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Vollbild | Beitrag vom 12.12.2015

Kunstzensur in der DDRDEFA-Filme aus dem "Giftschrank"

Andreas Kötzing im Gespräch mit Patrick Wellinski

Eine Einfahrt mit einem Schild mit der Aufschrift "DEFA". (picture alliance / dpa / Hubert Link)
Der Eingang zur ostdeutschen Filmstadt Babelsberg bei Potsdam, dem Sitz der DEFA, aufgenommen am 17.5.1991. (picture alliance / dpa / Hubert Link)

Es war die wohl umfangreichste Filmzensur in der deutschen Geschichte: Durch das Plenum des ZK der SED 1965 wurden zwölf Filme des staatlichen Filmstudios DEFA verboten. Sie hatten Probleme in der DDR thematisiert. Zum 50. Jahrestag beleuchtet Filmhistoriker Andreas Kötzing in einem Buch die damalige Kulturpolitik aus neuen Blickwinkeln.

Patrick Wellinski: Sie hören "Vollbild", das Filmmagazin im Deutschlandradio Kultur – und jetzt eine Stimme aus der Vergangenheit:

Ausschnitt aus einer Rede Walter Ulbrichts: "Sie dürfen doch nicht denken, dass wir uns weiter als Partei- und Arbeiterfunktionäre von jedem beliebigen Schreiber anspucken lassen, liebe Genossen." (Applaus) "Das ist zu Ende, absolut zu Ende. Und wir werden uns mit denen beschäftigen, die das zu einer Spezialität gemacht haben."

Walter Ulbricht war das, der SED-Staatschef, hier zu hören auf dem 11. Plenum des ZK der SED, das vor ziemlich genau 50 Jahren stattgefunden hat und dann später unter dem Namen Kahlschlag in die DDR-Geschichte eingegangen ist. Kahlschlag vor allem in der Kunstszene: Zahlreiche Bücher, Theater, Musikstücke, die sich zunehmend kritischer mit der Entwicklung der ostdeutschen Gesellschaft auseinandersetzten, wurden nach dem Plenum verboten. Besonders hart traf es die DEFA, das staatliche Filmstudio der DDR: Zwölf Spielfilme wurden im Umfeld der Tagung verboten oder sogar in der Produktion abgebrochen. Es war die wohl umfangreichste Filmzensur innerhalb eines Jahres in der deutschen Filmgeschichte.

Und pünktlich zum 50. Jahrestag dieses Ereignisses sind nicht nur die verbotenen Filme wieder auf der Leinwand zu sehen, unter anderem gerade in Berlin in einer umfangreichen Retrospektive im Zeughaus-Kino. Es ist auch ein neues Buch erschienen, "Verbotene Utopie" im Verlag Bertz und Fischer. Und einer der beiden Herausgeber ist mir jetzt aus Leipzig zugeschaltet: der Filmhistoriker, Journalist und regelmäßige Gast unserer Sendung, Andreas Kötzing. Guten Tag!

Andreas Kötzing: Hallo, Herr Wellinski!

Wellinski: Zwölf Filme landeten vor 50 Jahren im sogenannten Giftschrank. Was genau waren die Gründe für dieses Verbot, und bezog sich das Verbot eher auf die Inhalte oder dann doch auf die Form und Ästhetik dieser Filme?

Kötzing: In erster Linie waren es eigentlich kulturpolitische Gründe, wenn man genauer hinschaut, denn diese Filme sind entstanden aus einem bestimmten Zeitgeist der frühen 60er-Jahre in der DDR, die sehr von einer reformorientierten Politik geprägt gewesen ist - maßgeblich angestoßen von Walter Ulbricht in verschiedenen Bereichen der DDR-Gesellschaft, zum Beispiel in der Wirtschaft durch ein neues ökonomisches System, das sich vor allem an der westlichen Wirtschaft orientieren sollte oder durch ein Jugendkommuniqué, das neue Freiheiten für die Jugendlichen in der DDR versprach. Und es gab eine ganze Menge von jüngeren Künstlern, die diese Reformpolitik aufgegriffen haben und gesagt haben, auch wir müssen diesen Impuls nutzen, um jetzt mal stärker über die Probleme bei uns im eigenen Land nachzudenken.

