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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.04.2013

Kunst im Bunker

Die Kunst-Biennale in Bosnien-Herzegowina

Von Sabine Küper-Büsch

Josip Broz Tito ließ sich einen riesigen Atombunker bauen. Der wird jetzt als große unterirdische Gallerie genutzt.  (AP)
Josip Broz Tito ließ sich einen riesigen Atombunker bauen. Der wird jetzt als große unterirdische Gallerie genutzt. (AP)

Ein riesiger Atombunker in den Bergen von Bosnien-Herzegowina: Was einst als Rückzugsort für Staatschef Tito gedacht war, dient jetzt als außergewöhnlicher Ausstellungsort. Dort findet die zweite Bosnien-Biennale statt. Die Werke zeigen vor allem die Wunden, die der Krieg hinterließ.

Von außen sind nur weiß gekachelte Dorfhausfassaden zu sehen. Sie dienen als Tarnung eines verrückten Monuments aus den Tagen des Kalten Krieges. Hinter der Eingangstür liegt ein langer, dunkler Tunnel. Er führt in einen Atombunker, der zwischen 1953 und 1979 in den Bergen von Bosnien-Herzegowina gebaut wurde. 6500 Quadratmeter Hohlraum hauten Arbeiter heimlich in die Felsen bei Konjic, einer Kleinstadt 45 Kilometer westlich von Sarajevo. Der Bunker sollte Präsident Tito und den Generalstab im Falle eines Atomkrieges schützen. Und war streng geheim.

Der Bunker wurde freilich nie genutzt. Eine viereinhalb Milliarden teure, nutzlose Ruine wollten die Bosnier nach der Unabhängigkeit nicht einfach so vergammeln lassen. Edin Numankadiç, bildender Künstler und Leiter des olympischen Museums in Sarajevo, entwickelte mit Freunden die Idee, den Bunker als Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst zu nutzen.

Edin Numankadiç, Leiter des olympischen Museums in Sarajevo: "Es handelt sich um ein wichtiges Monument unserer Geschichte. Bei Sarajevo denken die Leute an das Attentat, das den ersten Weltkrieg auslöste, und dann das belagerte Sarajevo. Wir möchten aber positive Zeichen setzen. Und deshalb müssen wir diese Relikte unserer Vergangenheit nutzen."

Gute künstlerische Positionen in einem Bunker zu platzieren, ist eine große Herausforderung. Denn das Gebäude an sich ist bereits eine monströse Skulptur vergangener Zeiten. Veraltete Kommunikationstechnik, riesige Generatoren, Ventilatoren und andere lebenserhaltenden Gerätschaften bilden imposante Installationen in den langen Gängen und endlosen Funktionsräumen. Am besten gelingen daher mit der Umgebung korrespondierende dualistische Inhalte in der Ausstellung.

Milija Pavicevic aus Montenegro präsentiert in einem schlauchförmigen dunkelroten Raum eine illuminierte Skulptur auf einem Sockel. Von weitem wirkt das Objekt imposant und sakral. Es hat eine ovale Form und schimmert golden. Aus der Nähe betrachtet entpuppt sich der Gegenstand als Bettpfanne, wie sie in Krankenhäusern und Pflegeheimen für bettlägerige Patienten benutzt wird. Eine feinsinnige Arbeit in einer durch den Krieg gezeichneten Gegend, in der es sehr viel mehr Invaliden gibt als anderswo.

Edin Numankadiç ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler Bosnien Herzegowinas. Im Bunker stellt er Erinnerungsinstallationen aus. Er hat Boxen gebaut, die wie bunte Laptops aussehen. Sie sind mit Gegenständen bestückt, die für Numankadiç während des Bosnienkrieges überlebenswichtig waren. Bunte Ölkreide, die Glasmurmeln seiner Tochter, eine Märchenbuch-Illustration.

Edin Numankadiç: "Die Kunst war unser Widerstand gegen die Brutalität des Krieges. Das war sehr wichtig für uns und passierte immer ganz spontan. Wir haben Ausstellungen für Freunde, Nachbarn und unsere Familien gemacht. Da gab es keine Propaganda, keine Manipulation. Wir machten eine Eröffnung in den Pausen zwischen den Bombardierungen."

Der Bosnienkrieg endete zwar offiziell 1994, doch auf den Friedhöfen in Sarajevo liegen viele, die noch in Kampfhandlungen bis 1998 umkamen. 100.000 Menschen starben an den Folgen der Auseinandersetzungen zwischen Serben, Kroaten und Muslimen in der Region. In Sarajevos Altstadt stehen Kirchen, Moscheen und Synagogen. Für Amila Ramovic, Geschäftsführerin der Kunststiftung Arsaevi, sind Kunst und Kultur in den vergangenen 20 Jahren das zentrale, verbindende Element der progressiven Kräfte in Bosnien Herzegovina gewesen.

Amila Ramoviç: "Kunst und eine bestimmte Art von Humor waren immer wichtige Elemente, um in Sarajevo überleben zu können. Uns prägt bis heute die Neigung zur Poesie und die Fähignkeit, über uns selbst lachen zu können."

Amila Ramoviç liebt die Arbeiten von Nebojša Šeric Shoba, ein 1968 in Sarajevo geborener Künstler, der mit Anfang 20 an der Front kämpfen musste. In der imposanten Sammlung der Stiftung Arsaevi, der Künstler wie Marina Abramoviç, Tony Cragg und Juan Munoz Arbeiten gestiftet haben, hängt eine Fotoarbeit des mittlerweile in New York lebenden Shoba. Sie trägt den Titel "Sarajevo-Monte Carlo" und zeigt den Künstler zweimal in einer stehenden Pose. In Monte Carlo wirkt er wie James Dean vor einem Küstenpanorama, in Sarajevo steht er im Schützengraben. Die Gegenüberstellung beider Bilder lässt ein Gefühl von Ironie und Melancholie entstehen. Denn wer von den jungen Bosniern aus Nebojša Šeric Shobas Generation hatte sich das Soldaten-Dasein schon ausgesucht.

In Bosnien aus Titos ehemaligem Bunker einen Ort für intervenierende, provokative Kunst zu schaffen, ist eine großartige Idee von lokalen Künstlern mit globalen Visionen.

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