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Lesart / Archiv | Beitrag vom 17.04.2011

Kurz und kritisch

Isabella Kroth: "Halbmondwahrheiten"; Thomas Rothschild: "O Gerechtigkeit"; Christian Alvarado Leyton: "Der andere 11. September"

Kurz und kritisch: Neuerscheinungen kurz vorgestellt. (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)
Kurz und kritisch: Neuerscheinungen kurz vorgestellt. (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

In "Halbmondwahrheiten" geht es um Schicksale von Frauen und Kindern. "O Gerechtigkeit" setzt sich mit der Sozialdemokratie auseinander. "Der andere 11. September" dreht sich um die chilenische Gesellschaft nach dem Militärputsch.

Cover: "Isabella Kroth: Halbmondwahrheiten" (Diederichs Verlag)Cover: "Isabella Kroth: Halbmondwahrheiten" (Diederichs Verlag) Isabella Kroth: Halbmondwahrheiten. Türkische Männer in Deutschland. Innenansichten einer geschlossenen Gesellschaft
Diederichs Verlag

Schicksale von Frauen und Kindern stehen hinter jeder der zwölf Geschichten des Bandes "Halbmondwahrheiten", doch sie berichten aus dem Blickwinkel türkischer Männer, die den Mut haben, ihre häufig scheiternden Lebensgeschichten zur Debatte zu stellen. Die Lebenswege sind bestimmt von Entwurzelung, Heimatlosigkeit und der vergeblichen Suche nach Identität. Da werden Familien auseinander gerissen und Lebensläufe gebrochen, da ist von häuslicher Gewalt und Zwangsheirat, von Drogen und Kriminalität die Rede, da steht - am Anfang - immer wieder der Irrglaube vom Aufstieg und baldiger Rückkehr in die Türkei. Junge Männer fallen aus dem Familienkreis, weil sie ihre Rolle als Ernährer und Beschützer nicht erfüllen können.

Isabella Kroth hat vor allem deprimierende, abgründige und auch ratlos machende Lebenswege skizziert, und der Leser fragt sich, wie soll Integration gelingen, solange ein Volk, eine Glaubensgemeinschaft, in rigiden, archaischen Strukturen verharrt, in denen es nicht auf das Glück und die Selbstverantwortung des Einzelnen ankommt, sondern allein auf die Zustandsbewahrung traditioneller Clans.


Cover: "Thomas Rothschild: O Gerechtigkeit" Thomas Rothschild: O Gerechtigkeit
Promedia Verlag

Bei Thomas Rotschild: "O Gerechtigkeit" fällt auf, dass der Autor sich in seinem Buchkapiteln: Rache, Gerechtigkeit, Elite, Neid, Terror, Kompromiss, Schuld in erster Linie heftig mit der Sozialdemokratie auseinandersetzt. Schön ist das Buch stellenweise dennoch. Denn seine Reflexionen über die Literatur des Altertums, der Klassik, und der Moderne sind unterhaltend und bildend. Hier kann man viel lernen und nachfühlen. Seine politischen Ergüsse hingegen verdeutlichen leider nur eines: die Sozialromantik eines aus der Zeit gefallenen Autors, und die Aggressionspotentiale, die daraus erwachsen können.

Dabei sind Rothschilds essayistische Gedanken über Gerechtigkeit durchaus präzise und lehrreich. Man spürt deutlich die politische Kraft, die in diesem Begriff liegt. Doch verabsolutiert, ja geradezu fundamentalistisch verwendet, wie Rotschild das tut, kann man wieder einmal nur eines bestätigt finden: Totalitäres Denken macht leider auch keinen Halt vor linksgerechten Zeitgenossen, selbst dann nicht wenn sie sich besonders um den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft bemühen.


Cover: "Cristian Alvarado Leyton: Der andere 11. September" (Verlag Westfälisches Dampfboot)Cover: "Cristian Alvarado Leyton: Der andere 11. September" (Verlag Westfälisches Dampfboot) Cristian Alvarado Leyton: Der andere 11. September. Gesellschaft und Ethik nach dem Militärputsch in Chile
Verlag Westfälisches Dampfboot

Chile gilt als Musterland Lateinamerikas. Die Wirtschaft floriert und die Armut wurde reduziert, seit das Land 1990 nach 17 Jahren Militärherrschaft zur Demokratie zurückgekehrt ist. Doch es liegt vieles im Argen, das belegt der Band "Der andere 11. September". Seine Beiträge arbeiten gut heraus, wie sehr Chiles Gesellschaft noch von jenem Militärputsch des Generals Augusto Pinochet am 11. September 1973 gezeichnet ist. So ist das Land angesichts nur halbherziger Versöhnungsbemühungen bis heute in Befürworter und Gegner des Staatsstreichs gespalten.

Die von der Diktatur durchgesetzten neoliberalen Wirtschaftsreformen haben dazu geführt, dass Chile zwar immer mehr Reichtum erwirtschaftet, große Teile der Bevölkerung aber nicht angemessen daran teilhaben. Ein mangelhaftes Bildungswesen grenzt sie auch dauerhaft aus. Angesicht einer aus der Lethargie der Diktatur erwachenden Zivilgesellschaft sind Konflikte vorprogrammiert.

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