Nach dem Mauerbau, jetzt, wo es das Argument nicht mehr gab, der schädlichen Einflüsse aus dem Westen, dem man sozusagen zuarbeiten würde, jetzt könnte man doch tatsächlich mal anfangen und mal schauen, was läuft bei uns schief, was muss anders gemacht werden. Und diese Filmemacher, diese jüngere Generation - Leute wie Jürgen Böttcher, Frank Vogel - fangen an, an Filmen zu arbeiten, die genuin im Hier und Jetzt spielen, also in den 60er-Jahren in der DDR; und wo es um Probleme geht im Alltag der Menschen, sei es zum Beispiel im Umfeld ihrer Arbeit. Es sind vor allem Jugendliche, die im Mittelpunkt stehen und die aufbegehren, die sagen, sie wollen ein selbstbestimmtes Leben führen, fernab von Drangsalierungen durch die Partei oder von Vorschriften, die ihnen gemacht werden.

Denken Sie an so einen schönen Film wie "Karla" von Herrmann Zschoche, in dem die junge Jutta Hoffmann eine Lehrerin spielt, die aufs Land versetzt wird und die mit großen Ambitionen von der Universität kommt und glaubt, sie kann jetzt dort vor Ort in dieser Schule etwas ändern - und was will sie ändern? Sie will eigentlich nur diese Kinder, diese Jugendlichen, zu einem selbstständigen Denken animieren, dass sie selber lernen zu hinterfragen, was um sie drum herum passiert. Solche Gründe sind dann mitunter schon ausschlaggebend gewesen, dass man diese Filme als staatsfeindlich eingestuft hat, obwohl sie das bei Lichte betrachtet eigentlich nicht waren.

Keiner dieser Filme war systemkritisch im Sinne, dass er den Sozialismus abschaffen wollte, sondern die suchten nach Wegen der Verbesserung. Die wollten einfach innerhalb des Systems etwas ändern, denn auch die Filmemacher – das muss man dazu sagen – waren zu überwiegender Mehrheit selbst Mitglieder der SED. Und sie waren – das kann, glaube ich, getrost so sagen – auch selbst überzeugte Sozialisten, die eben einfach nur gesehen haben, dass in ihrem Land nicht alles so läuft, wie es ständig in der Zeitung propagiert wurde.

"Aufbruchstimmung auf ziemlich brachiale Art und Weise beendet worden"

Wellinski: Wenn Sie aber jetzt sagen, die Filme waren im Grunde jetzt nicht wirklich systemkritisch oder staatsfeindlich - warum ist die SED damals trotzdem so stark eingeschritten, obwohl sie ja viele dieser Filme vorab ja genehmigt hat?

Kötzing: Das hängt, wie so häufig, in der Kulturpolitik mit den schwankenden Rahmenbedingungen zusammen. Wir haben ja immer mal Phasen des Tauwetters, in denen mehr möglich ist, und dann gibt es die Phasen der kulturpolitischen Eiszeit, wo auf einmal der Wind aus einer ganz anderen Richtung weht - und genau das gleiche passiert auch im Herbst 1965 in der DDR.

Viele der SED-Funktionäre, die so in diese Richtung der Reform tendierten, sind entmachtet worden, auch Walter Ulbricht schwenkt um auf den Kurs der Hardliner innerhalb der SED, was vor allem auch mit einem Machtwechsel in der Sowjetunion zusammenhing. Dort hat Leonid Breschnew im Herbst 1964 das Heft des Handelns übernommen, der wesentlich kritischer dieser Reformpolitik gegenüber eingestellt gewesen ist. Und viele der Künstler, die gedacht haben, sie hätten jetzt die Möglichkeit, frei agieren zu können, sehen sich auf einmal mit einer ganz neuen starrköpfigen Haltung innerhalb der Parteispitze konfrontiert.

