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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.10.2012

Kuriose Abbilder der Geschichte

Frank Jacobs: "Seltsame Karten", Liebeskind Verlag, München 2012, 128 Seiten

Karten erzählen etwas über die Zeit, in der sie entstanden sind. (Stock.XCHNG / Steve Gray)
Karten erzählen etwas über die Zeit, in der sie entstanden sind. (Stock.XCHNG / Steve Gray)

Die Geschichte der Kartografie spiegelt die Entdeckung der Welt wider - und die ist mitunter bizarr, absurd und voller Irrtümer. Mehr als 30 besonders merkwürdige Karten hat Frank Jacobs, der den Blog "Strange Maps" unterhält, jetzt in einem erstaunlichen Buch zusammengetragen.

Frank Jacobs muss von irgendetwas an der Karte fasziniert sein: ihrer Grafik, einer absurden Idee dahinter, einem Streit um Grenzziehungen, einem besonderen historischen Fakt oder an einer einfach guten Geschichte. Mitunter ist es auch ein bisschen von allem. Wie etwa bei der detailverliebten Karte von 1650, die Kalifornien als Insel zeigt - eine Vorstellung, die auf einen Ritterroman von 1519 zurückging. In diesem Buch von Garci Rodríguez de Montalvo heißt es, dass östlich von Indien eine Insel namens "California" liege. Als die ersten Spanier, von Süden kommend, auf die lang gestreckte Halbinsel vor der mexikanischen Küste stießen, nahmen sie deshalb an, diese Insel gefunden zu haben.

Grafisch interessant sind die verschiedenen Bildtafeln aus dem 19. Jahrhundert. Eine zeigt eine idealisierte Berglandschaft mit Gipfeln aus aller Welt, auf einer weiteren sind neben Bergen auch Flussläufe aus beiden Amerikas sowie eine recht willkürliche Auswahl von Wasserfällen, Seen und Inseln eingezeichnet - alles um Höhen, Längen und Größen vergleichen zu können. Eine Besonderheit ist das Diagramm mit einer großen Uhr in der Mitte: Zwölf Uhr mittags ist es nach Washingtoner Zeit. Drumherum sind 133 Zifferblätter angeordnet, 133 Orte weltweit mit 133 ganz verschiedenen Zeiten - minutengenau. Denn diese Übersicht stammt aus dem Jahr 1860, und Zeitzonen, die Ortszeiten vereinheitlichten, wurden erst etwa 25 Jahre später eingeführt.

Jacobs hat Schmuckkarten ausgesucht wie die aus einem humoristischen Atlas des 19. Jahrhunderts, in dem Länder als Personen mit kurzen charakterisierenden Gedichten darunter dargestellt sind, irreale Landkarten wie die des "Landes der zärtlichen Gefühle", die im 17. Jahrhundert von der Schriftstellerin Madeleine de Scudéry inspiriert wurde, oder politisch interessante Karten wie die des ursprünglich geplanten und von Indianern besiedelten US-Bundesstaates Sequoyah, der heute ein Teil Oklahomas ist.

Politisch brisant ist hingegen die Karte aus der französischsprachigen belgischen Tageszeitung "Le Soir". Entnervt vom Sprachenstreit in Belgien und den Separatismusforderungen flämischer Politiker druckte die Zeitung 2007 eine Karte, die eine "natürliche" Lösung des Problems zeigt: Warten bis dank des Klimawandels die Nordsee den größten Teil Flanderns überflutet hat - die französischsprachige Wallonie umfasst nämlich die höher gelegen Landesteile Belgiens.

So entsteht beim Blättern und Lesen der beigefügten erläuternden Texte ein vielschichtiges Bild: Die Karten berichten vom Wissensstand einer jeweiligen Epoche, davon, was man wichtig und mitteilenswert fand, von politischen (Vor-) Urteilen und von Sehnsüchten. Als Karten irreführend, als Zeugen ihrer Zeit wegweisend.

Besprochen von Günther Wessel

Frank Jacobs: Seltsame Karten. Ein Atlas kartographischer Kuriositäten
Aus dem Englischen von Matthias Müller
Liebeskind Verlag, München 2012
128 Seiten, 29,80 Euro


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