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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.01.2013

Kultur- und Naturverfallsklage

Jonathan Franzen, "Weiter weg. Essays", Rowohlt Verlag, Reinbek 2013, 365 Seiten

US-Literaturstar Jonathan Franzen mit dem National Book Award 2001 in New York. (AP Archiv)
US-Literaturstar Jonathan Franzen mit dem National Book Award 2001 in New York. (AP Archiv)

22 recht unterschiedliche Texte sind in diesem Essayband versammelt, darunter auch ein Nachruf auf den Schriftsteller-Kollegen, Rivalen und Freund David Foster Wallace, der 2008 Selbstmord beging. Franzens Selbst-Besessenheit ist zugleich die Quelle der Kreativität in seinen Texten.

David Foster Wallace, der tote Freund, durchwirkt diesen Band auch an anderer Stelle, am prominentesten im titelgebenden Essay "Weiter weg" und indirekt auch in der Abschlussrede, die Franzen 2011 vor Absolventen des Kenyon College, Ohio, hielt. Denn just an diesem Ort hatte David Foster Wallace sechs Jahre zuvor seinen berühmten Vortrag "Was ist Wasser?" gehalten.

Der Essay "Weiter weg" ist eine komplexe Mischung aus Reisebericht, literaturhistorischer Reflexion und Verarbeitung des Todes von Foster Wallace. "Más Afuera" (Weiter weg) ist der Name einer Vulkan-Insel im Südpazifik, die auch Isla Alejandro Selkirk heißt, benannt nach dem schottischen Seemann Alexander Selkirk, der Daniel Defoe als Vorbild seines "Robinson Crusoe"-Romans gedient hat. Jonathan Franzen, dessen Leidenschaft seit einigen Jahren dem "Bird Watching" gehört, besuchte 2010 diese unbewohnte Insel, ein Natur-Reservat, weil sie einige sehr seltene Vogelarten beherbergt, die er beobachten wollte; außerdem wollte er "Robinson Crusoe" neu lesen und auf der Insel ein wenig Asche seines Freundes verstreuen, die ihm die Witwe von David Foster Wallace in einer Zündholzschachtel mitgegeben hatte.

In diesem wie in den meisten anderen Texten balanciert Jonathan Franzen auf dem schmalen Grat zwischen Solipsismus und Selbst-Mitteilung. Selbst wenn er über den Tod des Freundes grübelt, bleibt er auf sich selbst fokussiert - auf sein Gefühl, vom Freund bewusst verletzt und im Stich gelassen worden zu sein. Seine Selbst-Besessenheit, seine Fixierung auf die Entwicklung seines Selbst, ist zugleich die Quelle seiner Kreativität. In seinem Vortrag "Über autobiographische Literatur" erläutert er sein Verständnis vom Schreiben, das immer ein Arbeiten an der Geschichte des eigenen Lebens sei: "Um das nächste Buch zu schreiben, muss man ein anderer Mensch werden. Der Mensch, der man bereits geworden ist, hat das beste Buch, das er schreiben konnte, ja bereits geschrieben. Ohne sich zu ändern, kommt man nicht voran."

Die ausführlichsten Texte dieses Bandes sind Reise-Reportagen. Franzen fuhr nach China, nach Zypern und nach Malta, drei Weltgegenden, in denen es um den Vogelschutz besonders schlimm bestellt ist. In China wird die natürliche Umwelt der Wildvögel zubetoniert und industriell verseucht, in Zypern und Malta werden Zugvögel und Singvögel gejagt und verspeist. Diese Erfahrungen verstärken Franzens ohnehin vorhandene Neigung zur Kultur- und Naturverfallsklage. Immer wieder beklagt er in Variationen die Tyrannei des neuen digitalen Spielzeugs (obwohl er sein eigenes Smartphone abgöttisch liebt), die verblödende TV-Werbung, die grinsende Unterhaltungsindustrie und den hirnlosen Hedonismus. Sympathisch sind seine Buchbesprechungen: durch die Bank feurige Parteinahmen für zu Unrecht übersehene Autoren und passionierte Plädoyers für vergessene Bücher.

Rezensiert von Sigrid Löffler

Jonathan Franzen: Weiter weg. Essays
Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell, Wieland Freund, Dirk van Gunsteren und Eike Schönfeld
Rowohlt Verlag, Reinbek 2013
365 Seiten, 19,95 Euro

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