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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 23.02.2016

Kulturelle IntegrationWir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag

Von Martin Lätzel

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(picture alliance / dpa / Ronald Wittek)
Der Islam gehört zu Deutschland - aber wie? (picture alliance / dpa / Ronald Wittek)

Statt zu klagen, dass Flüchtlinge unsere Kultur verändern, sollten die Deutschen die kulturelle Integration aktiv gestalten, meint Martin Lätzel. Wir müssten einen neuen Gesellschaftsvertrag diskutieren, der Grundwerte mit Vielfalt vereinbar macht.

Alle sprechen davon, dass die Menschen, die zu uns kommen, integriert werden müssen. Aber die Diskussion, wie diese Integration gelingen soll, fängt gerade erst richtig an. Die existenziellen Herausforderungen sind immens, für die Flüchtlinge sowieso, aber auch für unser Land, das die Aufnahme organisiert.

Die Integration wird unser Verständnis von Kultur auf den Kopf stellen. Über kurz oder lang wird unsere Kultur eine andere sein. Und die Angst davor ist groß. Leider fragen wir viel zu wenig, wie eine gelungene kulturelle Integration aussehen kann.

Debatte um Identität, nicht um Leitkultur

Seit Jahrhunderten überhöhen wir Deutschen uns gerne als Kulturnation. Aber die Aufklärer haben einen Kulturbegriff formuliert, der nicht nur die Künste, sondern auch die Zivilisation umfasst. Kurz gesagt, die Vorstellung davon, wie wir unser Zusammenleben gestalten.

Insofern haben wir es bei dem, was die Flüchtlinge mitbringen, nicht nur mit anderen andere Vorstellungen von Kultur zu tun, sondern auch mit unterschiedlichen Vorstellungen für das Miteinander. Wie muss nun die Debatte um kulturelle Identität geführt werden, ohne dass wir uns der banalen Leitkulturdebatte hingeben?

Kultur ist immer eine Form der Abgrenzung gewesen. Sie erzeugt Exklusivität. Dass es allerdings auch anders geht, sehen wir in den Vereinigten Staaten. Seit über 200 Jahren leben dort Menschen unterschiedlicher Traditionen, Religionen und Kulturen zusammen. Was sie aber eint, ist der amerikanische Traum und die gemeinsame Verfassung.

Zentrale Aufgabe für uns muss es also sein, eine gemeinsame Basis zu finden: Dazu gehören zunächst das Grundgesetz mit der Gewaltenteilung, die Presse- und Glaubensfreiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder die Schulpflicht. Gibt es darüber hinaus etwas, worauf man sich gesellschaftlich einigen könnte?

Diversität durch Kulturverhandlung

Kulturen sprechen nicht, sagt der Erziehungswissenschaftler Frank-Olaf Radtke. Das macht den Kulturdialog schwierig und erfordert eher ungewohnte Kulturverhandlungen. Es ist utopisch zu glauben, Deutschland könne in Zukunft einen einheitlichen Kulturraum darstellen. Wir werden uns an Diversität gewöhnen müssen. Das ist nicht schlecht, ganz im Gegenteil.

Vielfalt ist weniger fragil. Seit wir zur Schule gegangen sind, begleitet uns die Klage, dass die Sitten verfallen, die Bildung sowieso, und das kulturelle Interesse abnimmt. Da sollten wir uns über neue Impulse von außen freuen.

Menschen aus muslimischen Traditionen zu treffen, fordert uns heraus: Wie hältst Du's mit der Religion? Wir hatten uns im säkularen Kapitalismus ganz gemütlich eingerichtet. Jetzt stehen vor einer Situation, in der wir Auskunft geben müssen. Bildung tut not. Über Fußball wissen wir oft mehr als über Religion.

Kultur als Basis eines neuen Gesellschaftsvertrages

Kultur ersetzt keine zivile Verfassung, aber sie ist die Grundlage. Die Begegnung mit teils verwandten Kulturen, gleich welcher Herkunft, kann unser Land nur stärken – wenn denn Vereinbarungen getroffen werden, die einem zivilen Zusammenleben dienen.

Ziel sollte sein, dass jeder, wie Preußens Friedrich II., Freund Voltaires, sagte, "nach seiner Façon selig werde". Damit ist nicht gemeint, Gleichgültigkeit gegenüber allem und jedem zu kultivieren. Wir müssen uns nur darüber verständigen, was wir gemeinsam respektieren und akzeptieren wollen und was nicht.

Statt eine Leitkultur festzulegen, wäre es folglich die Aufgabe, einen neuen Gesellschaftsvertrag, einen modernen, uns gemäßen volonté générale auszuarbeiten – gemeinsam in gesellschaftlicher Debatte mit den Mitteln, die wir seit der Aufklärung besitzen.

Martin Lätzel (privat)Martin Lätzel (privat)Martin Lätzel ist Theologe und Publizist. Für das Land Schleswig-Holstein arbeitet er derzeit in der Kulturverwaltung und ist Lehrbeauftragter an der Universität Kiel. Als Autor beschäftigt er sich mit Fragen von Kultur und Bildung, Religion und Gesellschaft. Zu kulturpolitischen Fragen bloggt er unter www.zwo43.wordpress.com

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