Seit 07:30 Uhr Nachrichten
 
Mittwoch, 1. Juni 2016MESZ07:31 Uhr

Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.08.2010

Kurz und kritisch

Robert Spaemann: "Schritte über uns hinaus", Jon Stallworthy: "Anthem for Doomed Youth", "Der digitale Peters"

Britische Kriegsschiffe 1916 am Skagerrak (AP Archiv)
Britische Kriegsschiffe 1916 am Skagerrak (AP Archiv)

Eine Reise durch Philosophie und Gesellschaft, ein Denkmal für junge englische Dichter im Ersten Weltkrieg und die "Synchronoptische Weltgeschichte" als DVD sind für historisch Interessierte allesamt erfreuliche Neuerscheinungen.

Robert Spaemann: Schritte über uns hinaus

Cover "Schritte über uns hinaus" von Robert Spaemann (Verlag Klett-Cotta)Cover "Schritte über uns hinaus" von Robert Spaemann (Verlag Klett-Cotta)Viele, die von der deutschen Philosophie der Gegenwart sprechen, meinen nur Habermas. Das ist ärgerlich, denn unsere jüngere Philosophie ist doch so reich an großen und originellen Denkern: Hans Blumenberg, Klaus Heinrich, Wilhelm Hennis, Dieter Henrich, Otfried Höffe, Panajotis Kondylis, Reinhart Koselleck, Hermann Lübbe, Odo Marquard, Peter Sloterdijk und eben auch Robert Spaemann. Mit ihm eröffnet sich, jenseits von Hegel und Babeuf, ein weiter Denkraum. In seinem jüngsten Buch bündelt Spaemann die geistige Ernte seines Lebens: leserlich, gebildet, mutig. Er eröffnet uns einen freundlichen Blick auf die Transzendenz; auf das, was jenseits des intellektuellen Tagewerks Bedeutung hat; und, ja, man darf sagen: auf das Wesentliche. Daneben nimmt er uns mit auf eine Reise durch Philosophie, Gesellschaft und Geschichte, stellt Autoren vor - Heidegger, Luhman, Habermas und Leibniz - und skizziert jene Themen in der Philosophie, die gegenwärtig im Mittelpunkt der intellektuellen Auseinandersetzung stehen. Besonders interessant ist jener Teil, in dem er sich den Leitwerten unserer Gesellschaft widmet. Ein Lesebuch für den Gebildeten also, allerdings ohne Register und Bibliografie, aber mit Fußnoten. Denken für Genießer.
"Schritte über uns hinaus. Gesammelte Reden und Aufsätze von Robert Spaemann", Klett-Cotta, Stuttgart 2010. 376 Seiten, 29,90 Euro.


Jon Stallworthy: Anthem for Doomed Youth

Ein berühmter Beitrag zur Definition des deutschen National-Charakters entstammt dem "Leben des Galilei" von Bertolt Brecht. Nachdem Galilei widerrufen hat, schleudert ihm sein Schüler Andrea Sarti entgegen: "Unglücklich das Land, das keine Helden hat." Brecht aber läßt Galilei antworten: "Nein, unglücklich das Land, das Helden nötig hat." Das ist, pardon Bertolt, dogmatischer Mangel an Bildung. In allen Mythen, in allen historischen Krisen, definieren die Helden den utopischen Kern ihrer Gemeinschaft, das Prinzip Hoffnung: Leonidas und Luther, Scaevola und Savonarola, Stauffenberg und Columbus und Juan d’Austria. Ohne diese Helden gäbe es keine europäische Geschichte und keine europäische Kultur. Ganz deutlich wird das im Buch von Jon Stallworthy. Es ist zwölf englischen Dichtern gewidmet, die im Ersten Weltkrieg gegen die Deutschen kämpften. Die meisten fielen. Man sieht ihre jungen Gesichter, liest ihre Biografien und ihre Gedichte. Eine Epoche wird lebendig, der Aufbruch einer ganzen Generation zu neuen Ufern des Bewusstseins. Es ist ein Heldenepos, eben eine Hymne auf eine dem Untergang geweihte Jugend - und ein Literatur-Lexikon; bisher nicht auf deutsch.
"Anthem for Doomed Youth" von Jon Stallworthy, Constable, London 2010, 192 Seiten, 14,99 £.


Der digitale Peters

1952 erschien "Peters Synchronoptische Weltgeschichte", zahlreiche Neuauflagen folgten, Generationen haben darin geblättert. Der Historiker Arno Peters war ein vielseitiger Wissenschaftler und befasste sich auch mit Geografie, Geologie und Ökonomie. Schon während des Studiums verfolgte er seine Idee einer anderen Art der Geschichtsdarstellung: Er wollte kartografisch die zeitlichen Zusammenhänge deutlich machen und so das historische Weltbild neu definieren, auch politisch-philosophisch. Peters, der sich als links verstand und in diesem Spektrum seine Befürworter fand, leitete das Institut für Universalgeschichte in Bremen und verfasste mehrere Standardwerke. Nun, einige Jahre nach seinem Tod, ist eines davon, eben die synchronoptische Weltgeschichte, für das elektronische Zeitalter erschlossen worden. Das ist durchaus geglückt, und so verhilft es uns auf dem Bildschirm zu einer beeindruckenden Tour d’Histoire - ein ganz neues Geschichtsgefühl.
"Der digitale Peters", aktualisiert von Andreas Kaiser, elektronisch umgesetzt von Thomas Burch, Hans Rudolf Behrendt und Martin Weinmann; eine DVD mit Begleitbuch. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2010, 89,90 Euro.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Kurz und kritisch
Kurz und kritisch
Kurz und kritisch

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

Moby: "Porcelain"Wie Moby ein Popstar wurde
Elektromusiker Moby bei einem Auftritt auf dem Orange Warsaw Festival in Polen. (picture alliance / dpa / Leszek Szymanski)

Ehrlich und selbstironisch erzählt Moby in seiner Autobiografie wie er Anfang der 90er-Jahre in New York zum DJ-Messias aufstieg. In "Porcelain" schreibt der weltbekannte Techno-DJ und Musiker über sein Künstlerleben in der Metropole und die Underground-Clubszene.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj