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Kurz und kritisch

Sandro Mattioli/Andrea Palladino: "Die Müllmafia", Stefan Loipfinger: "Die Spendenmafia", Jeanette Erazo Heufelder: "Drogenkorridor Mexiko"

Festnahmen von Mitgliedern der Mafia in Palermo
Festnahmen von Mitgliedern der Mafia in Palermo (AP)

In den heute besprochenen Büchern dreht sich alles um die Machenschaften der Mafia. Die Autoren beschäftigen sich mit Müllschiebern in Europa, korrupten Vereinen in Deutschland und gewalttätigen Drogen-Netzwerken in Mexiko.

Sandro Mattioli und Andrea Palladino: Die Müllmafia
Herbig Verlag, München 2012

Cover Sandro Mattioli, Andrea Palladino: "Die Müllmafia"Cover Sandro Mattioli, Andrea Palladino: "Die Müllmafia" (Herbig Verlag)Die schlimmen Zeiten der Müllschiebereien seien vorbei - beispielsweise der illegale Export von Giftstoffen aus dem Norden nach Afrika. Ihm hätten internationale Abkommen wie die Basler Konvention bereits in den 90er-Jahren einen Riegel vorgeschoben. Und doch würden Abfälle immer noch verschoben - auch innerhalb Europas, dorthin eben, wo Kontrollen nicht so streng seien.

Mit diesem Fazit beenden der Stuttgarter Journalist Sandro Mattioli und sein römischer Kollege Andrea Palladino ihren Bericht über ein kriminelles Netzwerk in Europa. Sie beklagen, dass Hintermänner nie vor Gericht gekommen seien, rätseln über die undurchsichtige Rolle der Geheimdienste. Vom illegalen Müllgeschäft profitierten scheinbar ehrenwerte wie verwegene Gestalten, nicht nur Mafiosi und ihre Familien, auch Rechtsanwälte, Politiker und Unternehmer.

Die einen ziehen ihre Strippen in der Schweiz, die anderen entsorgen im Süden Italiens - auf wilden Deponien oder vor der Küste Kalabriens. Die beiden Autoren erzählen über Transporte nach Somalia und Schiffe-Versenken im Mittelmeer.

Sie loben unermüdliche und unerschrockene Ermittler der italienischen Staatsanwaltschaft, der Hafenpolizei oder der Forstbehörden. Bestenfalls würden sie versetzt, schlimmstenfalls ermordet. Und sie erwähnen den Bürgerprotest, der sich gegen das Schweigen der Bevölkerung und die Angst vor der Mafia durchzusetzen versucht.


Stefan Loipfinger: Die Spendenmafia
Droemer Knauer Verlag, München 2012

Cover Stefan Loipfinger: "Die Spendenmafia"Cover Stefan Loipfinger: "Die Spendenmafia" (Droemer Knaur Verlag)In Deutschland gebe es viele gemeinnützige Initiativen, die es mit Spenden zu unterstützen lohne, aber eben auch viel Missbrauch, resümiert Stefan Loipfinger. Vier Jahre lang habe er der unehrenwerten Gesellschaft innerhalb des deutschen Vereinswesens nachgespürt, auf seiner Website "Charity Watch" vor Spendenbetrug gewarnt, bis er schließlich Ende Februar aufgegeben habe, weil die Gegenwehr aus persönlicher Verleumdung und juristischen Klagen zu viel geworden sei.

Für falsch hält es der Wirtschaftsjournalist, dass es keine Sammlungsgesetze mehr gebe, mit denen die Seriosität von Spendenaufrufen amtlich geprüft werden könnte. Allein Rheinland-Pfalz leistet sich in Trier eine spezielle Aufsichtsbehörde. Wenigstens das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin sollte gefördert werden - nach dem Vorbild der Stiftung Warentest.

Vor allem aber will Stefan Loipfinger Vereinen und Stiftungen, besonders den gemeinnützigen, aufgeben, Jahresabschlüsse vorzulegen. Unseriöse Initiativen würden nur einen Bruchteil ihrer Einnahmen für den angepriesenen Zweck verwenden, umso mehr für den eigenen Vorteil, für Werbeagenturen und Drückerkolonnen.

Aber selbst seriöse Vereine gingen mit Geld und Mitgliedern schlampig und selbstherrlich um.


Jeanette Erazo Heufelder: Drogenkorridor Mexiko
Transit Verlag, Berlin 2012

Cover Jeannette Erazo Heufelder: "Drogenkorridor Mexiko"Cover Jeannette Erazo Heufelder: "Drogenkorridor Mexiko" (Transit Verlag)Über 1.500 gefährliche Kilometer ist Jeanette Erazo Heufelder mit dem Bus durch Mexiko gefahren, von Culiacán am Pazifik bis Ciudad Juárez an der Grenze zu den USA: durch den Drogenkorridor.

Die Autorin traf auf verlassene Dörfer, deren Bewohner von der Mafia vertrieben worden sind, weil sie dort ihre heiße Ware gelagert habe. Sie besuchte Orte, in denen abends niemand mehr sein Haus verlassen darf, weil die Straßen dann den Drogenkonvois gehören, wo Busse oft umgeleitet werden, weil Tote auf der Straße liegen.

Die Schriftstellerin sprach mit Lehrern, die keine schlechten Noten mehr geben - aus Angst vor einer Kugel. Selbst Kinder erkennen am Klang, mit welcher Waffe ein Schuss abgegeben wurde. Zwischen Culiacán und Ciudad Juárez herrscht das Gesetz des Stärkeren.

Eine lesenswerte Reportage über eine Region, in der die Politik kläglich versagt und Bürger schutzlos der Gewalt ausliefert sind.

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