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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.05.2005

"Kunst in Auschwitz"

Ausstellung im Centrum Judaicum

Von Michael Schornstheimer

Marian Ruzamski: Selbstportrait (Centrum Judaicum)
Marian Ruzamski: Selbstportrait (Centrum Judaicum)

Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau in Oświęcim besitzt eine umfangreiche Sammlung Bildender Kunst von Werken, die in der Zeit von 1940 bis 1945 im Konzentrationslager Auschwitz entstanden sind: Stillleben, Landschaften, Karikaturen, Genreszenen und vor allem Porträts. 140 dieser Arbeiten präsentieren das Centrum Judaicum in Zusammenarbeit mit dem Museumspädagogischen Dienst in einer gemeinsamen Ausstellung, die am Dienstag eröffnet wird.

Bundeskanzler Gerhard Schröder sowie der Botschafter der Republik Polen Andrzej Byrt werden Grußworte sprechen. Ab Mittwoch ist die Ausstellung öffentlich zugänglich. Weitere Stationen sind das Kulturgeschichtliche Museum Osnabrück / Felix-Nussbaum-Haus sowie das Museum der polnischen Unabhängigkeit Łódź.

Das Selbstporträt von Marian Ruzamski ist mit feinen Bleistiftstrichen gezeichnet. Der Künstler zeigt sich mit vollem, gepflegtem Haar und gut genährt. Er blickt ernst in die Welt, doch keineswegs erschüttert. Eher deprimiert.

Ruzamski hatte an der Krakauer Kunstakademie studiert und unterrichtete später Zeichnen an der Universität von Lemberg. Im Frühjahr 1943 zeigte ihn ein so genannter Volksdeutscher bei der Gestapo an: Er sei homosexuell und Jude. Er wurde nach Auschwitz deportiert und konnte dort im Lagerkrankenbau gelegentlich heimlich zeichnen. Bis die SS das Lager im Herbst 44 auflöste und die Überlebenden auf den Todesmarsch schickte. Marian Ruzamski ging nicht ohne seine Zeichnungen, erzählt Ausstellungskurator Jürgen Kaumkötter:

" Er hat sie mitgenommen nach Bergen-Belsen, unter seiner Häftlingskleidung. Merkte in Bergen-Belsen, dass er es nicht überleben wird, hat dann die Arbeiten einem befreundeten Arzt, den er auch aus dem Häftlingskrankenbau kannte, übergeben. Diese Arbeiten sind nach Paris gekommen, nach dem Krieg wieder nach Polen zurück und dann Ende der 50er Jahre dem Staatlichen Museum gegeben worden. Und seitdem liegen sie dort, sie sind also im Prinzip nie gezeigt worden, sie haben den Raum nicht verlassen und das Paradoxe an der Geschichte ist, das Depot der Kunstsammlung ist der ehemalige Häftlingskrankenbau. Der Kreis schließt sich dort wieder. Und es ist trotzdem erstaunlich, wie gut erhalten diese filigranen, sehr leichten Papierarbeiten sind. "

Überraschend ist auch, dass die meisten Bilder keineswegs nur den schrecklichen Lageralltag dokumentieren. Viele halten Erinnerungen an bessere Zeiten fest. Sie sprechen von der Sehnsucht nach Leben. Vom Wunsch nach Geborgenheit und dem Bedürfnis nach Schönheit. Besonders eindrucksvoll zeigen das die Frauenporträts:

Wincenty Gawron zeichnete mit Buntstiften eine hübsche, junge Frau in einem leuchtend blauen, rotgeblümten Kleid. Und Jan Markiel malte die schöne Tochter des Bäckers als moderne Madonna.

Aber selbstverständlich zeigt die Ausstellung nicht nur Idyllen: Das Bild "Mann an der Mauer" von Czeslaw Kaczmarczyk ist eine düstere Nachtszene. Bedrohlich ragen die schwarzen, verwinkelten Mauern in die dunkle Nacht. Nur ein Fenster ist erleuchtet. Doch dieses Licht strahlt keine Wärme aus, sondern beängstigende Kälte. Der Mann, der in leicht gebückter Haltung vorsichtig an der Wand entlang schleicht, müht sich, keinen Lärm zu machen. Er möchte schweben und kann es nicht. Wenn es möglich ist, Angst zu malen, dann ist dieses Bild gemalte Angst.

Und Mieczysław Kościelniak, einer der produktivsten Künstler in Auschwitz, zeichnete mit Tusche kleine Szenen für den Lagerwiderstand, erläutert Kurator Jürgen Kaumkötter:

" Es sind Darstellungen der grausamen Lagerrealität aber es sind auch Zeichnungen im Stile von Kubin. Der Mensch wird nicht erniedrigt in diesen Bildern, auch wenn er am Boden liegt und gequält wird, verliert er nicht seine Würde. Und das ist etwas ganz besonderes in diesen Zeichnungen von Koscielniak, er widersetzt sich der SS sowohl dass er sie anfertigt, als auch wie er sie anfertigt. Er schafft es, indem er die Person mit seinem Strich nicht entblößt. Er könnte jetzt auch das verzerrte Gesicht zeichnen und einen triumphierenden SS-Mann, aber nein, der SS-Mann geht mit seinem Stock in den Hintergrund, der Mann liegt dort, er ist geschlagen, er ist gepeinigt, aber nicht seiner Würde beraubt. "

Das Centrum Judaicum präsentiert diese Arbeiten, die erstmals als Kunstwerke ausgestellt werden, in einer gelungenen Architektur. Die Wände sind grau gestrichen, sparsam beleuchtet und beschriftet, und so verwinkelt, dass sie an ein Labyrinth erinnern.

"Wir versuchen hier mit sechs kleinen Boxen eine Enge zu schaffen, die Bilder müssen sehr dicht betrachtet werden, man kann sie nicht in einem weißen, großen, schön gestalteten Museumsraum betrachten, dieser Raum ist auch gestaltet, aber er provoziert den Besucher, sehr dicht heranzugehen."

Service:
Kunst in Auschwitz 1940-1945
25.05.2005 - 14.08.2005
Öffnungszeiten im Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum
Oranienburger Straße 28 / 30, 10117 Berlin
Sonntag und Montag 10 bis 20 Uhr
Dienstag bis Donnerstag 10 bis 18 Uhr
Freitag 10 bis 17 Uhr
Sonnabend geschlossen
Eintritt 3,00 Euro / ermäßigt 2,50 Euro

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Externe Links:

Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum

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