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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.05.2012

Kurz und kritisch

Embacher: "Baustelle Demokratie"; Farin/Seidel: Krieg in den Städten"; "Fischer-Lescano/Möller: "Der Kampf um globale soziale Rechte"

Kurz und kritisch: drei Bücher im Überblick (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Kurz und kritisch: drei Bücher im Überblick (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Ein praktisches wie sympathisches Buch:

Baustelle Demokratie. Serge Embacher über die Bürgergesellschaft, die unser Land revolutioniert
Edition Körberstiftung Hamburg.

Serge Embacher beschreibt die bundesrepublikanische Demokratie als zivilgesellschaftliche Arbeitsgemeinschaft. Das Kultbuch "Krieg in den Städten" ist neu aufgelegt worden. Um weltweite soziale Rechte dreht sich das Werk von Andreas Fischer-Lescano und Kolja Möller.

Cover - Serge Embacher: "Baustelle Demokratie - Die Bürgergesellschaft revolutioniert unser Land" (Edition Körberstiftung Hamburg)Buchcover Serge Embacher: "Baustelle Demokratie - Die Bürgergesellschaft revolutioniert unser Land" (Edition Körberstiftung Hamburg)Die Demokratie ist nicht irgendeine Gesellschaftsform, sondern eine, die gleichsam unserem persönlichen Leben abgeschaut ist. Sie lebt so von unseren eigenen Initiativen wie von der Selbstbestimmtheit jedes Einzelnen.

In gewisser Weise stellt sie den Ort bereit für die Erprobung unserer ureigenen Wünsche, auf dass wir lernen - wie Nietzsche sagt -, uns selbst zu gehorchen. So kräftigt Demokratie unter der Hand unser Gefühl für Gleichheit und Verbundenheit.

Demokratie ist nie fertig, so wenig wie wir selbst. Das mag an ihrer Beständigkeit und Stärke zweifeln lassen. In Wahrheit liegt hier ihr Erfolgsgeheimnis. Mit Herzblut und Sachverstand beschreibt der Publizist und Politikberater Serge Embacher die bundesrepublikanische Demokratie heutiger Tage als zivilgesellschaftliche Arbeitsgemeinschaft, an der mitzuwirken wir alle eingeladen sind – durchaus zum Missfallen der uns gerade Regierenden.

Krieg in den Städten. Klaus Farin und Eberhard Seidel über Jugendgangs in Deutschland
Eine Studie aus dem Jahr 1991 im Verlag Archiv der Jugendkulturen Berlin.

Cover - Klaus Farin, Eberhard Seidel: "Krieg in den Städten - Jugendgangs in Deutschland " (Archiv der Jugendkulturen Verlag)Buchcover Klaus Farin, Eberhard Seidel: "Krieg in den Städten - Jugendgangs in Deutschland " (Archiv der Jugendkulturen Verlag)
Sie durchkämmten die Jugendmilieus, suchten die Cliquen und Gangs von Skins, Punks, Antifa-Kämpfern und marginalisierten Migranten auf. Klaus Farin und Eberhard Seidel menetekelten einen "Krieg in den Städten", indem sie Verweigerung, Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft als gesellschaftliche Symptome eines zerbröselnden Sozialstaats beschrieben.

Das war 1991 - kurz nach der Wende in der DDR und der Deutschen, der europäischen Einheit, als Reformen neoliberal begründet und organisiert wurden, wo Politik und Wirtschaft Freiheit sagten und Enthemmung meinten. Über zwanzig Jahre danach ist das einstige Kultbuch des Rotbuch-Verlages - ergänzt durch ein aktuelles Nachwort der Autoren – jetzt von einem anderen Verlag wiederaufgelegt worden.

Es zeigt, wie hellsichtig die damaligen Analysen waren. Gut für das Buch, weniger gut für die Gesellschaft, von der es erzählt.

Zart wäre das Gröbste - Andreas Fischer-Lescano und Kolja Möller über den Kampf um globale soziale Rechte
Verlag Klaus Wagenbach Berlin.

Wir sind gewohnt, soziale Fragen national zu verorten und zu behandeln. Global gesehen, ist dies eine Todsünde. Denn der Wohlstand der westlichen Gesellschaften baut auf dem Elend der sogenannten Dritten Welt auf. Die Folgen eines weltumspannenden Produzierens und Vermarktens zeigen sich längst nicht nur in entfernten Krisen und Katastrophen, sondern immer häufiger inmitten der hochentwickelten Gesellschaften selber.

Sie schlagen sich nieder an den Finanzmärkten wie in der Versorgung mit Lebensmitteln, in Natur und Umwelt, im Schicksal der Flüchtlinge weltweit, ganz zu schweigen von dem, was der Klimawandel noch für uns parat hält.

Cover: Andreas Fischer-Lescano, Kolja Möller: "Der Kampf um globale soziale Rechte" (Verlag Klaus Wagenbach Berlin)Buchcover Andreas Fischer-Lescano, Kolja Möller: "Der Kampf um globale soziale Rechte" (Verlag Klaus Wagenbach Berlin)
All dies lässt uns für Augenblicke und gefühlsmäßig zu einer Weltschicksalsgemeinschaft zusammenrücken. Aber realiter und nachhaltig? Nach wie vor zahlen die Völker der Südhalbkugel unsere Zeche, auch wenn die Erste Welt hie und da mit Spenden und Hilfsprogrammen einspringt.

Was es braucht, so zeigen zwei Bremer Rechtswissenschaftler, sind weltweit verbriefte soziale Rechte, institutionalisierte weltweite Chancengleichheit. Erst dann hörte "Globalisierung" auf, ein neokolonialer Euphemismus zu sein.

Ein präzis recherchiertes, auf solidem intellektuellem Niveau geschriebenes Buch.

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