Nur so kann man verstehen, dass Filme dann auf einmal verboten wurden, die vorher von der SED eigentlich genehmigt worden sind; die übrigens dann zum Teil auch auf diesem 11. Plenum, das vor 50 Jahren stattfand, tatsächlich als Beispiele vorgeführt wurden, um zu zeigen, was für gravierende Missstände es in der DDR-Kultur angeblich geben würde. Das war "Das Kaninchen bin ich" von Kurt Maetzig und "Denk bloß nicht, ich heule" von Frank Vogel, die beiden exponiertesten Fälle, die dort auf dem 11. Plenum tatsächlich allen anwesenden Gästen als schlechtes Beispiel gezeigt wurden.

Wellinski: Wenn wir uns jetzt mal an die verbotenen Früchte wagen, also an die Filme selbst, von Regisseuren wie Jürgen Böttcher, Gerhard Klein oder Frank Beyer – ästhetisch erinnern gerade diese Filme an die westlichen neuen Wellen, also zum Beispiel an die französische Nouvelle Vague oder den italienischen Neorealismus. Wie sehen Sie das eigentlich, welches künstlerische Potential steckt tatsächlich in diesen Filmen?

Kötzing: In meinen Augen ein ganz großes. Diese Annäherung an die westlichen Erzählstile, in Frankreich, in Italien, die ist offenkundig. Und das ist natürlich auch mit ausschlaggebend dafür gewesen, dass viele starrköpfige SED-Funktionäre gesagt haben, das ist doch gar kein sozialistischer Realismus mehr, was wir hier sehen, das ist doch Anbiederung an die Erzählkultur in den westlichen Staaten - warum sollen wir so etwas eigentlich fördern und es auf der Leinwand zeigen. Genau das hat man den Regisseuren vorgeworfen, die natürlich aus ihrer Ausbildung heraus an der Filmhochschule in Babelsberg sehr intensiven Kontakt zu diesen Filmen hatten. Sie konnten sie ja dort vor Ort tatsächlich sehen, auch wenn sie in denn DDR-Kinos zum Teil nicht zugelassen gewesen sind, aber die Orientierung war offenkundig.

In meinen Augen ist das Potential dieser DEFA-Filme durchaus da gewesen, international an diese Bewegungen anzuknüpfen - übrigens nicht nur in Westeuropa, auch in Osteuropa; diese neuen Wellen in Tschechien oder in Polen, sind sie ja wesentlich liberaler gehandhabt worden. Dort hatten die Filmemacher ja die Möglichkeit, sich sehr viel stärker und kritischer mit der eigenen Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Bei der DEFA erleben wir eine Aufbruchsstimmung in diesem Jahr '65 /'66, die meines Erachtens durchaus in der Lage gewesen wäre, auch international zu reüssieren, auch im deutsch-deutschen Vergleich. Schauen Sie sich, was parallel in der Bundesrepublik passiert mit dem jungen deutschen Film. Das ist ja keine genuin eigenständige Geschichte dort in der DDR, das passiert ja überall, diese Aufbruchsstimmung in den 60er-Jahren, aber sie ist dann eben in der DDR auf ziemlich brachiale Art und Weise beendet worden, indem man diese zwölf Filme in den Giftschrank verbannt hat und sie dann erst 1989 / '90 zum überwiegenden Teil wieder aufgeführt werden durften.

"Ziemlich verheerend für die betroffenen Künstler"

Wellinski: Nun hat ja das Wort Kahlschlag schon so etwas Endgültiges, man will, dass nichts mehr nachwächst. Welche Folgen hatte denn das 11. Plenum für die weiteren Filmstoffe bei der DEFA?

Kötzing: Man kann sich vorstellen, dass das ziemlich verheerend gewesen ist, vor allem natürlich für die direkt betroffenen Künstler, die zum Teil auch entlassen worden sind, wie Günter Stahnke zum Beispiel, der Regisseur von "Der Frühling braucht Zeit" oder auch Frank Beyer, nach dem Verbot von "Spur der Steine", der prominenteste Verbotsfall. Alle kommen früher oder später wieder zurück zum Film, viele können weiter arbeiten, sei es im Fernsehen oder dann auch in den 70er-Jahren wieder an neuen Filmen, die ja durchaus auch immer mal wieder gesellschaftskritisches Potential in sich bargen.

