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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.01.2015

Künstliche IntelligenzMensch ist durch Kreativität überlegen

Der Medieninformatiker Andreas Butz im Gespräch mit Dieter Kassel

ROBOY, the robot developed by the Artificial Intelligence Laboratory of the University of Zurich, is presented to the media in Zurich, Switzerland, 27 February 2013. Technical know-how from over 15 project partners from industry and scientific research helped to build the robot during the last nine months. Thanks to 'Brain Technology' ROBOY can reply intelligently to questions. SAMUEL TRUEMPY (picture alliance / dpa / Samuel Truempy)
Roboy, entwickelt vom Institut für Künstliche Intelligenz Zürich, kann eigenständig denken. Der Mensch sei aber mehr als Ratio, sagt Andreas Butz. (picture alliance / dpa / Samuel Truempy)

Künstliche Intelligenz könnte einmal das Ende der Menschheit bedeuten, warnt der Physiker Stephen Hawking. Der Medieninformatiker Andreas Butz widerspricht.

Andreas Butz sieht, wie er sagt, der Entwicklung "ganz entspannt" entgegen: "Ich rechne nicht damit, dass die künstliche Intelligenz uns Menschen in unserem Menschsein überholen wird", sagt der Professor für Medieninformatik. Allerdings sei es heute schon so, dass Rechner auf Spezialgebieten mehr leisteten als Menschen:

"Da ist uns schon das ABS im Auto überlegen. Aber das ist keine Überlegenheit gegenüber dem Menschen - geistige Überlegenheit - sondern da geht es um mechanische Sachen. Die Kreativität wird weiterhin beim Menschen sein."

Menschen finden Lösungen, die nicht vorhersehbar sind

Zum Menschsein gehöre eben mehr als Denken und die Ratio, so Butz, zum Beispiel das Erlebnis, in einem Körper zu stecken, die Sozialisierung, das Aufwachsen als Mensch. Das könne kein Computer als Erfahrung sammeln. Die menschliche Stärke liege auch darin, Lösungen zu finden, die nicht vorhersehbar seien.

Eine Gefahr sieht der Wissenschaftler wohl: dass wir uns in manchen Lebensbereichen zu sehr auf Technik verlassen - etwa, wenn es in der Zukunft selbst fahrende Autos gibt: "Das bleibt ein Problem, das richtig abzuwägen. Zu viel Automatisierung kann uns die Kontrolle aus der Hand nehmen."


 

Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Wenn die künstliche Intelligenz erst vollständig entwickelt ist, dann könnte das das Ende der Menschheit bedeuten. Das sagt der weltbekannte Physiker Stephen Hawking. Können Maschinen tatsächlich bald mehr als Menschen? Droht die Gefahr wirklich von der Technik, wie er das ja auch gesagt hat, oder doch eher von manchen Benutzern, die sich zu sehr auf sie verlassen? Darüber wollen wir jetzt mit Professor Andreas Butz reden, Inhaber des Lehrstuhls für Mensch-Maschine-Interaktion an der Universität München und außerdem unter anderem Mitglied des Beirats des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz. Schönen guten Morgen, Herr Butz!

Andreas Butz: Guten Morgen!

Kassel: Halten Sie die Befürchtung von Stephen Hawking für berechtigt?

Butz: Dem sehe ich eigentlich ganz entspannt entgegen. Ich rechne nicht damit, dass die künstliche Intelligenz uns Menschen in unserem Menschsein überholen wird. Es ist allerdings ja heute schon so, dass Rechner auf Spezialgebieten natürlich dem Menschen überlegen sind, aber da geht es nicht um menschliche Geistesleistungen, so ureigene menschliche Dinge wie Kreativität oder so. Da sind wir nach wie vor als Menschen vorneweg.

Kassel: Ich glaube, dass bei Laien auch oft bei dem Begriff "Künstliche Intelligenz" einiges durcheinander geht. Wie würden Sie das in einem Satz definieren? Ist künstliche Intelligenz, wenn eine Maschine etwas kann, was man ihr nicht ausdrücklich vorher beigebracht hat?

Butz: Das könnte man so sagen. Also, künstliche Intelligenz ist erst mal eine schlechte Übersetzung aus dem Amerikanischen, wo eigentlich "intelligence" ja Informationsverarbeitung heißt. Und das ist, was die Maschine eigentlich macht. Sie führt ganz viele Rechenschritte sehr schnell durch, aber sie hat nicht die eigentliche menschliche Intelligenz, die wir als Menschen besitzen.

