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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.05.2009

Kunst im Zeichen der Frau

Centre Pompidou widmet sich in einer neuen Sammlung weiblicher Kunstgeschichte

Von Kathrin Hondl

Das Centre Pompidou in Paris (AP Archiv)
Das Centre Pompidou in Paris (AP Archiv)

Das Centre Pompidou in Paris besitzt die größte Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst in Europa. Die neue Präsentation der Sammlung unter dem Titel "elles@centrepompidou" steht ganz im Zeichen der Frau. Sie zeigt etwa 500 Werke von Künstlerinnen - darunter von Suzanne Valadon, Sonia Delaunay und Frida Kahlo.

Josephine Beuys, Annie Warhol, Jacqueline Pollock, Francine Picabia ... Auf großen kreisrunden farbigen Scheiben - wie überdimensionale Pins für den Mantel- oder Jackenkragen - hat die französische Künstlerin Agnès Thurnauer die Namen berühmter Künstler einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Ein emblematischer Auftakt von "elles@centrepompidou", sagt Kuratorin Camille Morineau:

"Sie stellt hier die Gender-Frage, die Frage, welche Rolle das Geschlecht bei der Anerkennung von Künstlern spielt. Genau das tun wir auch. Wir verändern die Mehrheitsverhältnisse. Und damit werfen wir einen kritischen Blick auf die Art, wie Kunstgeschichte gemacht wird, eine Geschichte, die wir selbst schreiben. Ich glaube, ein Museum der Gegenwartskunst muss diese kritische Haltung haben."

"Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen?" Die Frage steht auf einem Plakat der New Yorker Künstlerinnengruppe Guerilla Girls. Und weiter: "Weniger als 3 Prozent der Künstler im Metropolitan Museum sind Frauen, aber 83 Prozent der Aktmodelle sind weiblich." Zahlen, die alles sagen: Die Kunstgeschichte ist eine Männergeschichte - mit männlichen Meistern und ein paar Musen, von Meisterinnen jahrhundertelang keine Spur.

"Man fragt mich jetzt oft: Wenn Sie "elles" machen, warum dann nicht auch eine "ils"-Ausstellung für die Männer? Da kann ich nur sagen: "ils" haben wir seit Jahrhunderten im Louvre. Da gibt es nur männliche Künstler und keinen kümmert das, niemand bemerkt es. Wir betrachten hier die Kunstwelt einmal anders."

Camille Morineau hat die Werke der Männer ins Magazin gebracht und gibt nun mit 500 Arbeiten von über 200 Künstlerinnen einen Überblick über die Kunstproduktion der letzten 100 Jahre. Malerei des frühen 20. Jahrhunderts von Suzanne Valadon, Sonia Delaunay und Frida Kahlo, Möbeldesign von Eileen Gray und Charlotte Perriand, Installationen von Annette Messager, Aktionskunst von Valie Export oder Orlan, die 1977 auf der Pariser Kunstmesse die Rolle der Frau im Kunstbetrieb zum Thema einer Performance machte: "Un Baiser de l'artiste à 5 francs" - ein Kuss der Künstlerin für 5 Francs ...

Orlans Inszenierung der Künstlerin als eine Art Prostituierte kann als feministische Kunst kategorisiert werden. Doch "elles@centrepompidou" soll keine feministische Ausstellung sein.

"Sie ist nicht feministisch, weil es um ein wirkliches Thema des 20. Jahrhunderts geht: Die Präsenz der Frauen in der Kunst. Wir sind ein Museum des 20. Jahrhunderts, also ist es nur normal, dass wir dieses Thema behandeln. Uns geht es nicht um Provokation oder um den Feminismus. Wir wollen einfach zeigen, dass es inzwischen genug Künstlerinnen gibt, die allein die Geschichte der Gegenwartskunst transportieren können."

Am Anfang des 20. Jahrhunderts funktioniert das allerdings noch nicht - es gab in den Avantgarden der modernen Kunst noch nicht so viele Künstlerinnen, als dass man auf Picasso, Matisse und Co. verzichten könnte. Und die, die es gab, wurden meist nicht als Künstlerinnen wahrgenommen, etwa die Fotografin Dora Maar.

"Sie ist ein interessantes Beispiel für eine Frau, die lange Zeit nur als die Muse der Surrealisten wahrgenommen wurde und als eine Frau, die von Picasso und anderen gemalt wurde. Erst vor Kurzem entdeckte man, dass sie auch eine Künstlerin war. Es hängt also davon ab, wie diese Personen gesehen werden. Und dieser Blick ändert sich gerade. Von den Frauen hat man immer nur ihr Abbild gesehen. Aber es hat lange gedauert, bis man sie auch als Akteurinnen wahrnahm, als Autorinnen und Künstlerinnen, als Subjekte."

"elles@centrepompidou" ist keine Schau sogenannter "Frauenkunst", sondern einfach der Kunst unserer Zeit. Denn für die Zeit ab den 1950er- und 60er-Jahren entwirft die thematisch geordnete Ausstellung ein ziemlich vollständiges Panorama der Methoden, Stile und Positionen der Gegenwartskunst - mit abstrakten Gemälden von Joan Mitchell, Filminstallationen von Eija Lisa Ahtila oder Zeichnungen von Hanne Darboven. In dieser "anders erzählten Kunstgeschichte" fällt aber auch auf, dass sich gerade die Frauen schon sehr früh mit neuen Medien beschäftigt haben. Während die Malerei eine Männerdomäne blieb, gab es schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts auffallend viele Fotografinnen. Später - und bis heute - interessieren sich die Künstlerinnen besonders für die Medien Video und Installation. Die Künstlerinnen in der Sammlung des Centre Pompidou wohlgemerkt. Denn, davon ist Camille Morineau überzeugt,

"wenn die Londoner Tate oder das New Yorker MOMA ebenfalls eine reine Frauen-Ausstellung machten, sähe das Ergebnis sicher anders aus."

Und so ist zu hoffen, dass die Pariser Weltpremiere Vorbild sein wird für andere große Häuser, die etablierte Kunstgeschichte und die Kunstsammlungen gender-kritisch zu überprüfen. In der Sammlung des Centre Pompidou, der größten Europas, machen die Arbeiten von Künstlerinnen rund 17 Prozent aus - das entspricht in etwa dem Frauenanteil im französischen Parlament.

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