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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.04.2008

Lamaismus und Konfuzianismus

Der chinesische Kulturkampf in Tibet

Von Ferdinand Fellmann

Chinesische Polizisten kontrollieren Autofahrer auf dem Weg nach Lhasa, Tibet. (AP)
Chinesische Polizisten kontrollieren Autofahrer auf dem Weg nach Lhasa, Tibet. (AP)

Die Diskussion um einen möglichen Boykott der Olympischen Sommerspiele in Peking dreht sich derzeit um Menschenrechte und Machtpolitik. Hier ist die Empörung in den europäischen Demokratien verständlich, wenn es auch politisch nicht sonderlich klug sein würde, den Dialog mit der chinesischen Führung abzubrechen.

Was immer auf diesem Gebiet angesagt sein mag, ein Aspekt wird in der derzeitigen Debatte nicht genügend berücksichtigt. Im Verhältnis Chinas zu Tibet spielt sich ein lang andauernder Kulturkampf ab, über den die Tibeter die westliche Öffentlichkeit im Unklaren lassen. Wenn man hört und sieht, wie tibetische Mönche niedergeknüppelt werden, so denkt man bei dem Wort "Mönch" automatisch an das christliche Mönchstum. Nichts aber ist irreführender als diese Vorstellung. Hier sind einige Klarstellungen angebracht.

Der Lamaismus, die tibetische Sonderform des Buddhismus, ist nicht als Religion in unserem Sinne zu verstehen und sein Mönchstum ist keineswegs rein geistlicher Natur. Die Lamas werden wie Götter verehrt und waren als geistliche Oberhäupter auch eine regierende Kaste, die von den Hirten und Bauern als ihren Leibeigenen lebte. Der 14. Dalai Lama, der 1959 nach Indien geflohen ist, fordert zwar nicht mehr die politische Macht, doch in seinem Auftreten als unermüdlicher Kulturkämpfer verbergen sich nach wie vor weltliche Ansprüche. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass der Lamaismus bis heute ein theokratisches System darstellt. Die buddhistische Lehre von der Erlösung durch Weltentsagung und Gewaltverzicht ist auch ein gesellschaftlicher Machtfaktor, der nach außen aber kaum in Erscheinung tritt.

Stellt man dem Lamaismus den Konfuzianismus der Chinesen gegenüber, so könnte der Kontrast nicht krasser sein. Der Konfuzianismus ist eine Soziallehre, deren Werte stark pragmatisch ausgerichtet sind. Sicherlich hat der Konfuzianismus zur hierarchischen Verkrustung der chinesischen Gesellschaft beigetragen. Insbesondere das Beamtentum sowie die Zurückstellung der Frau hat die Modernisierung Jahrhunderte lang behindert. Durch die Reform des Konfuzianismus aber ist dieses Hindernis weitgehend beseitigt, was sich an der Öffnung der chinesischen Wirtschaft für die Weltmärkte deutlich ablesen lässt. Dass daraus noch keine Zivilgesellschaft in unserem Sinne entstanden ist und dass der Turbokapitalismus im Rahmen der kommunistischen Staatsdoktrin den Chinesen eine demokratische Wertorientierung schwer macht, haben die Intellektuellen längst erkannt. Aber was den modernen Konfuzianismus im Unterschied zum Lamaismus betrifft, so muss man ihm zugute halten, dass er die Vermischung von geistlicher und weltlicher Macht überwunden hat und darin dem Geist der Aufklärung näher steht.

In Anbetracht dieser Konstellation wäre es einseitig, die Einverleibung Tibets kulturell als Tragödie hinzustellen, wie es der Dalai Lama tut. Durch die Berührung mit dem Konfuzianismus sind die hierarchischen Strukturen der tibetischen Gesellschaft aufgebrochen worden. Aber nicht nur das. Mit der Trennung von geistlicher und weltlicher Macht hat ein kultureller Austausch stattgefunden, ohne den Tibet den Anschluss an die Moderne niemals finden könnte. Dass dieser Aspekt in der gegenwärtigen Debatte keine Beachtung findet, ist nicht nur auf die erschreckenden Bilder der Gewalt zurückzuführen, sondern hat auch einen geistesgeschichtlichen Hintergrund. Es gehört zu den Besonderheiten des deutschen Geistes, sich bei Modernisierungen kompensatorisch in Nostalgien buddhistischer Erlösungskulturen zu flüchten. Zu Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert hat Artur Schopenhauer die erste Buddhismuswelle ausgelöst. In den unruhigen 1920er Jahren ist in Deutschland die zweite Buddhismuswelle gelaufen. Heute, im Zeitalter der Globalisierung, geht von den Heilsversprechen des Dalai Lama eine ähnliche Anziehungskraft aus, wie seine Auftritte vor einem großen Publikum beweisen. So charismatisch der exilierte Priesterfürst auch auftritt, man sollte über seine geistliche Botschaft den Machtfaktor und die wirtschaftlichen Interessen nicht aus den Augen verlieren.

Die Verbindung von geistlicher und weltlicher Macht im Lamaismus entspricht nicht unserem Verständnis von Religion nach der Aufklärung. Der Konfuzianismus hat daher in Tibet nicht nur eine Kultur zerstört, sondern sie auch aus den Fesseln einer dunklen Zeit befreit. Damit soll keineswegs das brutale Vorgehen der chinesischen Machthaber gerechtfertigt werden. Die Menschenrechtsverletzungen sind himmelschreiend. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in den Tiefenschichten um einen Kampf zweier Kulturen geht, über deren historische Quellen nur wenig bekannt ist. Mehr Aufklärung ist dringend nötig, damit der Westen dazu beitragen kann, den Kampf in einen Dialog der Kulturen zu verwandeln.

Ferdinand Fellmann, geboren 1939, war Prof. für Philosophie in Münster und lehrte seit 1993 an der Technischen Universität Chemnitz. Fellmann vertritt einen pragmatischen Realismus, der die Funktion der Phantasie berücksichtigt. Wichtige Buchveröffentlichungen: "Das Vico-Axiom: Der Mensch macht die Geschichte" (1976), "Phänomenologie als ästhetische Theorie" (1989), "Geschichte der Philosophie im 19. Jahrhundert" (1996), "Orientierung Philosophie. Was sie kann, was sie will" (1998) und "Der Liebes-Code. Schlüssel zur Polarität der Geschlechter" ( 2007).

Politisches Feuilleton

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