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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.03.2014

Kunst"Das Hotel als großer sozialer Mechanismus"

Kurator über die Ausstellung "Room Service" in Baden-Baden

Johan Holten im Gespräch mit Katrin Heise

In Brenners Park-Hotel hängen die Werke "Untitled #475" (r) und "Untitled #464" (l) von Cindy Sherman als Teil der Ausstellung "Room Service", die von der Kunsthalle Baden-Baden präsentiert wird. (picture-alliance / dpa / Uli Deck)
In Brenners Park-Hotel hängen Werke von Cindy Sherman als Teil der Ausstellung "Room Service". (picture-alliance / dpa / Uli Deck)

Menschen treffen sich auf Zeit, um sich dann wieder zu trennen. Darin liege eine der Faszinationen der Hotels für die Kunst, sagt Johan Holten. Die von ihm in Baden-Baden kuratierte Schau "Room Service" bezieht die ganze Kurstadt mit ein.

Katrin Heise: Die Kurstadt Baden-Baden, die wäre doch nicht, was sie ist ohne ihre Gäste, also letztlich ohne die Hotels der Stadt wäre Baden-Baden nicht so, wie wir es kennen. Hotels können Sehnsüchte erfüllen, sind und waren aber auch immer Schauplatz intimster wie auch staatstragender Ereignisse. Dem will eine Ausstellung aus künstlerischer Sicht nachspüren, denn Künstler setzen sich nicht nur motivisch mit dem Hotel auseinander,  sondern sie machen und machten sich auch dessen Räume zu eigen, gestalten, bewohnen sie. Was die Ausstellung "Room Service" zu bieten hat, .

Zu hören dies also im "Europäischen Hof" in Baden-Baden während der Ausstellung "Room Service. Vom Hotel in der Kunst und Künstlern im Hotel". Die ganze Kurstadt ist einbezogen, bis Mitte Juni. Und verantwortet wird dieses wunderbare Ereignis von Johann Holten, Direktor der Kunsthalle und Kurator der Ausstellung. Ich grüße Sie, Herr Holten!

Johan Holten: Grüße Sie auch!

Heise: Baden-Baden ist ja in ganz besonderer Weise von Hotels geprägt. Von Hotels und der Reisekultur, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. War das eigentlich auch der Anfang einer neuen Wahrnehmung des Hotels? Dass es also mehr war, was anderes war als eine temporäre Unterkunft?

Holten: In der Tat ist es so, dass ungefähr um 1800 – auf ein genaues Jahr kriegen Sie mich nicht festgelegt, aber um 1800 –, das, was früher die Herberge war – selbst Josef und Maria haben ja in einer Herberge sozusagen wohnen wollen, zum Hotel wurde. Das Grand Hotel wurde selbst zu einem Ort, zu dem man hinreist, in dem soziales Leben sich abspielte. Und da war Baden-Baden ganz früh mit dabei. 1805, Badischer Hof, war eines dieser großen, ersten Grand-Hotels von Europa.

Heise: Die Träume des Großbürgers, davon haben wir ja eben im Ausstellungsbericht kurz gehört – was hat die Künstler zu Beginn dieser neuen Wahrnehmung der Hotels, der Unterkünfte, eigentlich interessiert und fasziniert am Hotel?

"Sehnsüchte und Projektionsflächen"

Holten: Einerseits gehörte das Hotel ja dann plötzlich zu einer Infrastruktur der Reise, und weil Künstler immer gerne reisten, war es auch sehr natürlich, dass die eben diese Hotels aufsuchten und dort wohnten. Das war aber der technische Aspekt, dass man also da von Ort zu Ort reisen konnte und immer ein Heim auf Zeit hatte. Dann gibt es natürlich aber auch die Sehnsüchte und die Projektionsflächen, die in diesem neuen sozialen Typus des Wohnens aufkommen. Was passiert eigentlich im Zimmer nebenan? Wer ist die Dame, die gerade den Flur runtergelaufen ist, und wer war am Frühstückstisch mit dem gestern auch sozusagen zu sehen? Es gibt also einerseits den technischen Aspekt des Hotels, das zum Reisen gehört, und gleichzeitig auch das Hotel als großen sozialen Mechanismus, in dem unterschiedliche Menschen aufeinander treffen, auf Zeit eben, und dann sich auch wieder trennen. Das, glaube ich, hat immer Künstler fasziniert.

