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Zeitfragen | Beitrag vom 15.01.2016

Kulturhauptstadt 2016 literarischBreslau, das neu entdeckte Babylon

Von Adolf Stock

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Blick über Breslau (dpa/picture alliance/Forum Marek Maruszak)
Blick über Breslau (dpa/picture alliance/Forum Marek Maruszak)

In der polnischen Stadt Wroclaw - bis 1945 Breslau - finden sich neben deutschen auch Spuren aus dem früheren Lemberg, das heute ukrainisch ist. Wroclaw ist Europäische Kulturhauptstadt 2016, und dabei steht auch dessen reiches literarisches Erbe im Fokus.

Stanislaw Lem:
"In unserem Zeitalter haben wir auch entsetzliche Pseudo-Utopien erlebt. Eine war braun, und die andere war rot. Die braune war bestimmt ausschließlich für große blonde, deutsche Arier. Hier war sozusagen die Prämisse Mord, ganz klar als Voraussetzung des Aufbaus dieser Utopie."

1993 sprach Stanislaw Lem in seiner Krakauer Wohnung über die beiden Gesellschaftsutopien, die in ihrer Konsequenz die Grenzen des alten Europas verschoben haben. Das gilt auch für seine Heimatstadt Lemberg, aus der Stanislaw Lem 1946 vertrieben wurde, und es gilt auch für Breslau, das nach dem Zweiten Weltkrieg polnisch wurde.

Renata Bardzik-Milosz steht vor dem Historischen Rathaus in Wroclaw. Sie führt Journalisten, die auf Einladung des Deutschen Kulturforums östliches Europa Breslau und Lemberg besuchen, durch ihre Stadt.

"Ich würde gerne mit Ihnen an diesem Denkmal beginnen. Es geht hier um den Aleksander Fredro. Die Stelle, wo er aufgestellt ist, so eine prominente Stelle, mitten auf dem Breslauer Rathausplatz. Ja, das Herzstück der Stadt. Dieses Denkmal stand ursprünglich in Lwów, Lemberg, polnisch Lwiw, wurde hier Mitte der 50er-Jahre nach Breslau gebracht und ist ein Stück Lemberg in Polen. Ein schönes Beispiel, wie man diese ostpolnische Tradition hier pflegt."

Wer Wroclaw besucht, trifft überall auf Lemberger Spuren. 2016 ist das alte Breslau Europäische Kulturhauptstadt. Die Besucher erwartet eine lebendige Metropole, die sich weltoffen und zugewandt zeigt. Katarzyna Mlynczak-Sachs managt mit rund 80 Kollegen ein ambitioniertes Festivalprogramm, für eine Stadt, die dabei ist, sich mit ihren historischen Wurzeln zu befassen.

"Es ist schwierig zu sagen, was das Wichtigste an dieser Identität ist. Also, ich bin selbst Breslauerin, mit der Wurzel aus Lemberg und schon hier geboren, und meine Eltern sind hier geboren. Aber wir sind sehr stark, die Breslauer, und bemühen uns auch zivilgesellschaftlich um die Stadt. Ja aber jetzt zu sagen, was wirklich das Besondere ist, außer dieser Offenheit für mich, das ist, wahrscheinlich noch nicht, noch, nicht fest, ja es bildet sich."

Lange Zeit war das Selbstverständnis Wroclaws ideologisch geprägt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bevölkerung Breslaus fast vollständig ausgetauscht. Plötzlich lebten Polen in einer stark zerstörten, ihnen völlig fremden Stadt. Viele Neubürger kamen aus Lemberg, die Galizien verlassen mussten, als Lwów sowjetisch wurde.

[…]

Das polnische literarische Erbe ist von Lemberg nach Wroclaw gezogen. Das deutsche literarische Erbe Breslaus war hingegen lange Zeit verschüttet. Aber nicht nur in Polen, auch in Deutschland werden die alten Breslauer Autoren kaum noch gelesen. Wer kennt noch Gustav Freitags Roman "Soll und Haben", der 1855 erstmals erschien? Wenn überhaupt, ist das Buch nur noch als Titel im Gedächtnis. Der Roman spielt in Breslau und schildert ein kompliziertes Beziehungsgeflecht zwischen Bürgertum, Adel und Juden.