Aber was bei der DEFA danach nie wieder passiert ist, dass es so eine gemeinsame Aufbruchsstimmung gab. Die Filmemacher sind eigentlich weitgehend Einzelkämpfer, sind alleine unterwegs, entsolidarisiert, könnte man vielleicht sogar sagen. Jeder dreht weiter für sich. Immer wieder gibt es so kleinere Filme: Frank Beyers "Geschlossene Gesellschaft" fällt mir ein, fürs DDR-Fernsehen, realisiert in den 70er-Jahren; viele andere Beispiele könnte man nennen, die immer auch wieder von Problemen begleitet sind. Es gibt sie, die Einzelfälle, aber wir haben eben nie wieder so eine Aufbruchsstimmung gehabt wie 1966. Von diesem Kahlschlag hat sich die DEFA, ehrlich gesagt, nie wieder erholt.

Wellinski: Die Folgen und auch das Umfeld des 11. Plenums wurden vor allem nach dem Mauerfall schon beschrieben, über diese Folgen wurde auch schon viel geschrieben. Welche neuen Schwerpunkte können Sie denn jetzt in Ihrem Buch noch mal setzen?

Kötzing: Wir, also Ralf Schenk und ich zusammen, die wir das Buch herausgegeben haben, haben uns überlegt, wo kann man tatsächlich noch neue Aspekte finden. Wir haben viele renommierte Autoren angesprochen, die für uns Einzelstudien zu den einzelnen zwölf Filmen geschrieben haben, das heißt also, es gibt zu jedem der verbotenen Filme einen ausführlichen Text sowie eine Chronologie der Ereignisse, die dazu geführt haben, dass der Film verboten wurde. Wir haben noch mal eine Vielzahl von neuen Dokumenten mit in das Buch aufgenommen. Ich selbst habe vor allem den kulturpolitischen Verwicklungen der Jahre '64/'65 nachgespürt, habe auch versucht, Vergleichsaspekte aufzuzeigen zu früheren kulturpolitischen Debatten in der DDR; zum Beispiel zum Formalismus-Streit in den 50er-Jahren, da finden sich durchaus zahlreiche Parallelen.

Was auch ganz neu ist: In dem Buch haben wir eine Audio-CD mit drin, wo man sich tatsächlich mal einen Originaleindruck von der Stimmung dort auf dem 11. Plenum verschaffen kann. Viele der Teilnehmer haben das ja wie so eine Art pogromartige Stimmung wahrgenommen. Wir haben den Ausschnitt gehört von Walter Ulbricht, bei vielen anderen Rednern war die Stimmung ähnlich im Saal. Auf der CD, die Günter Agde, ein Historiker aus Berlin, für uns zusammengestellt hat, hat man jetzt tatsächlich mal die Möglichkeit, sich einen eigenen Eindruck von der Atmosphäre des 11. Plenums zu verschaffen.

Wellinski: Das Buch "Verbotene Utopie: Die SED, die DEFA und das 11. Plenum", herausgegeben von Ralf Schenk und Andreas Kötzing, ist im Verlag Bertz und Fischer erschienen, 544 Seiten plus Audio-CD, wie gehört, kosten 29 Euro, und wie gesagt, wer die verbotenen, mittlerweile nicht mehr verbotenen Filme gerne wieder im Kino sehen will, hat noch bis zum 20. Dezember die Möglichkeit: Die Reihe "Sturm und Zwang" läuft im Zeughaus-Kino in Berlin. Parallel dazu ist auch eine umfangreiche DVD-Edition bei "Icestorm" erschienen. Herr Kötzing, vielen Dank für Ihre Zeit!

Kötzing: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

In der Reihe "Sturm und Zwang" sind die ehemals verbotenen DEFA-Filme noch bis zum 20. Dezember 2015 im Zeughaus-Kino des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin zu sehen. Mehr Informationen auf der Webseite des Kinos.

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