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Interview | Beitrag vom 21.01.2017

Kulturkritiker über Trumps Amtseinführung"Rüpelig, gespenstisch, inszeniert"

Georg Seeßlen im Gespräch mit Katrin Heise

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Donald Trump ist 45. US-Präsident (20.1.2017). (AFP / Mandel Ngan )
„Inauguration Day“: Am 20.Januar 2017 hielt Donald Trump seine Amtsantrittsrede. Zuvor wurde er offiziell als 45. amerikanischer Präsident vereidigt. (AFP / Mandel Ngan )

Donald Trump ist ins Weiße Haus eingezogen. Bei den Feierlichkeiten rund um die Amtseinführung rüpelte der Immobilienmilliardär wie bisher, brach mit Traditionen und inszenierte sich weiter männlich-heroisch, beobachtete Kulturkritiker Georg Seeßlen.

Donald Trump ist als neuer US-Präsident ins Weiße Haus eingezogen. Die Amtseinführung eines US-Präsidenten ist traditionell eine große inszenierte Party. Musikalische Superstars hatten dem rechtspopulistischen Immobilienmilliardär bereits im Vorfeld eine Absage für einen Auftritt erteilt, namhafte Künstler und Kulturinstitutionen haben für diesen Tag zu Gegenaktionen aufgerufen.

Der Publizist, Film- und Poptheoretiker Georg Seeßlen analysiert in seinem aktuellen Buch "TRUMP! Populismus als Politik" die Selbstinszenierung des politischen Quereinsteigers und hat die Feierlichkeiten zu Trumps Amtseinführung wie Millionen TV-Zuschauer in der Live-Übertragung mitverfolgt. Seeßlen kritisiert den Auftritt und die Selbstinszenierung Trumps im Rahmen der Amtseinführungsfeierlichkeiten als "rüpelig".

Bruch mit der Tradition

Der Auftritt Trumps setze ein Signal des Bruchs mit der Tradition, sagte Seeßlen im Deutschlandradio Kultur. Der extrem symbolisch aufgeladenen Zeremonie der Amtsübergabe, bei der die USA mit symbolträchtigen Ritualen traditionell den friedlichen Machtwechsel in einer Demokratie inszeniere und feiere, habe sich Trump verweigert: In einer Inszenierung, die der Welt sagen wolle, "wir machen diesen Amtswechsel friedlich und kontinuierlich, genau in diese Inszenierung rüpelt ein Mensch, verweigert sich bis zu einem gewissen Grad auch, und sagt, ich mache diese Inszenierung, diese Symbolik gar nicht mit, sondern ich fange mit meinen ersten Sätzen an, beleidige sozusagen meine Vorgänger, breche mit der Kontinuität und mache auch dann die zivilen, glamourösen Sachen nicht mit, sondern inszeniere mich als ein Typ, der sofort die Ärmel hochkrempelt", analysierte Seeßlenden Trumps Auftritt bei den Amtseinführungsfeierlichkeiten.

"Parodistisches oder Gespenstisches"

Auch in seiner Selbstinszenierung in der Amtsantrittsrede habe Trump weiterhin auf die großen Effekte gesetzt: "Selbst wenn man die Worte gar nicht verstehen würde, würde man den bedrohlichen, den aggressiven Aspekt davon sofort mitkriegen," sagte Seeßlen. Insbesondere die Sprech-Rhythmik habe ihn an das Auftreten Mussolinis erinnert:

"Diese Pausen, in denen sich das heroische Männergesicht dann so nach oben reckt, das Kinn nach vorne streckt. Das ist alles sehr geplant, sehr inszeniert. Das hat dadurch, dass historisch ja eigentlich so überlebt ist, etwas Parodistisches oder Gespenstisches."

Die in seinem Buch "Trump! Populismus als Politik" verwendete Formulierung von Trump als "Abfallprodukt der Popkultur" erläuterte Seeßlen als ambivalent-spöttische Analyse: "Er setzt sein Image zusammen aus verschiedenen Elementen, Vorbildern, Narrativen, Ikonen, die auch so einen gewissen Trash-Appeal haben. Das hat auch etwas damit zu tun, dass in der Popkultur ja permanent die Unterschichten des Verdrängten, des Widersprüchlichen immer wieder zu sich kommt. Abfall aber auch im Sinne von Widerspruch."