Kassel: Was ich vor Jahren mal faszinierend fand und was mir aus einem speziellen Grund keine Angst gemacht hat, war der Schachcomputer "Deep Blue", der, wie wir wissen, sehr gut Schach spielen kann, aber eben nichts sonst. Wäre das der gefährliche Moment? Sie haben ja gerade auch schon von Spezialisierung gesprochen. Wenn Maschinen nicht mehr sehr gut sind auf einem Spezialgebiet, sondern sozusagen Universaltalente?

Butz: Ja, das ist genau ein sehr schönes Beispiel für einen Fachcomputer. Die sind eben mittlerweile eben auf dem Niveau von menschlichen Großmeistern, aber genau nur auf diesem einen Spezialgebiet. Und was uns als Menschen ja ausmacht, ist, dass wir eben nicht so spezialisiert sind, sondern da ganz verschiedene Dinge können. Das sehe ich so schnell bei der Maschine nicht.

"Das ABS im Auto ist uns schon überlegen"

Kassel: Aber was Sie schon angesprochen haben, dass Maschinen eben denken vielleicht können, aber nicht fühlen, nicht emotional reagieren – macht nicht vielleicht gerade das manchmal uns Menschen überlegen?

Butz: Na ja, wenn es darum geht, ganz schnell irgendwo zu reagieren oder so, dann sind natürlich Maschinen – ja, also das ABS im Auto ist uns schon überlegen, wenn man es so sieht. Aber das ist ja keine Überlegenheit jetzt irgendwie gegenüber dem Menschen, geistige Überlegenheit, sondern da geht es um mechanische Sachen. Schon Leibniz hat gesagt, dass es eigentlich dem Menschen unwürdig ist, so mechanische Berechnungen durchzuführen, das sollte viel besser die Maschine machen. Und so sollte die Aufteilung auch sein. Ich denke, die Kreativität wird weiterhin beim Menschen sein.

Kassel: Sind Sie sich denn vollkommen sicher, dass das, was wir Menschen, worauf wir so stolz sind, Sie ja spürbar auch, unsere Kreativität, die Tatsache, dass wir manchmal dadurch Erfolg haben, dass wir nicht immer logisch handeln, dass wir auch von Gefühlen gesteuert werden – sind Sie sich vollkommen sicher, dass das nicht messbar, nicht mathematisch umrechenbar und dann doch in eine Maschine verpflanzbar sein könnte irgendwann?

Butz: Na ja, zum Menschsein gehört ja noch mehr als jetzt irgendwie das Denken, die Ratio. Da gehört ja irgendwie das Erlebnis, in einem Körper zu stecken, dazu, da gehört die Sozialisierung dazu, da gehört das Aufwachsen als Mensch dazu. Und das ist eben nichts, was der Computer jetzt irgendwie so an Erfahrung sammeln könnte.

Kassel: Wenn Sie sagen, bei den Dingen, die Sie schon beschrieben haben, ist der Computer schon besser, aber bei anderen ist und bleibt der Mensch besser, dann wäre natürlich das Traumwesen, das alles kann, der Cyborg, also die Mischung aus Mensch und Maschine. In Science-Fiction-Romanen sieht das immer relativ wild aus, aber wenn wir an die moderne Medizin denken, sind wir doch auch davon gar nicht mehr so weit weg, oder?

Butz: Na ja, das ist wohl ein fließender Übergang. Also im Prinzip können Sie jemanden mit einem Herzschrittmacher natürlich als Cyborg bezeichnen.

Kassel: Aber inwieweit kann und soll das gehen? Ich meine, wir sind ja – man kann was anderes nehmen, Cochlea-Implantate, wo die Technik Menschen, die es eigentlich nicht mehr konnten, Hören hilft, und, und, und. Das sind ja positive Entwicklungen. Sehen Sie da auch Gefahren?

Butz: Das sehe ich zunächst mal so, weil es irgendwie medizinisch irgendwie Menschen hilft, Defizite wett zu machen, sehe ich als positive Entwicklung. Ich habe keine Angst, dass es in eine Gegend gehen wird, wo es den Menschen geistig auch helfen wird. Da sehe ich die technischen Hürden noch als viel zu hoch an. 

"Zu viel Automatisierung kann uns die Kontrolle aus der Hand nehmen"

Kassel: Das sind technische Hürden, aber würden Sie irgendwann moralische Hürden sehen? Man könnte ja sagen, okay, wir unterstützen auch das Gehirn durch ein kleines Rechenzentrum, das entweder angeschlossen wird an den Menschen oder implantiert.

