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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.02.2012

Lage in Syrien ist "sehr verzweifelt"

"Adopt a Revolution" will friedliche Proteste mit Geld unterstützen

Elias Perabo im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Ein Mann vor einem brennenden Haus im syrischen Homs. (picture alliance / dpa / Local Coordination Committees)
Ein Mann vor einem brennenden Haus im syrischen Homs. (picture alliance / dpa / Local Coordination Committees)

Elias Perabo will mit "Adopt a Revolution" die Opposition in Syrien unterstützen: Mit Geldspenden sollen Revolutionäre Kameras, Internetzugang und andere Technik kaufen können. Waffenkauf ist tabu: "Wir haben versucht, natürlich so weit wie möglich das auszuschließen."

Jan-Christoph Kitzler: Die Freunde Syriens setzen auf Verhandlung, das haben wir gerade gehört. Aber den Menschen dort hilft das bislang noch ziemlich wenig. In umkämpften Städten wie Homs spielt sich eine humanitäre Katastrophe ab, und um das zu begreifen, was da passiert, muss man nur mal die letzte Reportage der getöteten Journalistin Mary Colvin für die "Sunday Times" aus der Kampfzone lesen. Es gibt viele Oppositionelle, die den Kampf als die letzte Möglichkeit ansehen, das Regime zu seinem Ende zu bringen. Es gibt aber auch noch die, die weiter auf friedliche Proteste setzen, und die brauchen Unterstützung, dachte sich eine Gruppe von Aktivisten in Deutschland, und man gründete Anfang des Jahres "Adopt a Revolution", adoptiere eine Revolution. Ganz oben auf der Internet-Seite steht der Slogan, "Den syrischen Frühling unterstützen", und ich habe vor der Sendung Elias Perabo, einen der Initiatoren, gefragt, ob das nicht etwas in die Irre führt, weil von einem Frühling in Syrien ja zurzeit keine Rede sein kann.

Elias Perabo: Na ja, es gibt eigentlich gerade zwei Bilder von Syrien. Das eine ist in der Tat das Bild von den Städten, wo die Armee seit Wochen sozusagen die Zivilisten beschießt, mit Panzern, mit Mörsergranaten. Das ist das eine Bild. Das andere Bild ist die Tatsache, dass nach wie vor in einem Großteil des Landes die Menschen unbewaffnet in großen Mengen auf die Straße gehen, dass wir nach wie vor einen Zulauf für diese Demonstrationen sehen und dass sich sehr viele Leute noch an diesen friedlichen Demonstrationen beteiligen.

Kitzler: Und die wollen Sie vor allem unterstützen, oder ausschließlich?

Perabo: Genau! Das sind die, die wir unterstützen. Wir unterstützen sozusagen die lokalen Bürgerkomitees, die diesen friedlichen Protest organisieren, die vor allem Aufgaben übernehmen wie die Proteste zu dokumentieren, die die Videos hochstellen, die sich aber auch um Logistik kümmern, damit Verletzte versorgt werden.

Kitzler: Man kann und soll bei Ihnen jetzt Revolutionspatin/Revolutionspate werden. Wie funktioniert das genau?

Perabo: Das funktioniert so, dass man sich eines dieser Bürgerkomitees aussucht, dort einen Betrag spendet, möglichst monatlich, damit wir vor Ort die Aktivisten und die Bürger damit unterstützen können. Wir bringen das Geld nach Syrien, es kommt direkt sozusagen zu denjenigen, zu diesen Bürgerkomitees, die damit sich Kameras kaufen, Internet, aber auch Aktivisten, die in den Untergrund gehen mussten, weil sie von den syrischen Behörden gesucht werden, sozusagen, damit wir diejenigen unterstützen können.

Kitzler: Ein wichtiges Bild bei uns ist eben die militärische Auseinandersetzung in Syrien. Das haben Sie gesagt. Wie können Sie denn verhindern, dass von dem Geld, was da gespendet wird, am Ende nicht Waffen gekauft werden?

Perabo: Das ist ein sehr wichtiger Punkt für uns. Wir haben versucht, natürlich so weit wie möglich das auszuschließen, und haben drei Mechanismen dafür entwickelt. Erstens bekommen diese Komitees Summen zwischen 700 und 900 Euro pro Monat, also ein relativ kleiner Betrag, von dem es sich eigentlich nicht lohnt, Waffen zu kaufen. Zweitens arbeiten wir mit den zwei großen Aktivistennetzwerken zusammen, die von sich aus gar kein Interesse daran haben, dass Waffen gekauft werden, sondern sie wollen explizit, dass dieser Widerstand unbewaffnet bleibt. Und drittens haben wir selbst noch mal ein Netzwerk von Leuten, die immer wieder nachhorchen und von außen in Syrien das etwas beobachten, was diese Komitees mit dem Geld machen.

Kitzler: Jetzt wo die Lage in Syrien zum Teil ja eskaliert ist, da radikalisieren sich Teile der Opposition, oder haben sich schon radikalisiert. Können Sie das eigentlich noch genau trennen, die gewaltfreien Proteste und die, die sich schon radikalisiert und militarisiert haben?