Oppositionsimpulse aus der Popkultur

In diesem Sinne sei es kein Zufall, dass sich der erste starke Oppositionsimpuls gerade aus der Popkultur entfaltet habe: "Die sich verweigert haben und die auch die ersten Abwehrstrategien entwickeln," betonte Seeßlen. Besonders sympathisch sei ihm dabei die "Meryl-Streep-Strategie, die sagt: Wir müssen zeigen, wie unmenschlich dieser Typus ist, wie empathielos er ist, wie grausam er sein kann."

Georg Seeßlen (* 1948 in München) ist ein deutscher Autor, Feuilletonist, Cineast sowie Film- und Kulturkritiker. Er ist seit 2013 Mitglied in der Sektion Film- und Medienkunst der Akademie der Künste Berlin. Am 1. Januar 2017 erschien sein Buch: Trump! Populismus als Politik, im Bertz + Fischer-Verlag.

 


Das  Interview im Wortlaut:

Katrin Heise: Ich frage mich: Kann man jemanden, der den Ton der Kampfansage auch als Präsident nicht verlässt, als einen Popstar sehen? Sie wissen schon, Donald Trump ist weiterhin unser Thema in dieser halben Stunde, mit dem Poptheoretiker Georg Seeßlen.

((Musik))

"America first" und "Make America great again", ab jetzt macht der kleine Mann, die kleine Frau Amerikas wieder Politik, Sie werden nicht länger ignoriert! – So hat es Donald Trump, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, seinen Landsleuten gestern in seiner Rede nach dem Schwur zugerufen, versprochen. Und sein Ton, den mancher ja vielleicht versöhnlich erhoffte, nein, dieser Ton war nicht versöhnlich. Der Publizist, Film- und Poptheoretiker Georg Seeßlen hat schon vor Kurzem mal versucht, in seinem Buch "Trump. Populismus als Politik" dem Phänomen Trump auf die Spur zu kommen, und jetzt ist quasi das Phänomen Präsident. Schönen guten Morgen, Herr Seeßlen!

Georg Seeßlen: Guten Morgen!

Heise: Ein Mann, der wie Sie in Bildern denkt, vielleicht auch in Filmsequenzen denkt, wie haben Sie die Inauguration, also diesen Amtsschwur und das ganze Drumherum gesehen? War das eindringlich für Sie? Blieb da oder bleibt da ein Bild hängen?

Seeßlen: Also, da bleibt sehr viel hängen. Es ist ja immer auch so ein audiovisuelles Geschehen, das heißt, die Wirkung besteht aus der Kombination von visuellen und verbalen Effekten. Das beginnt mit der langen roten Krawatte, für die Sigmund Freud wahrscheinlich …

Heise: … auch eine Erklärung hätte, ja.

"Parodistisch ... oder Gespenstisch"

Seeßlen: … einige Worte zu zu sagen hätte, die auch schon einfach der große Effekt ist: Ich bin was anderes, ich bin was Einziges. Es fängt damit dann, dass eine ganz bestimmte Rhythmik in der Sprache, selbst wenn man die Worte gar nicht verstehen würde, würde man den bedrohlichen, den aggressiven Aspekt davon sofort mitkriegen. Wie es der Teufel will, habe ich vor Kurzem eine Filmdokumentation über die Inszenierung von Mussolini gesehen und ich musste sofort daran denken, welche Parallelen es da gibt, diese Pausen, in denen sich da dieses heroische Männergesicht dann so nach oben reckt, das Kinn nach vorne streckt. Und das ist ja alles sehr, sehr geplant, ja, geplant, inszeniert, und hat aber dadurch, dass es historisch eigentlich theoretisch so überlebt ist, auch was sehr Parodistisch… oder Gespenstisches.

