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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 27.12.2012

Kunst statt Verbrechen

Marseille putzt sich als Kulturhauptstadt 2013 raus

Von Martina Zimmermann

Blick vom Fuß der Wallfahrtskirche Notre Dame de la Garde auf historische Befestigungsanlagen am alten Hafen von Marseille. (picture alliance / dpa / Andreas Engelhardt)
Blick vom Fuß der Wallfahrtskirche Notre Dame de la Garde auf historische Befestigungsanlagen am alten Hafen von Marseille. (picture alliance / dpa / Andreas Engelhardt)

Als sogenannte Hauptstadt des Verbrechens machte die südfranzösische Hafenstadt Marseille bislang eher mit Negativschlagzeilen von sich reden. Das soll sich spätestens ab Januar ändern, wenn die zweitgrößte Stadt Frankreichs Kulturhauptstadt Europas wird.

Anna Lubrano ist eine Berühmtheit im Alten Hafen von Marseille. Die 83-Jährige freut sich:

"Wir sind Kulturhauptstadt! Eine schöne Sache für Marseille. Haben Sie das Zentrum gesehen, was da alles gemacht wurde? Früher kamen Touristen nur im Juli und im August, nun kommen sie das ganze Jahr über, mein Schätzchen. ... Du verstehst dass ich stolz bin auf Marseille. Ich würde nicht für alles Gold der Welt weggehen. Meine Liebe, Ihnen gefällt es vielleicht dort, wo Sie geboren wurden. Ich wurde hier geboren und ich werde hier nicht weggehen, nicht mal in Urlaub!"

Von ihrem 17. Lebensjahr an hat Anna Lubrano im Alten Hafen Fisch verkauft. Seit ihr Mann, der Fischer krank ist, bietet sie auf dem Fischmarkt Glücksbringer an: Heute kommen ohnehin vor allem Touristen, meint die typische Marseillerin, die Frauen mit "meine Liebe" anredet und Männer "mein Kleiner" nennt:

"Ich war 65 Jahre am Alten Hafen, jeden Tag! In der Nacht von zwei Uhr bis morgens um acht haben wir an Großabnehmer verkauft und danach den Rest bis zum Mittag an Einzelkunden. Ich komme heute aus Gewohnheit her. Wenn ich einen Tag mal nicht am Hafen bin, fühle ich mich nicht wohl, meine Liebe."

Die Fischstände am Alten Hafen gehören zu Marseille wie die Kathedrale Notre Dame de la Garde, die über der Stadt thront und von den Marseillern "die gute Mutter" genannt wird.

In den vergangenen Monaten mussten die Fischer ihre Ware allerdings am Quai du Port in einer hinteren Ecke des Hafens anbieten: Der Alte Hafen war eine riesige Baustelle. Nun ist alles fertig gestellt und den Hafen schmückt eine schöne neue Promenade mit Pflastersteinen: Marseille hat sich herausgeputzt.

Drei neue Museen wurden ein paar Schritte vom Alten Hafen entfernt gebaut. Das Museum "Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerrannée" wird am 12. Januar eröffnet, zum offiziellen Beginn der Feierlichkeiten. Sonne, Wasser und Himmel spiegeln sich weithin sichtbar in der Glasfassade des Gebäudes. 113 Millionen Euro hat es gekostet und widmet sich den Kulturen des Mittelmeerraums.
Die beiden anderen: Die Villa Méditerrannée und das Museum, "Regards de Provence", in dem Werke von Künstlern aus der Provence ausgestellt werden.

"Hier sind wir in der Eingangshalle, wo die Werke ausgestellt werden."

Adeline Granereau von der Stiftung "Regards de Provence" führt vorbei an Farbtöpfen und Schubkarren, so, als ob bereits alle 850 Werke der Provence-Maler an den Wänden hängen. Die Stiftung, die seit fünfzehn Jahren im Besitz der Werke ist, hat bisher ihre Kollektion an verschiedenen Orten ausgestellt. Nun hat sie ein eigenes Museum auf 2000 Quadratmetern. Es ist die ehemalige Gesundheitsstation des Hafens von Marseille:

"Damals wurden dort die Schiffspassagiere untersucht, wenn sie nach Marseille kamen. Sie wurden kontrolliert, damit sie keine Krankheiten mitbrachten. Sie wurden geduscht, ihre Kleidung wurde desinfiziert. Erst dann durften sie nach Marseille und in die Provence gehen. Aber die Station hat nur kurze Zeit gedient. Denn kurz, nachdem sie 1948 gebaut wurde, wurde die Weltgesundheitsorganisation gegründet. Damit haben sich die Vorschriften geändert. Die Leute wurden untersucht, wenn sie das Land mit einem Gesundheitsbuch verließen."

40 Jahre lang blieb das staatliche Gebäude verlassen, dann wurde es als Kulturerbe des 20. Jahrhunderts unter Denkmalschutz gestellt.