Doch die Kulturhauptstadt Breslau will auch ein literarisches Forum sein. Das Jahr über wird es mehr als 400 Veranstaltungen geben. Acht Kuratoren haben sie geplant, sagt Katarzyna Mlynczak-Sachs. Einer kümmert sich um die Literatur.

Katarzyna Mlynczak-Sachs:
"Ein gutes Beispiel ist ein literarisches Projekt 'Europäische Nacht der Literatur'. Es geht um Bücher vorlesen, ein Oberziel ist es, die Leserzahl zu steigern und die Leute für die Bücher zu interessieren. Es ist an zehn verschiedenen Orten durch die Nacht durch verschiedene Bücher durch zehn Personen, alles Persönlichkeiten ausgewählt aus Warschau."

Marek Krajewskis Kriminalromane als Porträt einer verloren gegangenen Welt

2016 kommen viele polnische Literaten nach Wroclaw, darunter Autoren, die mit der Stadt eng verbunden sind. Auch an Tadeusz Rozewicz wird erinnert, der 2014 mit 92 Jahren gestorben ist: Er galt als bescheiden und medienscheu. Anstatt Interviews zu geben, schrieb er lieber Gedichte, wie das Gedicht "Ruhm", das Peter Wegenschimmel ins Deutsche übertragen hat.

Zitat:
ein gewisser journalist
von der stadtzeitung
der über mich schreibt
"berühmter breslauer dichter"
und zu mir sagt
"Herr Stanislaw"
fühlt sich gekränkt

ein nettes fräulein
"auch" journalistin
von der regionalbeilage
der hauptstadtzeitung
hat nur eine frage
stellt aber drei
auf antwort wartet sie nicht

ich erkläre freundlich
dass ich müde bin krank
dass ich alt bin
dass mein kopf leer ist

"Sie kokettieren!"

[…]

Olga Tokarczuk, Jahrgang 1962, hat 1995 den Roman "E.E." veröffentlicht. Es sind die Initialen von Erna Eltzner, einer jungen Frau, die Anfang des letzten Jahrhunderts in einer deutsch-polnischen Familie in Breslau aufwächst. Ihre Mutter ist Polin mit schauspielerischen Ambitionen, während ihr Vater ein eher handfester deutscher Manufakturbesitzer ist.

Mit ihrer Beschreibung einer deutsch-polnischen Begegnung war Olga Tokarczuk lange Zeit allein, bis Marek Krajewski die literarische Bühne betrat. Er ist 1966 in Breslau geboren, seit seiner Jugend interessiert sich der studierte Altphilologe für die Geschichte seiner Heimatstadt. 2009 hat Marta Kijowska mit Marek Krajewski darüber gesprochen.

Marek Krajewski:
"Es war nur die Neugier eines kleinen Jungen, aber sie wuchs ständig, etwa während der Spaziergänge mit meinem Vater, bei denen ich an den Kanalisationsbrunnen Namen deutscher Firmen entdeckte. Oder als an meinem Geburtshaus der Putz abfiel und drunter die Aufschrift 'Obst und Gemüse' erschien. Ich fragte mich immer öfter: In was für einer Stadt lebe ich eigentlich? Ich hatte ein immer größeres Chaos im Kopf und beschloss, dieses Chaos zu ordnen.

Also fing ich an, mich für die Vergangenheit Breslaus zu interessieren. Ich kaufte mir in einem Antiquariat für viel Geld, das ich von meinem Vater bekam, einen alten deutschen Stadtplan von Breslau. Was für ein Vergnügen war das, polnische und deutsche Straßennamen zu vergleichen! Was für eine Entdeckung, plötzlich zu erfahren, dass meine Straße früher nach Martin Opitz benannt war. Wer war Opitz, wollte ich wissen und schaute in der Enzyklopädie nach. So sah mein Bildungsweg aus: von den Kanalisationsbrunnen und deutschen Aufschriften bis zur deutschen Kultur."

