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Profil / Archiv | Beitrag vom 30.06.2006

Kunst unter einem Gullydeckel

Porträt des Installationskünstler Gregor Aigner

Von Daniel Stender

Abgang zur "Verrichtungsbox" (Gregor Aigner)
Abgang zur "Verrichtungsbox" (Gregor Aigner)

Kunst, das findet nicht nur im Museum statt, sondern überall - so lässt sich das Programm des Frankfurter Künstlers Gregor Aigner zusammenfassen. Seine Installationen sind Happenings, die mitten im Alltagsleben stattfinden. Sein neuestes Werk "Verrichtungsbox für Scham und Trauer" befindet sich unter einem Gullydeckel in Frankfurts Bankenzentrum.

Gregor Aigner: "Jetzt befinden wir uns am Anfang des Schamkanals. Der Schamkanal ist ein Regenabwasserkanal, der 814 m lang ist, und der bis zur alten Oper führt, dass heißt, man könnte komplett durch den Kanal gehen und könnte an der alten Oper durch den Gullydeckel wieder rauskommen."

Unter einem Gullydeckel kurz vor dem Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt fließt der Schamkanal. Gregor Aigner, 41 Jahre alt, blonde Haare, strahlend blau-grüne Augen, steht im Schamkanal. Genauer gesagt: in seinem Schamkanal, denn was zunächst nach einer Art Abflussrohr der Seele klingt, ist Teil von Gregor Aigners neuem Projekt.

Es nennt sich "Verrichtungsbox für Scham und Trauer". Scham und Trauer, sagt Gregor Aigner, das sind Gefühle, die man in unser Gesellschaft nur im Verborgenen zeigen kann, die man nur irgendwie und unbemerkt "verrichtet". Daher hat Aigner seine neue Installation in den Untergrund verlegt. Normalerweise fließt durch diesen Kanal das Regenwasser der Frankfurter Innenstadt in den Main.

Aigner: "Wenn's regnet, steht hier unter Wasser, es kommt nur darauf an, wie stark es regnet, hier kommt aus verschiedenen Stadtteilen das Regenwasser rein (...) am Anfang der Ausstellung sah man am nächsten Tag immer, wie hoch das Wasser stand, da sind dann so Dreckspritzer an den Postern und man kann den Pegel des Wasses in dem Schamkanal eigentlich täglich ablesen. Und deshalb ist es auch jeden Tag eigentlich ne Überraschung, wenn die Stadt die Luke aufhebelt und man sich fragt: wie wird’s da unten aussehen, müssen wir da wieder etwas reinstallieren. (...)"

Gregor Aigner hat die Kanalisation umfunktioniert - in eine begehbare Metapher rund um die Begriffe Scham und Trauer.

"Du hast Dich für alles und alle geschämt, und dann kommt das Sahnehäubchen: Die Scham, sich geschämt zu haben. Ein durchdachter Kreislauf, so bist Du mit ihr beschäftigt und ruhig gestellt. Dein Verhalten ist unpassend, Deine Kleidung ist unpassend, Deine Vorhaben sind unpassend, ich verliere ja schon das Gleichgewicht - ist es gut so?"

Für den Besucher ist allein schon der Besuch in der Kanalisation ein Erlebnis: kühle, muffige Luft schlägt einem entgegen, die Geräusche der Stadt klingen gedämpft durch Gullydeckel, die Decke ist niedrig, brackiges Wasser steht auf dem Boden. Unwillkürlich denkt man an Ratten und mittelalterliche Folterkeller. Gregor Aigners Installation tut das ihrige dazu. Denn an einer der runden Kanalwände kann sich der Besucher selbst kasteien, in dem er den so genannten Schamhelm aufsetzt.

Aigner: "Man kann wie gesagt den Schamhelm aufsetzen, (...) die Anweisung steht auf dem Poster: 'Hier Kopf gegen die Wand schlagen, dazu Helm aufziehen.' Dann ein Platz, wo man die linke Hand auflegen soll, die rechte Hand auflegen soll und dann ganz unten auf dem Poster ein V, als Symbol, wo man die Scham anlegen soll und dann kann man eben den Kopf zurück bewegen und mit dem Kopf gegen die Wand schlagen. Und so, ironisch gesehen, seine Scham abzulassen, die dann letztendlich vom Kanal (...) abgeleitet wird."