"Früher lebten dort Hausbesetzer. Bevor sie weggingen, haben sie ein Auto ins Haus gebracht und verbrannt. Überall lagen Bierdosen, aufgeschlitzte Matratzen. Trotzdem haben wir beschlossen, dieses Gebäude für unser Museum zu nehmen."

Direkt über dem neuen Museum liegt das älteste Viertel von Marseille: Le Panier – ein Muss für jeden Besucher.

Hier wurde die Stadt vor über 2600 Jahren gegründet. Der Name kommt von einer im 17. Jahrhundert berühmten Herberge namens "Panier" – auf deutsch: Korb. Die Gassen um das ehemalige Hospiz der Vieille Charité sind oft durch steile Treppen miteinander verbunden. Die kleinen schmalen Häuser mit den bunten Fassaden erinnern an ein sizilianisches Dorf. Stadtführerin Marie-Pierre Vouriot:

"Seit 2002 fährt der TGV in drei Stunden von Paris nach Marseille. Seither kommen viele Pariser und Leute aus dem Norden in das Viertel. Sie finden es charmant und sie renovieren die Häuser. Auch die Einwohner Marseilles kommen gerne zu Besuch. Aber wohnen wollen viele dort nicht. Das Panier hatte immer den Ruf Mafiagebiet zu sein, zur French Connection zu gehören. Das gehört bis heute zum Klischee."

Auf einer Bank auf dem malerischen "Place des Lenches" sitzen drei Rentner unter Platanen beim Plausch.

Einer stellt sich als Michel vor. Seine Freunde scherzen: Er brauche bald einen Ventilator, um seine Geburtstagskerzen auszublasen. Der 94jährige lebt in einem Altersheim von Panier.

"In ganz Frankreich spricht man von Marseille, weil dieses Jahr mehr als 20 Banditen erschossen wurden. Aber hier im Panier redet keiner davon. Wir sagen höchstens: Das macht einen weniger."

Unten am Meer ragt im Schatten der Festung Saint Jean der größte Freivorbau der Welt in den Himmel, noch eine Neuheit. Ein Träger hält ihn in 36 Meter Höhe. Ab März finden dort, in der "Villa Méditerranée" Ausstellungen und Debatten mit Themen rund ums Mittelmeer statt, erklärt Vincent Gaston, der für die internationalen Beziehungen der Villa Méditerranée zuständig ist.

"Alle Einwohner von Marseille sollen hier eine Antwort finden auf Fragen zu ihrer Identität. Marseille hat die Fähigkeit, Menschen einzugemeinden. Kinder von Einwanderern sagen, sie sind Marseiller! In Marseille sagen sogar die Kinder aus den Nordvierteln, dass sie aus Marseille sind. Ihre Fußballmannschaft ist der Club Olympic Marseille, das Meer gehört ihnen ebenfalls. Sie fühlen sich hier zuhause, auch wenn sie immer ärmer werden, wenn Arbeitslosigkeit über mehrere Generationen hinweg herrscht. In den südlichen Bezirken ist man relativ reich. Die Menschen aus beiden Gebieten begegnen sich kaum noch. Früher gab es ein Stadtzentrum, aber heute entsteht langsam eine Grenze."

In den Nordvierteln leben seit Jahrzehnten Arme und Einwanderer in Hochhausvierteln. Die Gewalt hat dort solche Ausmaße angenommen, dass eine Gemeinderätin nach der Armee rief. Kriminelle Banden begleichen dort ihre Rechnungen mit der Kalaschnikow. Die Regierung hat einen Sondersicherheitsplan für die Stadt ins Leben gerufen: Mehr Polizei, mehr Mittel für Justiz und Renovierungen und Jobs für Jugendliche.

Rosa Malimo lebt im 14. Arrondissement im Norden Marseilles. Sie ist die Chefin der Bastide, einem ehemaligen Landhaus aus dem 19. Jahrhundert. Chefin, das bedeutet eine Mischung aus Hausmeister, Sozialarbeiterin, Psychologin. Rosa Malimo verwaltet für einen Wohlfahrtsverein 23 Wohnungen der Bastide, die günstig an Menschen in Schwierigkeiten vermietet werden. Rosa wohnt hier selbst seit vier Jahren, in einer geräumigen Wohnung. Obwohl sie diese Bastide sehr schön findet, meint die 55-Jährige:

"Die Umgebung ist schwierig. Wir haben eine sogenannte heiße Siedlung nebenan. Man hört Schüsse, es gibt Probleme, weil die Kids von dort bei uns die Türen oder die Briefkästen kaputt machen. Mindestens drei Mütter der Bastide wurden angegriffen. Ein Junge erhielt drei Messerstiche in den Hintern. Wenn ich Ärger habe, gehe ich direkt zu den Eltern oder zur Polizei. Ich habe schon sieben oder acht Mal Klage eingereicht. Denn es gehört zu meinen Aufgaben, in der Bastide für Ordnung zu sorgen."

