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Thema / Archiv | Beitrag vom 31.08.2012

Kunst ohne Grenzen

Documenta-Historiker mit einer Bilanz zur bedeutendsten Kunstschau der Welt

Harald Kimpel im Gespräch mit Britta Bürger

Schattenspielinstallation von Nalini Malani auf der documenta 13 in Kassel (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Schattenspielinstallation von Nalini Malani auf der documenta 13 in Kassel (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Jede documenta müsse sich immer wieder neu definieren, erklärt der Kunstwissenschaftler Harald Kimpel. Das mache die 13. Kunstausstellung auf eine originelle Weise. Die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev habe den Kunstbegriff in alle Richtungen erweitert, eigentlich sogar ganz abgeschafft.

Britta Bürger: Morgen Abend laden wir Sie ein zur documenta in Kassel. Wir werden dort ab 18.30 Uhr die Kunst zum Sprechen bringen in einer öffentlichen Diskussion mit beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, mit Kunstwissenschaftlern und Kritikern.

Wir werden diese Diskussion aufzeichnen und dann gleich morgen Abend in unserer Sendung "Fazit" präsentieren.

Mit dabei ist auch der documenta-Historiker Harald Kimpel, ein gebürtiger Kasseler, der im dortigen Kulturamt tätig ist und die Geschichte der Weltkunstausstellung umfangreich aufgearbeitet hat.

Mit ihm wollen wir schon jetzt ein erstes Fazit der 13. documenta ziehen. Herr Kimpel, ich grüße Sie in Kassel, schönen guten Tag!

Harald Kimpel: Schönen guten Tag, Frau Bürger!

Bürger: Sie haben die Geschichte der documenta seit ihrem Debut 1955 in vielen Publikationen aufgearbeitet, haben also den großen Überblick darüber, was die documenta seit ihrer Gründung gesellschaftlich aber auch kunsthistorisch bewegt hat. Jede documenta hat versucht, sich von ihren Vorgängerinnen abzugrenzen. In welcher Weise distanziert sich jetzt die diesjährige Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev von früheren documentas?

Kimpel: Die 13. documenta, also die 13. Version distanziert sich auf vielfache Weise von allen Vorgängerveranstaltungen. Sie ist eine documenta der Superlative, die nicht nur in dem einen oder anderen Punkt sich distanzieren will, sondern zum Beispiel ist sie die umfangreichste, die es jemals gab, sie ist gleichzeitig diejenige, die am meisten ökologisch, ökonomisch vorgeht, aber - um vielleicht zum wichtigsten Punkt zu kommen - sie ist die documenta, die am individuellsten eine Konzeption vertritt.

Und das ist eben insofern neu als documenta traditionell ja immer objektiv den Zustand der gegenwärtigen Kunstsituation widerspiegeln wollte, also eine Bilanz ziehen, autoritär vorgehen und sozusagen den Kanon des Zeitgenössischen definieren wollte. Davon kann jetzt keine Rede mehr sein. Es ist eine sehr individuelle Konzeption geworden.

Bürger: Das Ökologische haben Sie gerade angesprochen. Christov-Bakargiev stellt das anthropozentrische Weltbild infrage, indem sie nicht nur kunstschaffende Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen in die Ausstellung einbindet. Und damit hat sie sich ja durchaus in die Nesseln gesetzt.

Kritiker sagen, das sei ein reines Wohlfühlkonzept, eine romantische Illusion, die da geschaffen werde und, wie in der "SZ" formuliert, früher war in Kassel jeder Mensch ein Künstler, heute ist es jedes Tier und jede Tomate. Wie bewerten Sie diesen ja sehr stark erweiterten Kunstbegriff?

Kimpel: Dieser Kunstbegriff ist in einer Radikalität erweitert in alle Richtungen, wie sie der Erfinder des erweiterten Kunstbegriffs Joseph Beuys es sich wohl nie hätte träumen lassen. Es geht um eine Grenzniederlegung nach allen Richtungen hin, zu Wissenschaften, zu Ökonomie, zu Ökologie, zu allen anderen Kulturformen, sodass es zu einem großen Teil gar nicht mehr künstlerische Äußerungen sind, die hier in Kassel gezeigt werden, sondern Wissenschaftsformen und alle anderen Möglichkeiten des Menschen, sich zur Welt zu verhalten.

