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"L'âge atomique"

Ein Coming-of-Age-Film von Héléna Klotz

Von Patrick Wellinski

Szene aus dem Film "L'âge atomique"
Szene aus dem Film "L'âge atomique" (2012 Pro-Fun Media)

Zwei Jungs kommen ins nächtliche Paris. Der eine Junge verguckt sich in seinen Freund, der andere guckt einem Mädchen hinterher. Mit einfachsten Mitteln inszeniert Héléna Klotz ihren traumwandlerischen Debütfilm, der die jugendlichen Sehnsüchte durchforstet.

"L’âge atomique" ist ein so kleiner, stiller und zerbrechlicher Film, dass er Gefahr läuft, in dem Wust an Großerscheinungen diese Woche, unterzugehen. Auch die Regisseurin, Héléna Klotz, kennt man in Deutschland nicht. Dabei prägen und gestalten ihre Eltern, die Drehbuchautorin Elisabeth Perceval und der Regisseur Nicolas Klotz ("Low Life", "La question humaine"), seit Jahren das französische Kino. Doch auch das machen sie eher still und leise, arbeiten an den Rändern der Kunst. Und wie es nun scheint, haben sie ihr Talent und ihre Vision an ihre Tochter weitergegeben.

"L’âge atomique" spielt in einer Nacht in Paris. Zwei Jungs, Teenager, kommen in die Stadt, wollen feiern, wollen trinken, wollen lieben, wollen leben. Ihr Weg führt sie aus dem Zug und durch die Straßen, in Clubs und schließlich auch in den Wald. Klotz folgt den beiden Jungs zärtlich durch die Abenddämmerung, in die langsam einfallende Nacht. Sie lauscht gespannt den pubertären Gesprächen über den Sinn der Liebe und beobachtet nebenbei, wie sich der eine Junge in seinen Freund verguckt, während dieser sein Begehren einem Mädchen entgegenwirft.

Klotz’ Debüt ist im engeren Sinne ein "Coming-of-Age"-Drama. Doch es hebt sich unglaublich wohltuend von ähnlichen Exemplaren dieses Genres ab. Die Regisseurin bedient keine konventionellen Konstellationen, sondern setzt auf die bezaubernde Energie der traumwandlerischen Bilder, die die Kamerafrau Hélène Louvart exzellent einfängt. So wird der Film zu einem Rausch. Die Bilder zerfallen in sehnsuchtsvolle Gesten, Blicke und Töne, aus denen sich ein Teppich juveniler Träume, Wünsche und Begehren webt.

In seiner erzählerischen und visuellen Ungebundenheit und Freiheit erinnert "L’âge atomique" an die Filme der Nouvelle Vague. Auch damals war die Bewegung durch die Straßen von Paris gleichbedeutend mit der inneren Bewegung der Figuren, die die Liebe suchten, indem sie vornehmlich über die Liebe sprachen. Héléne Klotz erfindet das Konzept nicht neu, aber ihre melancholische Reise durch die Nacht demonstriert aufs Vorzüglichste, wie sensibel und genau das Kino, und wohl nur das Kino, die zwischenmenschlichen Befindlichkeiten durchforsten kann.

Filmhomepage "L'âge atomique"

Frankreich 2012. Regie: Héléna Klotz. Darsteller: Eliott Paquet, Dominik Wojcik, Niels Schneider, Mathilde Bisson, Clémence Boisnard. 67 Minuten, ab 12 Jahren.



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