Butz: Na ja, Sie können auch sagen, es ist unfair, älteren Leuten ein Hörgerät zu verpassen, als wenn man ihnen damit einen Vorteil gibt, der irgendwie evolutionär so nicht gemeint war. Ich denke, es lohnt sich nicht, darüber zu diskutieren, weil das nicht – technisch auf absehbare Zeit nicht machbar sein wird.

Kassel: Was natürlich heute schon machbar ist, was auf den ersten Blick ja nichts mit dem zu tun hat, worüber wir bisher geredet haben, aber auf den zweiten Blick vielleicht doch, ist die Berechenbarkeit von vielen Vorgängen, also rund um die berühmten Algorithmen, über die wir immer reden. Wo viele sich inzwischen arg drauf verlassen: Ist das nicht vielleicht die größere Gefahr bei aller Technik, nicht, was die Technik kann, sondern was wir ihr zutrauen?

Butz: Na ja, das betrifft uns ganz konkret ja in manchen Lebensbereichen, wo wir uns auf Technik verlassen. Wir verlassen uns heute schon irgendwie in Gebäuden auf ganz viel Technik, auf Fahrstühle, wir verlassen uns auf Autos. In nicht allzu ferner Zukunft werden wir uns womöglich auf selbst fahrende Autos verlassen müssen. Ja, das bleibt ein Problem, das richtig abzuwägen ist, das stimmt schon. Zu viel Automatisierung kann irgendwann natürlich uns die Kontrolle aus der Hand nehmen.

Kassel: Bei Algorithmen geht es ja nicht nur um Automatisierung, da geht es ja darum – und da zum Beispiel ist ja die Science Fiction kurz davor, Realität zu werden, denken wir an den Film "Minority Report", wo die Technik im Film hilft, schon vorher zu wissen, wann jemand ein verbrechen begehen wird. In den USA gibt es schon erste Experimente, wo man tatsächlich mit der Hilfe von Big Data, großen Datenmengen und entsprechenden Programmen ausrechnen will, wo zumindest, in welchem Zusammenhang es wahrscheinlich wird, dass ein Verbrechen passiert. Ist vielleicht also doch mehr berechenbar, als wir glauben?

Butz: Na ja, also wenn Sie mit Filmen anfangen, dann wissen wir ja auch alle, dass Captain Kirk auf der Akademie deswegen den Computer besiegt hat, weil er unlogisch gehandelt hat. Da, denke ich, liegt die menschliche Stärke weiterhin darin, Kreativlösungen zu finden, die nicht vorhersehbar sind.

"Bauchgefühl ist ein wesentlicher Teil des Menschseins"

Kassel: Aber glauben Sie, dass das immer so sein wird? Nehmen wir ein einfacheres Beispiel: Man kann ja durchaus heute schon mit entsprechenden Programmen ausrechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Kreditnehmer einen Kredit zurückzahlt. Und ich finde die Vorstellung, vor meinem Sachbearbeiter in der Bank zu sitzen, und der sagt nur, "Computer says no!", und kann mir überhaupt nicht mehr erklären, warum, ja doch relativ beunruhigend.

Butz: Ja gut, da sind wir tatsächlich als Menschen gefordert, irgendwie an der Stelle auch irgendwann einen Strich zu ziehen und zu sagen, es gibt eine gewisse Kompetenz, die der Sachbearbeiter auf meiner Bank weiterhin behalten soll, nämlich irgendwie Leute, die er kennt, auch selbst einzuschätzen und nicht ernsthaft dem Computer das zu überlassen.

Kassel: Sind Sie denn positiv, dass wir Menschen – wir haben ja über Vernunft unter anderem auch geredet, so viel Vernunft haben werden in Zukunft?

Butz: Das ist ja nicht nur Vernunft. Zum Menschsein gehören schon auch Gefühle und unlogisches Handeln und – ja – Bauchgefühl ist ein ganz wesentlicher Teil des Menschseins.

Kassel: Danke Ihnen sehr. Andreas Butz war das. Er ist der Inhaber des Lehrstuhls für Mensch-Maschine-Interaktion der Universität München und traut, wie wir gehört haben, gerade als Fachmann den Computern, den Maschinen, den Programmen dann doch am Ende nicht mehr zu als den Menschen, oder wenn, dann nur in ganz, ganz wenigen Bereichen. Herr Butz, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Butz: Ich bedanke mich ebenfalls!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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