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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.05.2013

Kurz und kritisch

Asit Datta: "Armutszeugnis", Esther Duflo: "Kampf gegen die Armut", Stefan Selke: "Schamland"

Von Günter Rohleder

Essensvergabe bei einer Berliner Tafel. (dpa/picturealliance/Stefan Schaubitzer)
Essensvergabe bei einer Berliner Tafel. (dpa/picturealliance/Stefan Schaubitzer)

Wer es nicht schafft, zu Wohlstand und Ansehen zu gelangen, wer vielleicht noch nicht einmal weiß, wie er sich und seiner Familie die einfachsten Dinge kaufen kann – der steht am unteren Ende der Gesellschaft, dort, wo die Menschen arm sind. Drei neue Bücher zum Thema.

Hunger trotz Überfluss

Warum leiden über eine Milliarde Menschen an Hunger, wenn es Nahrungsmittel im Überfluss gibt? Warum schauen wir zu, wie überall die Kluft zwischen Arm und Reich wächst? Warum, wenn wir in egalitären Gesellschaften zufriedener leben könnten? Und wenn klar ist, dass unsere Wirtschaftsweise geradewegs in die Umweltkatastrophe führt? Was hindert uns daran, sie zu ändern?

"Armutszeugnis" von Assit Datta (dtv Deutscher Taschenbuchverlag)"Armutszeugnis" von Assit Datta (dtv Deutscher Taschenbuchverlag)Motiviert von solchen Fragen analysiert Asit Datta eindrücklich und anschaulich Ansprüche, Erfolge und Irrwege der Entwicklungspolitik. Der habilitierte Pädagoge wuchs in Indien auf und lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Universität Hannover.

Er kritisiert die Ideologie des freien Handels und den Neoliberalismus von Weltbank, Internationalem Währungsfonds und Welthandelsorganisation ebenso wie Korruption und Misswirtschaft der Entwicklungsländer.

Und wenn er die Geschichte der Entwicklungshilfe erzählt, stellt er Armut, soziale Gerechtigkeit und Ökologie in einen politischen Zusammenhang, der die Unterschiede zwischen den Weltregionen verschwimmen lässt. Um zu überleben, so fordert er, müssten wir wirtschaften lernen ohne zu wachsen.

Asit Datta: Armutszeugnis. Warum heute mehr Menschen hungern als vor 20 Jahren, Suhrkamp Verlag Berlin, 182 Seiten, 16,00 Euro


Hilfsprojekte genauso prüfen wie Medikamente

Bildung und Gesundheit entwickeln, um die Armut zu bekämpfen: das hat sich Esther Duflo zum Ziel gesetzt. Die französische Professorin für Entwicklungsökonomie im amerikanischen Boston setzt sich dafür ein, Projekte in den Entwicklungsländern erst einmal gründlich zu evaluieren, bevor sie gestartet werden.

Nur so könnten Verschwendung und Frustration vermieden werden.
Sie geht dabei vor wie bei der Zulassung eines Medikamentes. Für eine Stichprobe wählt sie Personen nach dem Zufallsprinzip aus. An einer Schule in Neu-Delhi etwa testete sie, wie sich die Leseleistung der Schüler steigern ließe. Ist es besser, die Kinder mit Spielzeug oder deren Eltern mit Geld zu belohnen?

Mit Hunderten solcher Studien wollte Esther Duflo herausfinden, ob Schulen in Kenia ihren Unterricht mit oder ohne Schulgeld anbieten sollten, ob kranke Landbewohner in städtischen Krankenhäusern besser betreut werden als in Gesundheitszentren auf dem Lande, und ob sich Mikrokredite zur Armutsbekämpfung eignen.

Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, Entwicklungsprojekte zu evaluieren. Allerdings überzeugen Esther Duflos Kriterien oftmals nicht. Was sagt Effizienz im Belohnungssystem einer Schule über den Bildungserfolg aus? Und wie helfen Angebot und Nachfrage, also Marktmechanismen, der ärztlichen Basisversorgung für die Ärmsten der Armen?

Esther Duflo: Kampf gegen die Armut, Suhrkamp Verlag Berlin, 182 Seiten, 16,00 Euro



"Tafeln sind Teil der Armutsverwaltung"

Armut in Deutschland. Armut inmitten von Reichtum. Viele Jahre hat sich Stefan Selke, Soziologieprofessor in Furtwangen, mit den "Tafeln" in Deutschland auseinandergesetzt. Diese Selbsthilfebewegung feiert gerade ihr 20jähriges Bestehen. Gesellschaftlich akzeptiert, seien diese Almosenagenturen längst Teil der Armutsverwaltung geworden - als passgenauer Baustein neoliberaler Sozialpolitik.

Darüber empört sich Stefan Selke. Denn das Soziale werde vor allem als Kostenfaktor angesehen. Er zitiert den Präsidenten des Bundessozialgerichts in Kassel, der Menschen, die nicht mit dem Hartz-IV-Regelsatz auskämen, empfohlen haben soll, doch zu den "Tafeln" gehen.

Dem Soziologen gelingt es, aufrüttelnde Sozialreportagen mit scharfer Analyse zu verbinden. Er sieht genau hin.

Stefan Selke: Schamland. Armut mitten unter uns. Econ Verlag Berlin, 288 Seiten, 18,00 Euro, als ebook 14,99

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Comicseminar ErlangenMehr als bunte Bildchen zeichnen
Der Künstler Flix steht am 4.8.2009 an der Mauergedenkstätte Bernauer Straße in Berlin vor seinen Zeichnungen mit dem Titel "Da war mal was...". Gemeint ist die Berliner Mauer. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Beim Comicmachen geht es nicht nur ums Zeichnen, sondern auch ums Schreiben, um Fanbuilding oder Signierstunden. Wie man damit umgeht, können Nachwuchstalente seit 1986 beim Erlanger Comicseminar lernen. Dort geben Profis ihre Erfahrungen an junge Zeichner weiter.Mehr

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