Heise: Ja, das ist aber vielleicht das, was wir darin auch irgendwie … wohin wir uns retten, oder? Also in dieses Parodistische zumindest retten. Gespenstisch dann ja wieder … Das macht ja doch dann wieder Angst. Mir ist vor allem aufgefallen, dass das alles so unglamourös war. Was ja allerdings dann ja auch perfekt zum Arbeitsstart gepasst hat, ne? Ende der Feiern von denen da oben, jetzt wird gearbeitet! Also, da sind Bild und Ton total stimmig, oder?

Seeßlen: Absolut. Also, wenn man sich vorstellt, was dieses Ritual der Amtsübergabe eigentlich bedeutet, das hat ja eine hohe politische Symbolik, das bedeutet ja mit all diesem … bis zum letzten Auftritt der verschiedenen hierarchischen Gruppen der Soldaten, dieses feierlichen Verabschiedens des alten Präsidenten, das hat ja alles eine politische Symbolik, die dem Volk oder der Welt sagen will: Wir machen diese Amtsübergabe, diesen Machtwechsel friedlich und kontinuierlich.

Heise: Ja. Fiel diesmal anders aus.

"In dieser Inszenierung rüpelt ein Mensch"

Seeßlen: Und genau in dieser Inszenierung rüpelt ein Mensch, verweigert sich bis zu einem gewissen Grad auch und sagt: Nee, ich mache diese Inszenierung oder diese Symbolik gar nicht mit, sondern ich fange mit meinen ersten Sätzen an, beleidige sozusagen  meine Vorgänger, breche also mit der Kontinuität und mache auch dann diese zivilen, zivilisierten, glamourösen Sachen nicht mit, sondern inszeniere mich als ein Typ, der sofort die Ärmel hochkrempelt und an die Arbeit geht.

Heise: Sie haben Trump ja, weil Sie dem Phänomen einfach auf die Spur kommen wollen, haben Sie ihn in die Popkultur einzuordnen versucht, Präsident als Abfall der Popkultur. Was ist damit eigentlich gemeint? Abfall?

Seeßlen: Abfall ist natürlich ein etwas ambivalentes und spöttisches Wort, also im Sinne von: Er setzt sein Image zusammen aus verschiedenen Elementen, Vorbildern, Narrativen, Ikonen und so weiter, die auch so einen gewissen Trash-Appeal haben. Das heißt, das hat was damit zu tun, dass das in der Popkultur ja permanent so diese … ja wie Unterschicht des Verdrängten, des Widersprüchlichen immer wieder zu sich kommt. Abfall aber auch in gewisser Weise im Sinne von Widerspruch. Es ist ja kein Zufall, dass sich der erste starke Oppositionsimpuls gerade aus der Popkultur entfaltet noch.

Heise: Die sich alle verweigert haben, überhaupt teilzunehmen.

"Zeigen, wie unmenschlich dieser Typus ist, wie empathielos, wie grausam"

Seeßlen: Die sich verweigert haben und die auch die ersten Abwehrstrategien entwickeln. Ich denke, das ist das eine, auf diese, sagen wir mal, Michael-Moore-Strategie zu sagen, wir müssen jetzt diesen Menschen kaputtlachen sozusagen, müssen seine Dünnhäutigkeit ausnutzen und ihn permanent angreifen mit unseren Mitteln, oder aber, was mir sympathischer ist, die Meryl-Streep-Strategie, die sagt, wir müssen zeigen, wie unmenschlich dieser Typus ist, wie empathielos er ist, wie grausam er sein kann.

Heise: Also letztlich Donald Trump nicht nur in die Popkultur einordnen, sondern aus ihr oder von ihr auch ein bisschen lernen im Umgang. Denn bisher sind wir ja alle doch ein bisschen platt, was da an Tönen uns entgegenschlägt. Georg Seeßlen, danke schön für Ihre Einordnung!

Seeßlen: Bitte!

Heise: Das Buch "Trump. Populismus als Politik" ist übrigens bei Bertz und Fischer erschienen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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