Bürger: Das kann man aber auch sagen ist im Grunde ein Gemischtwarenladen und spiegelt weniger, wo Künstlerinnen und Künstler derzeit stehen.

Kimpel: Ja. Also diese objektive Dokumentierungsabsicht, die ist der documenta offensichtlich definitiv und massiv diesmal abhandengekommen, und es geht dabei eigentlich nicht nur um die Erweiterung eines Kunstbegriffes, sondern eigentlich um die Abschaffung des Kunstbegriffs.

Und das ist eben eine ganz radikale Variante diesmal, Carolyn Christov-Bakargiev sagt selbst, das, was die Teilnehmenden - von Künstlern ist teilweise gar nicht mehr die Rede -, das, was die Teilnehmenden zeigen, kann Kunst sein oder auch nicht.

Also die Standardfrage bei jeder kulturellen künstlerischen Äußerung über die Jahrzehnte zuvor, ja, ist das Kunst und warum ist das Kunst, die stellt sich nun überhaupt nicht mehr und man kann im Grunde gleich zum Kern der Dinge vordringen. Also es handelt sich durchaus um so etwas wie eine Entlastung.

Bürger: Die Kuratorin hat stärker als ihre Vorgänger die Stadt Kassel und ihre Geschichte mit einbezogen, sie hat zum Beispiel die Zerstörung Kassels in verschiedenen Arbeiten mit der Zerstörung in anderen Teilen der Welt, etwa in Afghanistan, gespiegelt, sie hat Künstler ausgewählt, die diese verschiedenen Kontexte zusammenfügen, und auch hier versucht sie im Grunde ja, Unterschiedliches gleichberechtigt nebeneinanderzustellen. Was bewirkt das?

Kimpel: Zunächst mal beruht das Konzept des Nicht-Konzepts auf einer doppelten Rückbindung an die Geschichte, einmal an die Geschichte der Stadt Kassel, des traditionellen documenta-Austragungsortes, und zum anderen an die Geschichte ihrer eigenen Institution, also die Geschichte der documenta selber.

Und da könnte man jetzt sagen: Eine Institution ist dann in der Krise, wenn sie beginnt, sich um ihre eigene Geschichte zu kümmern. Nun ist aber gerade das Krisensymptom Lebenselixier der documenta, und jede documenta hat sich aus einer Krise heraus positiv und konstruktiv entwickelt.

Bürger: Zwei Wochen, bevor die documenta 13 in Kassel zu Ende geht, sind wir hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem documenta-Historiker Harald Kimpel. Ich war am vergangenen Wochenende in Kassel und habe dort auch die Kritik gehört, dass die documenta 13 alles in allem zu rückwärtsgewandt sei, dass es zu wenig Denkanstöße, Ideen, Visionen gebe, die nach vorne weisen. Wie sehen Sie das?

Kimpel: Das ist genau die Absicht. Die documenta sucht ihre Zukunft in der Vergangenheit, eben über diese Rückanbindung an die Geschichte, in doppelter Hinsicht. Und da ist vielleicht durchaus tatsächlich eine Zukunft zu gewinnen.

Bürger: In den ersten Wochen waren die Rezensionen dieser documenta geradezu euphorisch, erst jetzt gegen Ende kommt auch Kritik auf. Interessant, dass Christov-Bakargiev sich selbst in einem dpa-Interview verwundert zeigt, dass es nicht zu viel heftigeren Debatten gekommen ist. Was meinen Sie, woran liegt das?

Kimpel: Das ist in der Tat sehr erstaunlich. Die Wahrnehmung der documenta durch die öffentlichen Medien hat eine starke Wandlung vollzogen. Zunächst war es sehr positiv, nahezu euphorisch, bis dann erst jetzt sozusagen in der Endspurtsituation kritische und dann aber doch sehr kritische Positionen auf den Plan treten. Diese sehr starke positive Reaktion nicht nur der Medien, sondern auch des breiten Publikums ist meiner Meinung nach darauf zurückzuführen, dass diese documenta nicht nur politisch ist, sondern enorm politisch korrekt, und allen Besuchern jederzeit das Gefühl vermittelt, auf der richtigen Seite zu stehen.

Man merkt die politische Absicht der documenta und fühlt sich in seinem eigenen kritischen Bewusstsein bestätigt, ohne dass man mit einem provozierenden Kunstbegriff konfrontiert wäre, mit dem man sich anfreunden müsste, wie es durchgängig bei den vorangegangen Veranstaltungen der Fall war. Also hier wird keine provozierende Kunst mehr gezeigt, sondern eine Kunst, die sich mit allen Welträtseln auf einmal befassen möchte.