Wenn sie mit Freunden einen Aperitif am Alten Hafen nimmt, fährt Rosa Malimo mit dem Taxi nach Hause. Nicht, dass sie Angst hätte – aber nach neun Uhr abends fährt kein Bus mehr in die nördlichen Viertel. Weder Metro noch Trambahnlinie bedienen diese Arrondissements. Deshalb schimpft die energische Rosa Malimo auf die Politiker, gleich welcher Couleur. Der Bürgermeister der Stadt Jean-Claude Gaudin ist ein Konservativer, Region und Departement werden von den Sozialisten verwaltet:

"Man stigmatisiert die Nordviertel, aber Problemviertel gibt auch bis zur Cannebière im Stadtzentrum. Selbst in den südlichen Vierteln gibt es Wohnungseinbrüche. Es herrscht ein Klima von Unsicherheit in ganz Marseille, das kann man nicht leugnen. Ich glaube, das liegt an der Armut. Man hat die Problemviertel vergessen und verlassen. Es gibt 70 Hochhaussiedlungen in Marseille, überall leben viele Kinder. Diese Kids haben keine Arbeit und keine Zukunft, sie haben nichts."

Über 800 Kulturprojekte werden im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas in Marseille und der Provence stattfinden: Zirkus, Festivals, Ausstellungen, auch in den Nordvierteln, betont Pierre Martinez, Projektdirektor von Marseille-Provence 2013.

"In einem Teil der Nordviertel im 15. und 16. Arrondissement mit seinen 250. 000 Einwohnern gibt es nur ein einziges Hotel mit 30 Zimmern! Deshalb gibt es eine Bürgerinitiative namens Hotel du Nord, die Gästezimmer anbietet. Es wird nicht nur Gästezimmer geben, sondern auch Spaziergänge und Führungen durch die Nordviertel. Da gibt es zwar nur ein einziges Denkmal. Aber das immaterielle Kulturerbe dreht sich um das Zusammenleben, um die Geschichte der Einwanderung, der Industrie und der Wirtschaft in diesen Vierteln. Den Leuten, die in diesen Gästezimmern wohnen, werden Führungen angeboten: Die Einwohner führen durch das Viertel und erzählen aus ihrem Leben."

Der Tourismus ist auch für Marseille eine willkommene Einnahmequelle und eine bedeutende Jobbörse, Tendenz steigend: Mit vier Millionen Besuchern hat sich die Zahl der Besucher in Marseille bereits 2011 verdoppelt.

"Diese Region ist in der Krise und will sich entwickeln. Man darf nicht träumen: Die Kultur kann nicht alles. Aber die Kultur ist ein starkes Element für wirtschaftliche Entwicklung. Kultur schafft auch Identität. Die Leute sind stolz auf ihre Heimat und stolz, wenn da etwas passiert. Ohne Naivität und Idealismus kann man sagen: Die Kultur wird in den kommenden Jahren zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen. Es ist kein Zufall, dass das Projekt Kulturhauptstadt Europa zuerst von der Wirtschaft unterstützt wurde. Erst danach haben sich die Politiker angeschlossen."

Bernard Aubert organisiert in Marseille seit 21 Jahren das Festival Fiesta des Suds und seit 2005 die Weltmusikmesse Babelmed. Es sind zwei wichtige Kulturevents in der Stadt. Allein die Fiesta des Suds lockt 50 000 Besucher an. Die Organisation beschäftigt ständig 80 feste Mitarbeiter, während der Festivals arbeiten zusätzlich 200 Leute. Aubert hofft, dass sich 2013 zumindest das Image von Marseille ändert:

"Die Kultur allein kann Marseille nicht aus der Krise ziehen. Aber die Kultur ist ein Wirtschaftszweig, der Leute nach Marseille bringt, die konsumieren, die ins Hotel gehen. Valencia und Lissabon haben es geschafft, ihr Image zu ändern, obwohl es auch dort Probleme mit der Mafia und der Armut gibt. Berlin hat sein Image ebenfalls geändert. So kommen Investoren und Unternehmer. Uns fällt es in Marseille noch schwer, uns zu verkaufen, aber ich hoffe, wir wenden das Blatt 2013."

2013 wird alles anders? Bernard Aubert ist wie viele Marseiller davon überzeugt, dass es in Marseille nicht viel schlimmer ist als in anderen Großtädten. Dass die Stadt aber viel schöner ist als die meisten anderen Orte.

"Diese Stadt muss sich entwickeln, dazu braucht es Koordination und politischen Willen. Vielleicht müssen wir auch unsere südländische Art ablegen, immer nur im Clan, im eigenen Team zu arbeiten und zu teilen. Vielleicht sollten wir anderes zeigen: Die Integration funktioniert gar nicht so schlecht, der Verkehr ist nicht schlimmer als in anderen Großtädten. Wir können das schlecht erklären, weil wir immer mit der Schönheit dieser Stadt gelebt haben."

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