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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.05.2013

Kulturschock beim Musikmachen

Ein deutsch-brasilianisches Jugendorchester übt die Völkerverständigung

Von Julia Kaiser

Zusammenwachsen durch Musik: eine Idee des Projekts Deutschlandjahr (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Zusammenwachsen durch Musik: eine Idee des Projekts Deutschlandjahr (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Das Deutschlandjahr in Brasilien soll dazu dienen, dass beide Länder sich besser kennenlernen. Ein Projekt in der Veranstaltungsreihe ist ein deutsch-brasilianisches Jugendorchester. Bundespräsident Joachim Gauck war beim Eröffnungskonzert dabei und zeigte sich ungewohnt stürmisch.

Der Dirigent Lothar Zagrosek ist bestimmt noch nie nach einem Konzert stürmisch von einem Bundespräsidenten umarmt und auf die Wange geküsst worden. Genau das tat Joachim Gauck nach dem Eröffnungskonzert zum Deutschlandjahr auf der Bühne des Teatro Municipal in Sao Paulo – und eroberte sich damit nicht nur das Herz des Maestros, sondern auch die aller anwesenden deutschen und brasilianischen Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Gauck schüttelte begeistert die Hand der Konzertmeisterin des deutsch-brasilianischen Jugendorchesters und winkte die brasilianische Paukistin von ganz hinten aus dem Orchester nach vorne zum Bühnenrand.

Beim Deutschlandjahr gehe es wie in einer guten Partnerschaft darum, dass zwei Länder einander kennen und respektieren lernten, unterstrich der Bundespräsident in seiner Eröffnungsrede.

"Neugier und Offenheit für die Stärken und Erfahrungen des jeweils anderen – das sind für mich ganz wesentliche Impulse des Deutschlandjahres. Unser Land ist in den letzten zwei Jahrzehnten offener geworden. Internationaler ist es geworden und auch gelassener. Die Deutschen haben begonnen, sich selber wieder zu mögen, und das ist eine gute Voraussetzung, auch anderen mit Wärme und Neugier zu begegnen."

Den Auftakt eines Begegnungsjahres zwischen zwei Ländern könne man nicht schöner begehen als mit einem Konzert, findet Joachim Gauck. Noch dazu, wenn das Orchester selbst ein Zusammenwachsen versinnbildlicht wie das Young Euro Classic Orchester Brasilien – Deutschland. Die Idee dazu kommt von dem Sommer-Musikfestival Young Euro Classic für Jugendorchester, die mittlerweile nicht mehr nur aus Europa, sondern aus der ganzen Welt nach Berlin kommen.

Seit einigen Jahren führt die Festivalleitung im Vorfeld junge Musiker aus Deutschland mit jungen Musikern aus einem Gastland zu Orchestern zusammen. So unterschiedlich diese Länder seien - die Projektidee von einem multinationalen Jugendorchester sei am Ende immer bereichernd, erklärt die Leiterin von Young Euro Classic, Gabriele Minz:

"Wir stellen jedes mal fest, dass beide Nationen sich ganz unterschiedlich vorbereiten, ganz unterschiedlich herangehen an die Musik, und dass die erste Begegnung immer einem kleinen Kulturschock gleicht. Dass Dirigent wie Musiker den Eindruck haben: Oh, ob wir das wohl schaffen werden? Und dann, in den nächsten Tagen, wenn gemeinsam gearbeitet wird, doch ein sehr guter Weg gefunden wird. Also, die Idee von Young Euro Classic, dass Kulturen, dass Nationen sich begegnen über die Musik ist schon eine sehr passende Eröffnungsmelodie für das Deutschlandjahr."

In China, Japan, Indien und zuletzt Russland ist das gelungen, überall haben die jungen Ensembles dann jeweils das Deutschlandjahr im Ausland eröffnet.

In Sao Paulo sind es Studenten aus dem Orchesterzentrum Nordrhein-Westfalen, die eine Woche lang in Brasilien mit jungen Musikern des Staatlichen Jugendorchesters Sao Paulo gearbeitet haben. Unter der musikalischen Leitung von Lothar Zagrosek ist daraus ein Orchester zusammengewachsen.

Zagrosek: "Es ist hier schon eine große Ernsthaftigkeit am Werk, auch von Seiten der jungen Musiker, aber die Standards sind einfach unterschiedlich. Die ganze Arbeit ist jetzt natürlich, diese Standards zu erarbeiten und eine Einheitlichkeit dabei herzustellen. Das gelingt bei Brahms eigentlich ganz gut, weil Brahms einen unglaublichen Sog hat, als Musik. Das trägt einen auch sehr weit. Bei Mozart ist das viel schwieriger. Denn dort sind die Spielkultur und auch die Spielhaltung so entscheidend. Auch das Wissen über historische Aufführungspraxis und so, das kann man ja heute nicht einfach auf die Seite schieben. Andererseits, dieses brasilianische Stück von Heitor Villa-Lobos, das ist uns ja auch nicht ins Blut geschrieben. Das müssen wir auch erarbeiten, aber dafür haben wir ja auch einige Brasilianer hier."

Die Bachianas Brasileiras von Heitor Villa-Lobos für acht Celli und Sopran haben bei aller Schwierigkeit einen sehr tänzerischen Schwung. Diese körperliche Musikalität bemerken viele der Studenten vom Orchesterzentrum Nordrhein-Westfalen bei ihren brasilianischen Kollegen, so auch der Klarinettist Blake Westin.

"Ich hab die Spielfreude wieder entdeckt, weil unsere Kollegen hier so locker und unbeschwert spielen, so unbefangen. Diese ganze Strukturiertheit und Verkrampftheit, die man einbaut in der deutschen Musikhochschule, das haben die gar nicht, und das können wir alle mitnehmen."

Beide Seiten können viel von einander lernen. In einer kleineren Gruppe geht das deutsch-brasilianische Ensemble anschließend auf eine Tour de Brazil in zwölf Städte. Und im August wird das Staatliche Jugendorchester Sao Paulo zu Gast beim Festival Young Euro Classic in Berlin sein. Zum Auftakt des Deutschlandjahres in Brasilien hat auch das Goetheinstitut soeben eine "KulturTour" durch Brasilien gestartet, ein deutscher Kulturbus reist 15.000 Kilometer auch durch die entferntesten Gegenden des Landes.

Das Kennenlernen der Länder soll übrigens gegenseitig sein, denn Brasilien wird in diesem Jahr auch Gastland bei der Buchmesse in Frankfurt sein. Es sei Zeit, mit Klischees wie Strand und Caipirinha versus Autos und Oktoberfest aufzuräumen, sagt der Projektleiter des Deutschlandjahres in Brasilien, Claudio Struck.

"Ich glaube, es ist höchste Zeit, dass der Blick geschärft wird für die Entwicklung, die das Land genommen hat in den letzten, ich sage mal, grob zehn Jahren. Die Modernisierung Brasiliens, die Internationalisierung, die Kreativität, die weit über Musik hinausgeht, aber auch die Innovation der brasilianischen Wirtschaft und Forschungslandschaft, diese Vielfalt auch darzustellen. Und das Interessante ist, dass bei uns das Gleiche gilt. Also auch in Brasilien wird Deutschland immer noch sehr klischeehaft wahrgenommen. Und das Deutschlandjahr in Brasilien genau wie die Buchmesse in Frankfurt geben Gelegenheit, jeweils dem anderen Land sich zeitgemäß zu präsentieren."

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