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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.08.2012

Kurz und kritisch

Helen Rose Ebaugh: "Die Gülen-Bewegung"; Eren Güvercin: "Neo-Moslems"; Ahmet Toprak: "Unsere Ehre ist uns heilig"

Rezensiert von Jan Kuhlmann

Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

An Büchern über den Islam mangelt es nicht, doch die wenigsten Autoren werfen einen differenzierten Blick auf ihr Sujet: Terror, Kopftuch, Ehrenmord – das sind die üblichen Klischees. Drei Neuerscheinungen versuchen den Gegenbeweis anzutreten. Das Ergebnis ist zwiespältig.

Ahmet Toprak: Unsere Ehre ist uns heilig
Herder Verlag Freiburg

Der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak beschäftigt sich mit den Lebenswelten von Muslimen in Deutschland. Er hat für seine Studie Mütter, Väter und Kinder aus ganz unterschiedlichen Familien befragt: aus konservativ-autoritären und religiösen genauso wie aus leistungsorientierten und modernen, für die der Islam eine untergeordnete Rolle spielt.

Cover: "Ahmet Toprak: Unsere Ehre ist uns heilig" (Herder Verlag)Cover: "Ahmet Toprak: Unsere Ehre ist uns heilig" (Herder Verlag)
Er widerlegt so manches Stereotyp – etwa das vom Kopftuch als Symbol der von Männern unterdrückten Frau. Ob ein Mädchen ein Kopftuch anlegt oder nicht, ist vielmehr Sache der Frauen in der Familie. Die Interviews für die Studie bieten ungewöhnlich offene Einblicke: Ein Vater sagt sich von seinem homosexuellen Sohn los, weil gleichgeschlechtliche Liebe als Sünde gilt – dabei hat er selbst schon mal "einen Mann gefickt", wie er freimütig bekennt.

Vor allem ein Fazit lässt sich nach der Lektüre des Buches ziehen: Das muslimische Milieu in Deutschland ist äußerst heterogen.

Eren Güvercin: Neo-Moslems
Herder Verlag Freiburg

Neo-Moslems nennt der Journalist Eren Güvercin die junge Generation von Muslimen, die in Deutschland aufgewachsen sind. Die Bundesrepublik ist ihre Heimat. Es war längst überfällig, dass sich jemand mit dieser Generation beschäftigt. Denn sie passt in kein Schema, schon gar nicht in die üblichen Kategorien "liberal" und "konservativ".

Cover: "Eren Güvercin: Neo-Moslems" (Herder Verlag)Cover: "Eren Güvercin: Neo-Moslems" (Herder Verlag)Die Neo-Moslems sind junge Gläubige, die keinen Widerspruch zwischen ihrer Religion und den bundesrepublikanischen Normen und Werten sehen. Das Buch soll ein Porträt dieser Generation sein – das ist es aber leider nicht geworden. Denn die Neo-Moslems bleiben schemenhaft.

Eher legt Güvercin, selbst Vertreter dieser Generation, seine Sicht der Dinge zu vielen Aspekten der Islamdebatte dar – und das mit häufig polemischen Ton. Er scheut nicht davor zurück, die islamischen Verbände anzugreifen, die die junge Generation kaum noch vertreten – ein Pluspunkt des Buches.

Häufig jedoch bleibt Güvercin an der Oberfläche: etwa wenn er Kapitalismuskritik aus muslimischer Sicht übt – dann aber nicht mehr zu bieten hat als ein Zins- und Wucherverbot. Wichtige Fragen behandelt er gar nicht: zum Beispiel wie die jungen Muslime islamisches Recht und deutschen Rechtsstaat zusammenbringen wollen und können. So ist dieses Buch eine verpasste Chance.

Helen Rose Ebaugh: Die Gülen-Bewegung - Eine empirische Studie
Herder Verlag Freiburg

Neo-Moslems – so könnten auch die Anhänger der türkischen Gülen-Bewegung genannt werden. Zumindest wenn es nach ihnen selbst ginge. Sie berufen sich auf Fetullah Gülen, der mit seinen Predigten und Büchern weltweit Millionen erreicht. Der Geistliche will den Islam mit der Moderne vereinbaren.

Cover: "Helen Rose Ebaugh: Die Gülen-Bewegung" (Herder Verlag)Cover: "Helen Rose Ebaugh: Die Gülen-Bewegung" (Herder Verlag)Seine Anhänger fordert er zu sozialem Engagement und friedlichem Kulturdialog auf. Und sie folgen diesem Appell, ihr ehrenamtlicher Einsatz sucht seinesgleichen. Sie bauen Kindergärten und Schulen, auch in Deutschland. Zum Gülen-Netzwerk zählen zudem ein Medienimperium und eine Bank.

Grund genug für Kritiker, in dem Prediger einen Wolf im Schafspelz zu sehen. Sie halten ihm vor, er wolle die Gesellschaft islamisieren. Längst habe das Gülen-Netzwerk die Türkei unterwandert. Die amerikanische Soziologin Helen Rose Ebaugh ist bemüht, diese Vorwürfe zu entkräften.

Das Ergebnis ist jedoch eine Schrift, der jegliche Distanz fehlt. Kritische Fragen blendet sie aus. Seitenweise legt sie dar, mit welcher Begeisterung Gülens Gutmenschen der Bewegung große Summen spenden, verrät aber nicht, was passiert, wenn ein Gülen-Anhänger sein Geld lieber für sich behält. Dieses Buch ist eine Hagiographie.

Lesart

Problemfall SchuleMehr Erziehung, weniger Toleranz?
Symbolbild zum Thema Randgruppen bzw. gewaltbereite Jugendliche, Gewalt bei Jugendlichen: Ein 14-jähriger Jugendlicher hat einen nur ein Jahr älteren Jungen am Hals gepackt und drückt ihn in eine Ecke. Aufgenommen am Sonntag (10.12.2006) in Lichtenfels (Oberfranken). Foto: Marcus Führer dpa/lby  (picture alliance/dpa/Marcus Führer)

Pöbelnde Schüler und Kinder, die notorisch den Unterricht stören oder Lehrer beschimpfen: Wir stecken in der Toleranzfalle, glaubt der Ex-Lehrer Axel Becker. Die Autorin Sefika Garibovic wiederum plädiert für mehr Zuwendung. Wie viel Erziehung brauchen Kinder? Mehr

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