Bürger: Was Christov-Bakargiev ja auch vorgeworfen wird, ist ihre angebliche kuratorische Selbstherrlichkeit. Sie hat an die 100 Arbeiten für diese documenta in Auftrag gegeben, zum Teil zu genau vorgegebenen Themen. Damit steht ja auch nicht mehr im Mittelpunkt, was aus den Künstlerinnen und Künstlern selbst herauskommt, was von denen selbst als drängend empfunden wird. Halten Sie das für einen richtigen kuratorischen Weg?

Kimpel: Das ist ein Knackpunkt, der sehr unterschiedlich gewertet wird. Einerseits kann man sagen, die Tatsache, dass man in Kassel authentische Arbeiten sieht, die man nirgendwo sonst auf der Welt sehen kann, also dass die documenta als Ausstellung nicht nur ein Kunstwerk-Tourismusunternehmen ist, das woanders entstandene Arbeiten für kurze Zeit hier nach Kassel transportiert, um sie danach wieder zurückzuschaffen - dass das ein sehr besonderer Aspekt ist, der die Attraktivität ausmacht.

Andere meinen, dass es im Grunde nichts Schlimmeres gibt im kuratorischen Geschäft als Auftragskunst, also jemand hat eine Idee und lässt danach arbeiten. Das hat so etwas Geschmäcklerisches. Hier in Kassel haben wir es jetzt mit beidem zu tun, mit der besonderen Situation, wirklich exklusive Arbeiten hier sehen zu können, andererseits aber auch mit dem Unbehagen des eben auf die Idee einer künstlerischen Leitungsperson hin gearbeiteten Konzepte.

Bürger: Jetzt haben wir viel Kritisches gehört, und doch ist diese documenta, was den Ansturm des Publikums angeht, wohl die erfolgreichste aller Zeiten, was vielleicht auch daran liegt, dass es eine sehr sinnliche Ausstellung ist. Es gibt viele Künstlerinnen und Künstler, die mit Klang arbeiten, es gibt viele überraschende Raumerfahrungen, zum Beispiel die Performance von Tino Sehgal, in der man in so einen stockdunklen Raum tritt, sich ins Dunkel hineintastet und dabei immer näher herankommt an tanzende und singende und redende Performer.

Oder diese große leere Halle im Fridericianum, in dem uns der Künstler Ryan Gander nicht mehr und nicht weniger als einen Windhauch spüren lässt. Bringt die künstlerische Leiterin die documenta also wieder direkter zum Publikum, indem sie es mit einbezieht?

Kimpel: Ja, also sie bietet für jede Art von Publikum etwas, indem jeder, egal, welcher politischen, künstlerischen, ästhetischen Ansicht, irgendetwas Spannendes findet und das auch unter Absehen dieser teilweise sehr esoterischen oder sagen wir mal animistischen Grundlage des Ganzen.

Man kann spannende Dinge an jeder Ecke finden, ohne dass man dieses Konzept strapazieren muss, im Kopf haben muss und immer alles auf dieses Konzept hin überprüfen müsste.

Bürger: Wenn die documenta 13 nicht mehr der Gradmesser der zeitgenössischen Kunst ist - wie wird das weitergehen mit dieser Weltkunstausstellung? Wird sie sich in fünf Jahren völlig neu definieren müssen?

Kimpel: Ja, weil jede documenta sich immer wieder neu hat definieren müssen. Das ist mit die Besonderheit der documenta, nicht auf der Idee der altväterlichen Erfindung sich durch die Zeiten zu retten, sondern sich in dem, was documenta zu einem bestimmten Zeitpunkt will, immer wieder neu zu definieren.

Und das macht die 13. jetzt eben auf besonders originelle Weise, weil sie eben in dieser Originalitätsnot ist aufgrund des verlorengegangen Alleinstellungsmerkmals, eben der objektiven Demonstration zeitgenössischen Kunstschaffens, nun eben besondere Attraktivität entwickeln muss.

Wie nach diesem radikalen Zugriff auf das Ganze der Welt eine 14., die mit Sicherheit stattfinden wird, aber noch dem eins draufsetzen könnte - das ist völlig unklar.

Bürger: Harald Kimpel, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Kimpel: Ich danke Ihnen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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