Marek Krajewskis erster Kriminalroman erschien 1999. Seinem Buch "Tod in Breslau" sollten danach noch fünf weitere folgen. Sie spielen alle Anfang des letzten Jahrhunderts. Ein deutscher Kommissar ermittelt: Eberhard Mock ist nicht besonders sympathisch. Ein Pedant mit Ecken und Kanten: arrogant, cholerisch, trinkfest und mit einer ausgeprägten Libido, die er im Rotlichtmilieu befriedigt. Doch bei Krajewski geht es nicht nur um Mord, er formt auch ein atmosphärisch dichtes Zeitportrait einer verloren gegangenen Welt. Er beschreibt Wroclaws deutsche Vergangenheit, über die bis zur Wende kaum gesprochen wurde.

"Dazu muss man klar sagen, Breslau war gar nicht so schrecklich, wie ich es schildere. Im Gegenteil, es war eine wunderbare Stadt, ausgezeichnet geplant, ja in urbanistischer Hinsicht geradezu genial, jedenfalls für die damaligen Verhältnisse. Voller wunderschöner Mietshäuser, deren Überreste es bis heute gibt. Ich wohne selbst in so einem Haus und fühle mich dabei, als würde ich im alten Breslau leben, denn aus meinem Fenster sieht man auf eine Straße, in der es kein einziges Haus aus der Zeit nach 1945 gibt. Diese Stadt war hell, sonnig, reich. Eine richtige Kaufmannsstadt. Sie war wirklich herrlich, und ich habe sie nur deformiert. Warum? Weil ich Krimis schreibe, keine Liebesromane."

Viele jüdische Schriftsteller wie Bruno Schulz wurden Opfer des Nazi-Terrors

Im 17. Jahrhundert war Breslau ein bedeutsames Zentrum der deutschsprachigen Literatur. Zur Schlesischen Dichterschule zählen Namen wie Martin Opitz, Daniel Casper von Lohenstein oder Hoffmann von Hoffmannswaldau.

Auch der Mystiker Johannes Scheffler, der sich Angelus Silesius – also "Schlesischer Engel" – nannte und streitbare religiöse Gedichte schrieb, gehört zu den schlesischen Dichtern. Scheffler war der Sohn eines polnischen Adligen, der als Protestant von Krakau nach Breslau fliehen musste.

[…]

Das polnische literarische Erbe Lembergs setzt sich in Breslau fort. Das jüdische Erbe ist hingegen Vergangenheit.

In den 20er-Jahren gab es in Breslau viele assimilierte jüdische Bürger. Der Schriftsteller Günther Anders wurde1902 als Günther Siegmund Stern in Breslau geboren und auch Alfred Kerr, der eigentlich Alfred Kempner hieß, war Sohn eines jüdischen Weinhändlers der Stadt.  

Es gab auch polnische Juden. Viele von ihnen haben den Nazi-Terror nicht überlebt. Etwa Bruno Schulz, der in Lemberg studierte und 1942 bei der geplanten Flucht aus dem Ghetto von der Gestapo auf offener Straße erschossen wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen auch Juden aus Galizien nach Breslau, doch sie waren dort nicht willkommen. Renata Bardzik-Milosz steht mit ihrer Besuchergruppe vor einer Synagoge im ehemaligen Ghetto.

Renata Bardzik-Milosz:
"Es gab leider Gottes auch mehrere antisemitische Hetzkampagnen im kommunistischen Polen, das sind die Jahre 56 und vor allem 68. Mitte der 70er-Jahre hat der polnische kommunistische Staat die Synagoge weggenommen. Es kam die Wende 89/90. Für Juden als religiöse Minderheit kamen andere Zeiten. Diese Synagoge wurde ab Mitte der 90er-Jahre von der jüdischen Glaubensgemeinde renoviert. Sie ist nun Eigentum der Gemeinde. Es ist nicht nur ein Gotteshaus, es ist auch ein Ort für Kultur."