Ironie schwingt bei dieser Installation ohnehin immer ein wenig mit. Denn ob die Schamhelm-Therapie tatsächlich dazu führt, dass ein Besucher sich von Schamgefühlen befreien kann, das steht weniger im Mittelpunkt: Gregor Aigner geht es vielmehr darum, auf überflüssige Hemmungen und Verklemmtheiten im Alltag aufmerksam zu machen.

"Warum schämst Du Dich überhaupt und für was? Für Deine Geburt, den Fleck auf Deiner Jeans? Ausgerechnet ein weißer Fleck! Das hat doch sicher jeder gesehen, ich jedenfalls weiß, was Du getan hast."

Ursprünglich kommt Gregor Aigener aus der Werbebranche, er arbeitete als creative director bei internationalen Agenturen wie Leo Bernett und bei der Internetfirma Lycos, seit einem Jahr hat er sich selbstständig gemacht. Unter anderem auch, um mehr Zeit für seine Installationen zu haben. Mit Erfolg, denn bei dem internationalen Wettbewerb der Art Direktoren in Cannes gewann Aigners Installation "Freiluftroman" vor Kurzem den ersten Platz – eine Auszeichnung, die zumindest Mut macht, denn bisher finanziert Gregor Aigner seine Kunst durch Sponsoren und indem er sein eigenes Geld wie er sagt in die Installationen 'investiert'. Die Grenzen zwischen Kunst und Werbung sind ja ohnehin eher fließend findet er, schließlich hat gute Werbung auch viel mit Kunst zu tun: Beide dürfen den Betrachter nicht langweilen.

Aigner: "Kunst, die ich nicht mag, ist, tote Kunst. Es gibt wenig Museen, die ich interessant finde, weil für mich ist ein Museum ein toter Ort. Deshalb auch hier in der Kanalisation, mit Emotionen, die sich in der Tiefe bei uns Menschen auseinanderzusetzen, das ist für mich ne lebendige Ausstellung. Da kann ich einfach mit dem Raum auch spielen, und habe nicht nur wie im Museum einen White-Cube oder einen Weißen Raum, in dem ich dann irgendwas hinstelle. Insofern, es gibt viel langweilige und nichtssagende Kunst. Für andere ist das dann wieder etwas, wo sie dann etwas rein interpretieren kann."

Kunst und Werbung - Aigners bisherige Installationen haben von all dem etwas: Ein Freiluftroman, der über 3, 5 Kilometer das alte Literaturhaus Frankfurt mit dem neuen Literaturhaus verbindet und eine Black Box in der Fußgängerzone, in der sich Passanten in die Welt von Blinden hineinversetzen können - eine Auftragsarbeit für das Dialogmuseum Frankfurt.

Gregor Aigner fühlt sich ganz und gar als Frankfurter und kann sich keinen besseren Standort für seine Installationen vorstellen - welche Stadt lässt schon einen Künstler in der Kanalisation ausstellen? Sagt Aigner und grinst. Geboren ist Aigner aber in Berlin - einer Stadt, die ihn schon als Kind sehr geprägt hat.

Aigner: "Also ich habe die 68er auf den Schultern meines Vaters mitbekommen, mitten in Berlin, ich kenn noch die ganzen Demonstrationen, habe auch als Vierjähriger 'Hohohotschiminh' geschrien, Hochimin war für mich einfach ein Zugehörigkeitsgefühl, ich wusste weder wer das ist, noch warum dessen Name geschrieen wurde, aber mir hat dieses Revolutionäre gefallen und mir hat gefallen, dass mein Vater für etwas aufgestanden ist, ich merk das heute noch, obwohl ich das nur im Unterbewusstsein mitbekommen habe, dass mir so eine Situation fehlt, also so ein bisschen was Anarchisches in der Gesellschaft."

Eine Prise Anarchie lauert auch im Schamkanal - schließlich ist Aigners Kreuzung aus Punkästhetik und Psychohygiene vor allem eine Aufforderung, dass man sich selbst und das eigene Schämen nicht ganz so wichtig nimmt. Gregor Aigner fällt es zumindest schwer, bei der Schamhelm-Therapie wirklich ernst zu bleiben.

D. Stender: "Gibt es da eine bestimmte Anzahl an Schlägen?"

G. Aigner: "Nee, das ist je nach Schamsituation verschieden. Mal mehr, mal weniger."

Stender: "Wofür schämen Sie sich jetzt grad?"

Aigner: "Dafür, dass ich es Ihnen vorführe, ohne dass ich mich schäme."

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