Perabo: Ja, das machen die Komitees auch selber und die Netzwerke. Die sagen für sich ganz klar, wir sind der Flügel, der sozusagen unbewaffnet bleibt. Die Leute, die eine Waffe in die Hand nehmen, gehören zu der sogenannten Freien Syrischen Armee, die kämpfen auf der Seite der Freien Syrischen Armee, aber wir werden unsere Proteste an dem Punkt unbewaffnet bleiben und wollen das auch, wir haben auch so viele Aufgaben im Sinne, wir müssen das dokumentieren, wir müssen Hilfe reinschaffen, wir müssen Internet und Satellitentelefone besorgen, also wir haben so viele Aufgaben und werden eigentlich noch dringender als vorher gebraucht in unserem friedlichen Protest.

Kitzler: Wie sehen Sie eigentlich die Rolle der Opposition in Syrien? Gibt es da nicht auch Regimegegner, denen zurzeit an Eskalation auch gelegen ist, weil sie die Hoffnung haben, dass dann irgendwann doch noch mal von außen eingegriffen wird?

Perabo: Na ja, ich glaube, die Lage insgesamt ist wirklich sehr verzweifelt. Wenn man sich diese Städte anguckt wie Homs, wie Zabadani, wo wirklich seit Wochen nun mit schwerem Geschütz draufgeschossen wird, wo wir so eine humanitäre Katastrophe sehen, da ist eine sehr, sehr große Verzweiflung. Das ist natürlich bei den Menschen da. Ich glaube nicht, dass es in irgendeinem relevanten Prozentsatz so ist, dass die Leute von sich aus versuchen, eine Eskalation der Lage herbeizuführen. Da würde ich doch sehr vehement widersprechen.

Kitzler: Wir im Deutschlandradio haben wie alle Medien das große Problem, sich ein Bild zu machen von dem, was in Syrien passiert, ein Bild, was den Tatsachen entspricht. Wie machen Sie das denn eigentlich?

Perabo: Bei uns ist es so: Zum einen schicken uns die Komitees regelmäßig in Abständen von vier bis sechs Wochen ungefähr einen Bericht - zum einen, was sie gemacht haben in ihrer Stadt, was sie auch mit dem Geld gemacht haben. Diese Berichte werden natürlich auch an die Revolutionspartner, also an die Spender weitergeleitet. Das ist ein sehr wichtiges Informationsmedium. Und dann haben wir ein relativ eng gestricktes Netzwerk zu diesen Komitees, die uns sehr genau berichten können, was in ihrer Ortschaft, was in ihrer Umgebung sozusagen passiert, und so versuchen wir, uns ein sehr gutes Bild von Syrien zu machen, von der derzeitigen Lage.

Kitzler: Sie unterstützen die eine Seite, die, die Assad stürzen wollen. Verkennen Sie eigentlich auch ein bisschen, dass es noch immer viele Syrer gibt, gerade vielleicht auf dem Land auch, die Assad trotz allem weiter unterstützen?

Perabo: Na ja, wir stützen primär sozusagen diejenigen, die friedlich und unbewaffnet auf die Straße gehen und ihr Recht zur freien Meinungsäußerung kundtun. Das ist ja das erste, was wir politisch unterstützen. Diese werden ja - und das muss man sich natürlich auch angucken - seit nun fast elf Monaten massiv und mit aller Gewalt brutal von diesem Regime niedergeschlagen, mit inzwischen über 8.000 Toten. Das Recht auf Meinungsäußerung, das Recht sozusagen zu partizipieren und sich Gedanken darüber zu machen, wie der Staat aussehen will, in dem man leben möchte, das sind Sachen, die wir aktiv unterstützen an der Stelle.

Kitzler: Eine praktische Frage stellt sich dann natürlich noch. Wie kommt eigentlich in der verworrenen Situation jetzt das Geld zu den Menschen, die Sie unterstützen wollen?

Perabo: Das Geld kommt zu den Menschen, indem wir das über diese Netzwerke nach Syrien transferieren. Das heißt, wir können nicht einfach überweisen, wie es vielleicht normal möglich wäre, sondern das wird entweder über die Grenzen direkt in das Land reingeschmuggelt, das heißt über Jordanien, Türkei oder Libanon. Das ist der eine Weg. Der zweite Weg ist, dass es sozusagen innerfamiliär über bestimmte reiche Familien geht, wo man im Ausland den Menschen Geld gibt, das können die im Inland sich dann sozusagen bei dieser gleichen Familie irgendwie abholen. Und der dritte Weg ist, dass wir direkt auch Hardware, das heißt Equipment, Mobiltelefone, Kameras, Satelliten, Internet, nach Syrien reinschmuggeln.

Kitzler: Elias Perabo von der Initiative "Adopt a Revolution". Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Perabo: Gern geschehen.

Kitzler: Und wenn sie sich selbst ein Bild machen woollen im Netz, finden sie die Initiative unter www.adoptrevolution.org oder unter www.syrischer-fruehling.org.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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