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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.09.2012

Kurz und kritisch

Dirk vom Lehn: "Harold Garfinkel", Michael Nedo: "Ludwig Wittgenstein", Frans de Waal: "Das Prinzip Empathie"

Rezensiert von Ernst Rommeney und Stephan Hilsberg

Antiquarische Bücher im Regal (Jan-Martin Altgeld)
Antiquarische Bücher im Regal (Jan-Martin Altgeld)

Reichlich wissenschaftstheoretisch nur schwer verdaulich ist Dirk vom Lehns Auseinandersetzung mit dem Wissenssoziologen Harold Garfinkel. Eher eine Text-Collage denn eine Biografie ist Michael Nedos "Ludwig Wittgenstein" und ausgesprochen mitreißend ist Frans de Waals Werk über die Vorteile und Eigenschaften der Empathie.

Dirk vom Lehn: Harold Garfinkel
UVK Verlagsgesellschaft Konstanz

Harold Garfinkel war ein amerikanischer Wissenssoziologe, weil er sich mit prominenten Kollegen seines Faches einen heftigen Methodenstreit lieferte. Die klassische Soziologie beginne mit Theorien, bevor sie mit Analysen anfange, so kritisierte er. Sie sei mehr an Statistik und Lehrbuchwissen interessiert als am Alltag der Menschen.

Cover: Dirk vom Lehn: Harold Garfinkel (UVK Verlagsgesellschaft Konstanz)Cover: Dirk vom Lehn: Harold Garfinkel (UVK Verlagsgesellschaft Konstanz)
Er aber wollte deren Verhalten nicht aus wissenschaftlicher Distanz beobachten, sondern begab sich unter die Leute, um sich besser in die Akteure hineinversetzen zu können. Und so sah sich Garfinkel eben nicht als Theoretiker, sondern als praktizierender Soziologe.

Der Strafprozess war einer seiner Untersuchungsgegenstände. Wie kommt es, dass Richter und Geschworene die Taten von Weißen anders beurteilen als die von Schwarzen, fragte er sich. Und fand heraus, obschon die Beteiligten wechselten, würden sie in bestimmten Gruppen stets eine ähnliche Rolle einnehmen.

Gemeinsam stellten sie soziale Ordnung her, nicht aber eine alte oder immer wieder dieselbe, sondern stets eine etwas andere, weil sie Handlungsspielraum nutzten, besonders dann, wenn sie sich vor unerwartete Probleme gestellt sehen. Aus der Art und Weise, wie Gruppe und Teilnehmer vorgingen, las er Kulturtechniken ab, die er als Ethnomethodologie beschrieb.

Soziologisch ist es interessant, aber wissenschaftstheoretisch nur schwer verdaulich, was Dirk vom Lehn über Harold Garfinkel, den Klassiker der Wissenssoziologie im Universitätsverlag Konstanz, schreibt.

Michael Nedo: Ludwig Wittgenstein. Ein biographisches Album
C.H. Beck Verlag München

Ludwig Wittgenstein muss man weder gelesen noch verstanden haben, um sich vom biographischen Album über den Wiener Philosophen der englischen Universität Cambrige einnehmen zu lassen.

Cover: Michael Nedo: Ludwig Wittgenstein. Ein biographisches Album (C. H. Beck Verlag München)Cover: Michael Nedo: Ludwig Wittgenstein. Ein biographisches Album (C. H. Beck Verlag München)Über 460 Seiten hat sein wissenschaftlicher Nachlaßverwalter Michael Nedo Fotografien aus dem Familienbesitz durch Zitate aus Notizen oder Briefen Wittgensteins und seiner Weggefährten, vor allem der Schwester Hermine, kommentieren lassen. Dabei versuchte er, durch die Collage die Arbeitsmethode des Wissenschaftlers nachzuempfinden.

Ludwig Wittgenstein hatte es nicht einfach mit sich und den anderen. Lange und ausdauernd schrieb er an seinen philosophischen Texten, aber lange dauerte es auch, bis er einen Verleger fand. So recht scheinen nur wenige, mit ihm intellektuell klar gekommen zu sein. Oder er mit ihnen.

Dabei war er ein Mensch von persönlichen Entscheidungen: ging als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg, verschenkte danach sein reiches Erbe an die Geschwister, wurde aus Überzeugung erst Volksschullehrer, bevor er die wissenschaftliche Laufbahn einschlug und unterbrach sie während des Zweiten Weltkrieges, um im Krankenhaus zu helfen. Er wollte eben nicht nur zuschauen und philosophieren.

Frans de Waal: Das Prinzip Empathie
Carl Hanser Verlag München

Ein tolles Buch von Frans de Waal! Auf fast 300 Seiten führt er die Vorteile und Eigenschaften der Empathie, des Mitfühlens vor. Und weil er ein Verhaltensbiologe ist, erläutert er diese an Hand seiner Studien und Experimente mit Säugetieren, vorzugsweise mit Menschenaffen.

Cover: Frans de Waal: Das Prinzip Empathie (Hanser Verlag München)Cover: Frans de Waal: Das Prinzip Empathie (Hanser Verlag München)
Dabei räumt er mit einem gängigen Vorurteil auf: Nur Menschen könnten mitfühlen, könnten sich in andere hineinversetzen. Dem ist nicht so. Wer sich auf seine Überlegungen einlässt, dem erschließt sich eine Fülle von Gedanken. Sie verdeutlichen, dass in der Natur des Menschen vor allem Kooperationsfähigkeit und Gemeinsinn liegen.

In dieser Erkenntnis liegt mehr Kraft, als die ewigen Märchen von Konkurrenz und Eigennutz, welche tatsächlich soviel Unheil in Wirtschaft und Finanzen angerichtet haben. Auf eigentümliche Weise begegnen sich in diesem Buch Menschlichkeit und Erfolg. Und schon deshalb möge ihm viel von letzterem beschieden sein.

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