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Küstenwandel

Das Projekt RADOST an den Ostseeküsten

Von Peter Kaiser

Blick auf die Ostsee
Blick auf die Ostsee (Stock.XCHNG / Christa Richert)

Noch weiß niemand genau, was in den kommenden Jahrzehnten an Veränderungen durch den Klimawandel auf die Ostseeregion zukommt. Im Projekt RADOST werden nun Zukunftsszenarien entwickelt.

Oft bleibt in diesem Jahr der über 60-jährige Mike aus Brandenburg während seiner Spaziergänge am Ahrenshooper Strand einfach stehen. Sorgenvoll sieht er dann aufs Meer hinaus.

"Es gibt Theorien, dass das Wasser derartig steigen wird, dass nur noch die höheren Lagen bewohnbar sein werden. Was natürlich zur Folge haben wird, dass die Eliteschichten sich in den hohen Lagen einnisten werden, und die anderen dem Wasser ausgesetzt sind.
Und insofern finde ich den Versuch sich anzupassen, nicht mehr ein kosmetischer Versuch etwas zu ändern, sondern das ist der Versuch aus den Veränderungen noch Geld rauszuholen."

Was Mike, aber auch andere Urlauber, so beschäftigt, ist sowohl der Klimawandel mit seinen Folgen, als auch das RADOST-Projekt, ein Kürzel für "Regionale Anpassungsstrategien für die deutsche Ostseeküste". An diesem Projekt sind mehr als 60 Partner aus dem Hochschul- und Forschungsbereich, der Wirtschaft und den Kommunen beteiligt. Um was es sich bei dem RADOST-Projekt handelt, erläutert Peter Fröhle von der Universität Rostock.

"Dabei geht es um die Erarbeitung von Strategien für die deutsche Ostseeküste im Umgang mit dem Klimawandel."

Was wird an den Ostseeküsten im Zuge des Klimawandels geschehen? Welche Szenarien sind denkbar und wahrscheinlich? Joachim Dippner vom IOW, dem Institut für Ostseeforschung Warnemünde, meint, dass es schwierig ist, sichere Prognosen für die Klimazukunft abzugeben.

"Es gibt ungefähr 20, 30 verschiedene globale Klimamodelle, und ein robustes Ergebnis ist, wenn 95 Prozent der Modelle für das gleiche Szenario das gleiche Ergebnis vorhersagen. Das ist bei Temperatur der Fall, oder bei Niederschlägen auf der Regionalskala der Fall. Für die Ostsee (...) gilt als gesichert, dass die Atmosphärentemperaturen (...) zunehmen werden."

Vorsichtig geschätzt sollen sich die Außentemperaturen - auf einen Zeitraum bis zum Jahr 2100 hochgerechnet - um drei bis fünf Grad in der Region erhöhen. Die Ostsee selbst könnte zwei bis vier Grad wärmer werden. Schon jetzt geht das Eis im nördlichen Bottenvik, der robbenreichen Meergegend zwischen Finnland und Schweden, durch den Klimawandel dramatisch zurück.

"Das heißt, die Eistage werden sich von 249 Eistagen, die wir haben im nördlichen Bottenvik, auf 120 Tage reduzieren, und alle Lebewesen, deren Lebenszyklen an Eis gekoppelt sind, wie zum Beispiel die Ringelrobbe, die sind vom Aussterben bedroht."

Doch nicht nur die Ostsee wird wärmer, auch die Niederschlagsmengen, sowie deren Häufigkeiten, verändern sich.

"Und zwar in der Form, dass im Winter die Niederschläge im gesamten Einzugsgebiet deutlich zunehmen. Dass aber im Sommer die Niederschläge im südlichen Einzugsgebiet, sprich also Deutschland und Polen (...) abnehmen werden."

Wieder bis zum Jahr 2100 prognostiziert sollen die Veränderungen einen Anstieg des Meeresspiegels von 20 Zentimetern bis zu einem Meter nach sich ziehen, sowie generell mehr Sturmfluten. Was genau das für die Region Mecklenburg-Vorpommern heißt, soll im RADOST-Projekt ermittelt werden. Dabei gilt diese Region als Beispiel für andere Regionen, denn der Klimawandel findet ja nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern statt.

"Also zunächst mal werden wir versuchen abzuschätzen, wie sich das Geschehen überhaupt verändert. Wie sich das Sturmflutgeschehen verändert. Ob wir höher auflaufende Sturmfluten haben. Dann ob sich das Sedimenttransportgeschehen an der Küste verändert, und dann auf dieser Basis (...) Strategien zur Anpassung entwickeln. Das kann so sein, wenn die Erhöhungen moderat ausfallen, das man also am Ende kein neues Ergebnis hat, also rausfindet, dass man mit den gleichen Methoden weiterarbeiten kann. Das kann aber im Extremfall auch so sein, dass man empfehlen muss Küstenbereiche aufzugeben, beziehungsweise sich langfristig auf einen Rückzug vorzubereiten."

Führende Modelle zu Seegang, Strömungen, Wasserqualität und Sedimenttransporte werden so verbessert, das detailliertere Aussagen möglich sind. Auf der Grundlage dieser Daten können dann einerseits konkretere Küsten-Schutzmaßnahmen als bisher eingeleitet werden. Andererseits lassen sich so die vermuteten wirtschaftlichen Folgen der Klimaveränderung insofern abfangen, als dass man neue Tätigkeitsfelder erschließt. Darum wurde im Rahmen des RADOST-Projektes ein Netzwerk aus Forschungsinstituten, Kommunen, Bäderbetrieben und in der Region ansässigen Firmen installiert. Grit Martinez vom Berliner Ecologic-Institut koordiniert dieses Netzwerk.

"Und es gibt natürlich konkrete Beispiele, an denen wir arbeiten wollen. Die nenne ich jetzt mal: Küstenschutzwerke können zum Beispiel mit Tauchtourismus verbunden werden. Die Meereswärme kann genutzt werden. Man kann in der Zucht von Algen, Muscheln und anderen Meeresorganismen Chancen sehen. Man kann das vermarkten. Man kann Schiffe anders konstruieren für andere Seerouten, und man kann natürlich den Tourismus bei einer sich erwärmenden Ostsee ganz anders gestalten."

So gesehen bietet der Klimawandel auch Chancen, die keiner der Urlauber bezweifelt. Doch Heike etwa ist skeptisch, ob man schon aufgeben, und die Region hier sich einfach nur noch für die Veränderungen rüsten sollte.

"Also wir haben die Küsten noch. Und so richtig weiß niemand noch, innerhalb welcher Zeit jetzt die Veränderung passiert. (...) Andererseits, (...) auch die Küstenstreifen verändern sich durch Sturm. Das Neue daran ist, dass es halt hausgemacht ist."

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