Heise: Zum technischen Aspekt gehört wahrscheinlich auch die ja doch auch ungewöhnliche Architektur, die damals sich dann da erstmals zeigte. Aber bleiben wir mal bei diesem eher symbolischen und, wie Sie sagen, bei der sozialen Gesellschaft, die sich da eben so ein bisschen im halböffentlichen Raum des Hotels zeigte. Es hat ja auch den Aspekt der Anonymität und der Öffentlichkeit, diesem Hin und Her eigentlich. Wie verhalten sich die Künstler da?

Holten: Die Künstler sind eigentlich am Anfang gar nicht so sehr interessiert wie zum Beispiel die Literaten stark im 19. Jahrhundert an dem Erzählen sozusagen der Gäste-Geschichten, sondern die Künstler nehmen eher so etwas wahr wie die architektonischen Ausblicke und Einblicke und den veränderten Blick auf Stadt, zu dem es zum Beispiel kommt, wenn man plötzlich von seinem Zimmer aus auf den Platz davor von oben schauen kann.

Heise: So wie William Turner beispielsweise?

Holten: Genau. Das zeigt sozusagen den Blick sowohl von dem Zimmer innen und dann rüber, schräg, zum Markusplatz in Venedig, wo er wohnte, in dem Hotel "Europa", wie das eben heißt, am Canale Grande. Und der war eigentlich an dem Licht, das da reinfiel und der Art und Weise, wie er von da auch die Stadt sehen konnte, viel interessierter. Turner war ja gar nicht so der soziale Entrepreneur, der sich da für seine Mitmenschen interessierte, sondern für die sozusagen verflossenen Farben, das Licht, und wie das da herein dämmerte. Und das war deswegen auch, was ihn im Hotel faszinierte.

Heise: Für das Soziale interessierte sich später Max Beckmann sehr viel mehr.

Holten: Das ist richtig. Das ist dann so um 1920, stellen wir fest, dass das, was lange eigentlich ausgespart war, die Menschen im Hotel, und auch nicht nur die Gäste oder das Selbstporträt, wie Beckmann das gerne machte, sondern auch die Prostituierte um das Bahnhofshotel herum, wie George Grosz. Oder dann mit August Sander, die Porträtfotografie plötzlich die Kellnerinnen und die Putzfrau und den Hotelmanager, alles das, was eigentlich die Maschinerie, die hinter den Kulissen dazu führt, dass ein Grand-Hotel überhaupt ein Grand Hotel wird – weil wir wissen ja alle, wenn wir in einem Grand Hotel, das einmal ein Grand Hotel war, aber nur die Architektur ist übrig und der menschliche Inhalt ist weg – ja, dann ist es eben nicht das Gefühl mehr, das wir da erwarten. Das zeigt sich dann erst ab den 20er-Jahren, wie Künstler ihren Blick auf das Hotel, mit dem gesellschaftlich gewandelten Hotel auch dann ändern.

Heise: "Room Service. Vom Hotel in der Kunst und Künstlern im Hotel", das Thema einer ganz Baden-Baden einbeziehenden Ausstellung. Und hier im Radiofeuilleton mit dem Kunsthallendirektor Johann Holten. Herr Holten, wie sieht denn die künstlerische Auseinandersetzung mit dieser Hotelwelt heute aus. Ich würde doch denken, eher kritisch wahrscheinlich – ich denke da an diese anonymen, riesigen Gebäude, die auf den Fotos von Andreas Gursky beispielsweise zu sehen sind?