[…]

Jurko Prochasko, Jahrgang 1970, ist Germanist und Übersetzer. Er hat viele Bücher über Lemberg und die Ukraine geschrieben. Im Spätsommer 2015 sitzt er in einem Café in der Lemberger Altstadt. Am Ende der Straße steht die Kirche "Maria im Schnee", die der polnische König Kasimir III. für eingewanderte Deutsche Mitte des 14. Jahrhunderts errichten ließ.

Seit 1990 ist "Maria im Schnee" wieder ein Gotteshaus. In Sowjetzeiten war es ein Buchmuseum. Jetzt ist das Portal weit geöffnet. Gläubige stehen bis auf die Straße, um ihren Gottesdienst zu feiern, der dem orthodoxen Ritus folgt.

Wroclaws Bewohner sind stolz auf die reiche Vergangenheit ihrer Stadt

Das alte Lemberg erinnert an Wien: Das Theater, die Verwaltungsbauten und die großzügige Ringbebauung. Als Lemberg 1772 an Habsburg fiel, konnte Wien kaum sagen, was es bekommen hatte. Maria Theresia "weinte, aber nahm", lästerte Friedrich der Große. Ein Landstrich jenseits der Waldkarpaten. Terra incognita. Eine Region, die später den Namen Galizien bekam. Jurko Prochasko:

"Es gab eine ganze Reihe von Autoren, die mit diesem Impetus kamen: Was haben wir denn da, an diesen neuen Ländern? Balthasar Hacquet zum Beispiel oder ein Brettschneider. Es waren viele viel Autoren. Briefe über den jetzigen Zustand in Galizien. Was ist in diesem neuen Land, wer lebt dort, was sind das für Gruppen von Menschen, was für Glauben, was für Sprachen, was für Häuser, und das genoss alles eine unglaubliche Popularität, diese Reiseberichte, diese Briefe, und so entwickelte sich so ein früher Topos in dieser Galizischen Literatur, der sich dann weiter über die Jahrhunderte zieht. Und man kann Spuren von diesem Topos dann bei Hofmannsthal sehen und zum Beispiel bei Joseph Roth."

Die erste deutschsprachige Literatur waren Reiseberichte aus einer fremden Region, die aus Wiener Sicht unkultiviert und rückständig war. Später wurde Lemberg polnisch, heute ist die Stadt ein Teil der Ukraine. Teile des polnischen kulturellen Erbes leben in Breslau fort.

Die Europäische Kulturhauptstadt 2016 will sich auch diesem Erbe stellen. Ihre Bewohner sind inzwischen stolz auf eine Stadt mit einer so reichen Vergangenheit.

Zitat:
"Eigentlich ist Lembergs Farbe die von vergilbtem Papier. Lemberg kann verwirren, täuschen und etwas anderes behaupten. Es behält dennoch genau diese Farbe in ihren unterschiedlichen Schattierungen. Sie kann zart sein wie das Gelb von noch neuen Zeitungen, die etwas länger in der Sonne gelegen haben. Oder tief und mehrschichtig, wie die Farbe der Papiere, denen wir als Kinder ein altertümliches Aussehen gaben, indem wir sie lange in ein Glas mit starkem Tee tauchten."

2007 hat Jurko Prochasko in einem Essay Lembergs Häuser mit Büchern verglichen.

Zitat:
"Man kann sich Lembergs Straßen als Bücheregale vorstellen, die Häuser als Bücherrücken. Häuser wie in einer Bibliothek aneinandergestellter Bücher – einer Bibliothek, die von einer Hand in die nächste geht, von Generation zu Generation, von Eigentümer zu Eigentümer. Jeder gibt etwas dazu und nimmt etwas anderes vom Regal, um es nie wieder zurückzustellen."

Wer mit offenen Augen durch Wroclaw geht, wer Olga Tokarczuk oder Marek Krajewski liest, kann in Breslau, der Kulturhauptstadt 2016, eine ganz ähnliche Erfahrung machen. 

Das komplette Manuskript zur Sendung finden Sie hier im pdf- und im txt-Format

 

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