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Fazit | Beitrag vom 10.02.2016

Kunst auf der BerlinaleGedankengebäude erschüttern

Von Simone Reber

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Die Fassade der Akademie der Künste (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Spielstätte der "Forum-Expanded"-Reihe: die Akademie der Künste (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Bei der Berlinale-Reihe "Forum Expanded" sollen die Grenzen zwischen Kunst und Kino verschwimmen. Unter dem diesjährigen Motto "Traversing the Phantasm" werden Erwartungen unterlaufen und Propaganda hinterfragt.

Mädchen sprechen über ihre Kleider und die Leute in der Straße – Girl Talk. Aber in dem kurzen Film des kalifornischen Künstlers Wu Tsang bewegt sich der afroamerikanische Schriftsteller Fred Moten wie eine Kalenderschönheit im Gegenlicht. Moten, ein Schrank von einem Mann, schwenkt einen roten Seidenmantel, sein Gesicht ist gerahmt von Glasprismen.

"Traversing the Phantasm" – mit diesem Motto will das Forum Expanded auf der Berlinale Erwartungen unterlaufen, Propaganda hinterfragen und Gedankengebäude erschüttern. Die filmischen Installationen in der Akademie der Künste haben eines gemeinsam, sagt der Kurator Anselm Franke, sie versuchen die Gespenster der Vergangenheit zu vertreiben.

"Ich glaube, für uns war wichtig, dass wir die Arbeiten, die wir dieses Jahr als Premieren zeigen können, in einem Kontext zusammenbringen, wo eine gemeinsame Stimmung, eine gemeinsame Lageanalyse angedeutet wird. Nämlich dass man das Gefühl hat, man kommt aus diesen Kollektivphantasmen, aus diesen Phantasmen der erdrückenden Geschichte, der rückkehrenden Militarismen, der Projektionen auf Andere und gleichzeitig, dass wir ihnen nicht entrinnen können."

Die Besetzung von Begriffen und Gedanken

Immer wieder geht es um die Landfrage in dieser Ausstellung über die Besetzung von Begriffen und Gedanken. Wie ein Ethnograf beobachtet Raphael Grisey in seiner ruhigen Installation auf drei Leinwänden das Leben einer brasilianischen Quilombo-Gemeinde.

"Die Quilombo sind ehemaligen Sklavengemeinschaften, die sich auf verschiedene Weise befreit haben von der Sklaverei. Und das heißt entweder mit Waffen oder es gibt verschiedene Befreiungsformen auch. Und das ist immer noch zu spüren dort, und das ist ein Segment der Bevölkerung in Brasilien, das wenig anerkannt ist."

Noch heute leben die Quilombola auf dem Land, auf das ihre Vorfahren geflohen sind. Jetzt sollen sie den Goldschürfern weichen.

Eine Aktivistin erklärt den Dorfbewohnern, dass sie ihre Wurzeln, ihre mündlich überlieferte Geschichte verlieren würden, wenn sie ihr Land gegen Geld tauschen.

"Die afrobrasilianische Kultur in Brasilien ist riesig. Das ist das Fundament von Brasilien selbst, oder eines zumindest. Aber bei den Quilombolas geht es auch um die Befreiungsmetaphysik. (...) Um Familiengeschichte, die wird immer erzählt von Generation zu Generation und dieses Link zur Sklaverei und die Befreiung der Sklaverei."

Beweise einer gespenstischen Vergangenheit werden demontiert

In dem Film von Andreas Bunte werden die Beweise einer gespenstischen Vergangenheit demontiert. In einer Fabrik in Mecklenburg-Vorpommern dokumentiert der Künstler mit der Kamera, wie Streubomben unschädlich gemacht werden. Die Behälter, die bis zu 80 Kleinstbomben fassen, müssen Stück für Stück zerlegt werden.

"Die Schwierigkeit des Prozesses liegt darin, diesen Rückbau so zu machen, dass dieses explosive Potential der Bombe nicht zum Einsatz kommt. Aber es gibt mehrere Stellen in diesem Rückbau, die in speziellen Räumen nur noch von Robotern ausgeführt werden, weil es einfach immer die Gefahr gibt, daß da etwas explodiert."

Eine norwegische Munitionsfirma hat sich auf die Entsorgung der Bomben spezialisiert. Denn der Ablauf der Entschärfung entspricht spiegelbildlich der Produktion der Bomben und sieht aus wie ganz normale Fließbandarbeit.

"Was mich interessiert hat, dass man an Hand dieser Bilder sowohl Informationen bekommt, die auf Produktion schließen lassen, die Maschinen die Roboter, die automatisierten Abläufe. Und die andere Seite ist, dass immer mehr Teile entstehen. Es wird nichts zusammengebaut, sondern genau das Gegenteil."

Man muss sich Zeit nehmen

Gespenster lassen sich schneller in die Welt setzen als wieder vertreiben. Natascha Sadr Haghighian hat den Leopard-Panzer in Legoplatten zerlegt und lässt ihn als Klanginstallation unsichtbar werden. Längst ist die Grenzziehung zwischen Kunst und Kino nur noch ein Problem der Institutionen, sagt Stefanie Schulte Strathaus, die Leiterin des Forum Expanded:

"Für viele ist das inzwischen gar keine Diskussion mehr, ob sie von der Kunst kommen, ob sie vom Film kommen. Sie arbeiten mit Bewegtbildern. Und ich denke, es ist unsere Aufgabe, denen die Plattformen so zu gestalten, dass wir mitgehen, ihnen folgen, wie wir es mit Forum Expanded versuchen."

"Traversing the Phantasm" macht es den Besuchern nicht leicht. Man muss sich Zeit nehmen, um die Konflikte zu begreifen. Japanische Friedensbewegung, taiwanesische Nationalisten, eine Erlebniswelt der Hisbollah – manche Gebiete, um die erbittert gestritten wird, sind im Rest der Welt gänzlich unbekannt.

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