Holten: Ja, das hat sich sehr verstärkt oder verbreitet, komischerweise mit einigen der gleichen Akzente wie vor fast 200 Jahren. Fox Talbot fotografierte ja auch sein Hotel, und Gursky hält jetzt auch seine Kamera an die Lobbys von – sozusagen megalomanen Hotellobbys. Jetzt sind es aber nicht nur mehr die in Paris, sondern plötzlich in Schanghai oder Taipeh, wo diese Lobbys entstehen, die er fotografiert und digital zusammenstückelt. Dann gibt es aber auch natürlich sehr viel mehr sozusagen konzeptionelle Weiterentwicklungen von den gleichen Themen. Und so haben wir zum Beispiel einen Künstler in der Ausstellung, Christian Jankowski, den Aktionskünstler aus Berlin, der ein Zimmer im "Brenners" so umgebaut hat, dass der Gast selbst wählen kann, welches Mobiliar er da haben will. Wir arme Kunsthallenmitarbeiter müssen das immer jeden Abend umbauen, um das dann bereit zu haben am nächsten Tag für den nächsten Gast und seine besonderen Wünsche in dem kleinen Entscheidungsraum, in dem der Gast dann eben nicht nur das Interieur, sondern auch aufgefordert werden soll, selbst über sein Leben nachzudenken und da drinnen Entscheidungen zu treffen.

Heise: Das ist jetzt in Ihrer Ausstellung. Wie sieht das denn tatsächlich aus mit dem kreativen Austausch zwischen Künstlern und dem Hotel in der Wirklichkeit, also – so was, wie Sie da nachspielen, gibt es das tatsächlich?

"Künstler sind heute auch extrem mobile Wesen"

Holten: Na ja, es gibt ja schon eine ganze Reihe Künstler, die auch in Hotels heute leben und arbeiten. Künstler sind ja heute auch extrem mobile Wesen. Heute rücken die nicht immer mit der Staffelei an, sondern mit dem Laptop, und da ist das WLAN wichtiger als unbedingt nur das Licht, was durch das Fenster fällt. Aber es gibt auch viele Beziehungen anderer Art und Weise, wo Hotels Residences einrichten. Künstler sehen das manchmal ein bisschen auch kritisch und glauben vielleicht, dass die Hotels ja nur von ihnen profitieren wollen als sozusagen die künstlerische Aufwertung des Hotels. Und gleichzeitig lassen sie sich auch drauf ein, weil sie ja gerne so einen Monat Aufenthalt halt auch annehmen wollen, um zu schauen, was dabei herauskommt.

Dann gibt es auch die neue, sozusagen fast die grassierende Gattung der Art-Hotels, wo Hotels mit Kunst ausgestattet werden, das aber nicht vordergründig vielleicht als Kunst geschaffen worden ist, sondern doch eher als unikate Einrichtungsgegenstände aufgestellt werden, um das Hotel einen angeblich "uniquen" Mehrwert zu geben. Das hat dann aber gar nicht richtig so sehr mit Kunst zu tun. Weil wenn Kunst gut ist, dann ist Kunst ja nicht nur schön, sondern Kunst etwas, was uns dazu bringt, anders über die Welt und damit auch anders über das Hotel vielleicht nachzudenken. Wenn es reduziert wird auf das reine Ausstattungsmerkmal des Schönen und Bunten, ja, dann tendiert der Kunstwert da sozusagen gegen Null und der Marketingwert geht gleichzeitig sozusagen etwas höher.

Heise: Die verschiedenen Aspekte des Hotels. Johann Holten war das, er ist der Direktor der Kunsthalle Baden-Baden und Kurator der Ausstellung "Room Service. Vom Hotel in der Kunst und Künstlern im Hotel". Man sollte sich Zeit dafür nehmen, es gibt viel zu bestaunen, wie wir gehört haben, in Baden-Baden, bis zum 22. Juni.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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