Mittwoch, 30. Juli 2014MESZ19:18 Uhr

Buchkritik

SachbuchMit voller Wucht
Ein Demonstrant der Gruppe Anonymous steht vor dem Brandenburger Tor bei Nacht und hält ein Plakat mit einem Foto von Edward Snowden in die Höhe.

Schon als oberster Datenschützer des Landes war Peter Schaar sehr kritisch, doch sein aktuelles Buch ist noch deutlicher: Er kritisiert massiv die Bundesregierung. Aber sein Buch ist mehr als eine Abrechnung mit der Regierung. Mehr

BelletristikAutobiografisches Traumjournal
Ansicht des serbischen Parlamentsgebäudes in Belgrad

In seinem Debüt schafft der guatemaltekische Autor Eduardo Halfón einen eigenen Stil aus Essayistik und Fabuliererei, aus Reportage und Traumjournal. Entstanden ist ein Werk mit viel literarischem Wagemut.Mehr

SachbuchAuf verschlungenen Wegen
Geldscheine hängen durch Wäscheklammern gehalten auf einer Wäscheleine.

Der französische Ökonom Gabriel Zucman setzt sich in "Steueroasen" mit Verteilungsgerechtigkeit von Kapital auseinander. Er ordnet zu und klärt auf über das Horten von Geld in ausgewählten Finanzkapitalen.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

LyriksommerDas Lied der Globalisierung
Der amerikanische Dichter Ezra Pound ("Pisan Cantos") am 18. April 1958 in Washington D.C.

Die Dichtung durchpflügt Kulturkreise und Historie, in der Monarchien vergingen, Diktatoren siegten und scheiterten, sie feiert Homer, Dante und die altchinesische Philosophie.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.05.2012

Kurvenreicher Meisterdenker

Hörbuch: "Nietzsche in 100 Minuten", Der Hörverlag, München 2012, 2 CDs

Porträt des deutschen Existenzialisten Friedrich Nietzsche
Porträt des deutschen Existenzialisten Friedrich Nietzsche (AP-Archiv)

Der eingedampfte Nietzsche ist der dritte Streich der neuen Reihe des Hörverlages "Große Dichter und Denker in 100 Minuten". In großen Schritten durchmisst das Hörbuch das pompöse Werk des Denkers – trotz aller Kompliziertheit gut verständlich gesprochen von Helge Heynold.

"Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon gehört, dass Gott tot ist! "

So kennt man ihn, den Mann aus dem sächsischen Röcken: Er liebte den Skandal, er liebte den Donnerhall.

"Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht."

Tremolierend betrat Friedrich Nietzsche die Bühne der Philosophie, als er den Nihilismus und die "Fröhliche Wissenschaft" erfand. Ein Philosoph, der alle Werte "umwertete", der sämtliche Konventionen des Denkens und der Moral auf den Kopf stellte.

"Der Mensch muss die Kraft haben, und von Zeit zu Zeit anwenden, eine Vergangenheit aufzulösen, zu zerbrechen, um leben zu können."

Aus dessen pompösem Werk hat der Herausgeber Ruthard Stäblein ein Potpourri zusammengestellt, das zunächst nach sportlichen Maßstäben zu beurteilen ist. Denn allein die Kritische Gesamtausgabe umfasst fünfzehn Bände, die zu lesen viele Monate beanspruchte. Und mal ehrlich: Selbst Professoren der Geisteswissenschaften dürften nicht alle Nietzsche-Schriften von der ersten bis zur letzten Seite kennen, ob es die "Genealogie der Moral" ist oder die "Unzeitgemäßen Betrachtungen. Also müssten auch sie sich über eine solchermaßen eingedampfte Fassung freuen.

Denn das Hörbuch liefert in einer gut ausgewählten Collage einen Überblick über die Eckpfeiler Nietzscheschen Denkens.

#'"Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.""

In großen Schritten durchmisst das Hörbuch Nietzsches vielgesichtiges Werk. Stationen sind, "Also sprach Zarathustra", "Jenseits von Gut und Böse", "Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn" oder "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik".

"In dieser höchsten Gefahr ... naht sich als rettende, heilkundige Zauberin die Kunst. Sie allein vermag jene Ekelgedanken über das Entsetzliche oder Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen, mit denen sich leben lässt."

Nicht fehlen dürfen natürlich die bekannten Stehsätze von der Hand des Meisterdenkers, die heutzutage noch immer wie Schlager zitiert werden:

"Doch alle Lust will Ewigkeit!"

Nach Arthur Schopenhauer, dem Philosophen der "Welt als Wille und Vorstellung" und Heinrich von Kleist ist der kondensierte Nietzsche der dritte Streich in der neuen Reihe des Hörverlages "Große Dichter und Denker in 100 Minuten". Diese Hörbücher machen sich das Readers' Digest-Prinzip zunutze. Seit den 1920er-Jahren zeichnet sich der amerikanische Verlag dadurch aus, dass er Bestseller um ein Drittel einkürzt, vielfach zur Freude seiner Autoren. Frederick Forsyth etwa räumt freimütig ein, dass die Kurzfassung eigentlich alles Wesentliche seiner Romane enthalte, womit er unter der Hand dem Original nicht das beste Zeugnis ausstellt.
.
"In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der Weltgeschichte."

Wie die überaus populären Bücher von Richard David Precht, ( "Wer bin ich - und wenn ja wie viele"), mit denen sein Autor Stadien füllt, wenn er daraus vorliest, übernehmen auch die 100-Minuten-Hörbücher die Rolle eines Ratgebers. Freilich auf weitaus höherem Niveau. Wo sich Nietzsches kurvenreiche, teilweise hochexpressive Sprache nicht immer auf Anhieb erschließt, da leistet der Sprecher Helge Heynold probate Verständnishilfe, indem er die vielfach mäandernden Langsätze, geschickt rhythmisierend, in einzelne Sinneinheiten aufteilt.

"Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheiten vergessend, niederlassen kann, wer nicht auf einem Punkte wie eine Siegesgöttin ohne Schwindel und Furcht zu stehen vermag, der wird nie wissen, was Glück ist, und noch schlimmer: er wird nie etwas tun, was andere glücklich macht."

Folgt man der allseits verbreiteten Vermutung, dass Hörbücher dem mit vielen Dingen zugleich beschäftigten Menschen Zeit sparen helfen, dann sind die100 Minuten zwischen Dionysos' Dithyramben und dem "Buch für Alle und Keinen" bestens angelegt. Bügeln oder Auto fahren erledigt sich dann wie von selbst, weiß man sich doch hörend auf bestem Wege zur Seinsvergewisserung.

"Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden. Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht. Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren."

Besprochen von Edelgard Abenstein

Nietzsche in 100 Minuten
Gelesen von Helge Heynold
Produktion Hessischer Rundfunk 2012
Der Hörverlag, München 2012,
2 CDs, 14,99 Euro