleider einsammeln, die metaphorisch für die im Mittelmeer sterbenden Leichen stehen.

Flüchtlinge als menschliche Bereicherung der Europäer

Raiko Küster und Juliane Fisch tauchen psychologisch tief in ihre pragmatisch heruntergekühlten, aber bald doch menschlich berührten Protagonisten ein, die selbst nichts zu verlieren haben. Kröck lässt offen, ob die beiden sich vielleicht doch virtuell begegnen, er wirft abwechselnd Schlaglichter auf sie und lässt sie doch immer wieder vorsichtig Kontakt aufnehmen in einer poetischen Sphäre des Irrealen. Sie umkreisen und beobachten sich und küssen sich sogar einmal – Nähe ist in globalisierten Zeiten möglich trotz der Welten, die sie trennen. In der Szene, als der Fischer ausfährt, um die Frau seines Flüchtling-Freundes zu retten, peitscht sie im Bühnenbassin die Wellen auf bis zur eigenen körperlichen Erschöpfung. Nah sind sie sich vielleicht eben wirklich im Sinne des Aktivisten, als der sich Anders Lustgarten vor allem definiert: Gleichgesinnte treffen sich heute auch über Kontinente.

Und so ist in Bochum ein emotional ergreifender, utopischer Abend über Hoffnung und Selbstermächtigung auf die Bühne gekommen, bei dem man sich fast schämt, doch etwas Negatives anmerken zu müssen. Denn einiges ist an "Lampedusa" dann doch etwas zu einfach: Flüchtlinge vor allem als menschliche Bereicherung einsamer Europäer zu sehen, spricht zwar zum Herzen, führt aber auch nicht aus den Problemen heraus.

Mehr Informationen zu "Lampedusa" von Anders Lustgarten in der Inszenierung von Olaf Kröck am Schauspielhaus Bochum auf der Webseite des Theaters

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