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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.12.2011

Kurz und kritisch

Theo Coster: "In einer Klasse mit Anne Frank", Marianne Quoirin: "Töchter des Terrors", Ulrike Siegel (Hrsg.): "Und dann habe ich den Hof verlassen"

Von Ernst Rommeney

Exponate einer Anne-Frank-Ausstellung im Holocaust Museum Houston (AP Archiv)
Exponate einer Anne-Frank-Ausstellung im Holocaust Museum Houston (AP Archiv)

Heute über jüdische Schulkameraden, die überlebt und nicht überlebt haben, über Frauen aus dem irischen Widerstandskampf, die als Ehefrauen inhaftierter Männer gelebt haben oder selbst aktiv waren, und über Frauen, die das Landleben irgendwann hinter sich gelassen haben.

Cover: "In einer Klasse mit Anne Frank" von Theo Coster (Herbig-Verlag)Cover: "In einer Klasse mit Anne Frank" von Theo Coster (Herbig-Verlag)In einer Klasse mit Anne Frank
Theo Coster über jüdische Schulkameraden, die überlebt und nicht überlebt haben
Herbig Verlag München

Ursprünglich hieß er Maurice Simon und nicht Theo Coster. Den Namen des Helden eines Jugendbuches gab er sich erst, als er in einer Pflegefamilie untertauchte und seine jüdische Herkunft verschleiern musste. Anders als Freunde und Verwandte hat er überlebt und den deutsch klingenden Namen behalten, auch nachdem er von Amsterdam nach Tel Aviv umgezogen war.

Als ein niederländischer Junge des Jahrgangs 1929 war er Schulkamerad von Anne Frank im Jüdischen Lyzeum. Nach einem Besuch in der alten Schule vor zehn Jahren hatte er die Idee, Freunde von damals zu suchen und beim gemeinsamen Erinnern einen Dokumentarfilm zu drehen, auch weil junge Leute von heute sich immer wieder interessiert zeigten an den Geschichten jüdischer Kinder, die während des Krieges und der Besatzung von ihren Eltern versteckt oder von den Deutschen in Konzentrationslager verschleppt wurden.

Fünf der Ehemaligen seines Jahrganges hat er schließlich wieder gefunden. Nicht nur im Film, sondern zusätzlich in einem Buch gibt er behutsame, freundliche und auch schmerzliche Gespräche über Verrat und Solidarität wieder. Das Schlimmste sei es gewesen, in ein Lager eingeliefert worden zu sein, das Zweitschlimmste als Kind einer großen Familie untergetaucht zu sein - und am Schluss allein übrig zu bleiben, so sein Resümee.


Cover: "Töchter des Terrors" von Marianne Quoirin (Rotbuch Verlag)Cover: "Töchter des Terrors" von Marianne Quoirin (Rotbuch Verlag)
Töchter des Terrors
Marianne Quoirin über die Frauen der IRA
Rotbuch Verlag Berlin

Sie stammen aus gutbürgerlichen Verhältnissen und haben dieses Milieu nie oder nur vorübergehend verlassen, obschon sie als militante Republikanerinnen für die Rechte der Katholiken in Nordirland gekämpft haben.

Die Frauen der IRA oder die Töchter des Terrors, wie sie die deutsche Journalistin Marianne Quoirin nennt, lebten mehrere Rolle nebeneinander: als Mütter vieler Kinder, als Ehefrauen inhaftierter Männer und als Aktivistinnen, die öffentlich demonstrierten, Kurierdienste übernahmen, Waffen beschafften, Bomben legten, selbst getötet wurden oder im Gefängnis saßen.

Heute noch – alt geworden im zermürbenden Bürgerkrieg, der 1969 zum zweiten Mal ausbrach – stehen sie eisern und stolz zu den Aktionen der IRA – und verbreiten ansonsten eine warmherzigen, gastfreundliche Atmosphäre, mit der sie die Autorin zum Gespräch empfangen.

Daraus ist ein nüchternes Geschichtsbuch irischer Lebensläufe entstanden, das eindrucksvoll mit dem Ausblick einer Sozialarbeiterin endet. Der Frieden habe die Menschen noch nicht erreicht, zu viele Taten seien ungesühnt geblieben. Daneben bleibe - über Generationen hinweg - die Arbeitslosigkeit das ungelöste Problem. Nur mit Jobs könnten die jungen Leute in den Arbeitervierteln ein normales Leben lernen - ohne Sprengstoff und Kalaschnikow.


Cover: "Und dann habe ich den Hof verlassen" von Ulrike Siegel (Hrsg.) (Landwirtschaftsverlag Münster)Cover: "Und dann habe ich den Hof verlassen" von Ulrike Siegel (Hrsg.) (Landwirtschaftsverlag Münster)
"Und dann habe ich den Hof verlassen"
Frauen erzählen über ihren Abschied vom Landleben
herausgegeben von Ulrike Siegel
Landwirtschaftsverlag Münster

Starke Frauen vom Lande lässt Ulrike Siegel zu Wort kommen. Auf dem Hof der Eltern erwarb sie zwei Meistertitel in Landwirtschaft und Hauswirtschaft, studierte später Agrarwissenschaft, wurde Vorsitzende des Evangelischen Bauernwerkes in Württemberg, einem Bildungsträger, und hat mittlerweile mehrere Bücher über Bauerntöchter herausgegeben. Im neuesten erzählen Frauen über den Abschied vom Landleben.

Deren Berufsweg ähnelt dem von Ulrike Siegel, ehe er an einen existenziellen Meilenstein kommt. Recht häufig scheitert die Ehe und die Frau verlässt mit ihren Kindern den Betrieb. Tränenreich und kräftezehrend geht ein Lebenskonzept verloren und ein neues folgt.

Dann - jenseits des Verlustes - genießen die Autorinnen, freie Zeit gewonnen zu haben und von mehrfacher Last befreit zu sein. Denn sie hängen nicht nur an schöner Natur und alten Träumen, sondern beschreiben Härte und Risiken des Lebens zwischen Haus, Stall und Feld, denen Partnerschaften oder Geldbeutel nicht immer standhalten.

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Lukas Bärfuss: "Hagard"Eine Geschichte des tragischen Zerfalls
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