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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.03.2010

Kühn: Haarscharf realisierte Möglichkeiten

Dieter Kühn über sein Buch "Ich war Hitlers Schutzengel"

Dieter Kühn im Gespräch mit Jürgen König

Kühn: Viel Tamtam mit jenseitigen Mächten.  (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Kühn: Viel Tamtam mit jenseitigen Mächten. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Was wäre, wenn Hitler bei einem der vielen Attentate doch umgekommen wäre, fragt Schriftsteller Dieter Kühn in seinem Prosaband "Ich war Hitlers Schutzengel". Spielerisch entwirft er einen Beschützer mit Legitimationsproblemen.

Jürgen König: Was Historiker nicht dürfen, das steht Schriftstellern frei: sich auszumalen, was wäre, wenn ... Ja, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre, als sie sich tatsächlich zugetragen hat. "Ich war Hitlers Schutzengel" heißt ein neues Buch von Dieter Kühn. Es enthält vier Prosatexte, vom Autor Fiktionen genannt, denn Dieter Kühn hat genau das getan, was Historiker nicht tun dürfen, er hat sich vorgestellt, wie die Nazizeit auch hätte verlaufen können. Guten Tag, Herr Kühn!

Dieter Kühn: Guten Tag!

König: Wie kann es sein, dass ausgerechnet Adolf Hitler so viele und so gut organisierte Attentatsversuche überlebt hat? Diese Frage haben sich schon viele Historiker gestellt, was hat Sie, Herr Kühn, animiert, sich dieses Was-wäre-wenn vorzustellen und ein Buch daraus zu machen?

Kühn: Mein allererstes Buch "N" über Napoleon war auch so ein ähnlicher Versuch. Man sieht ja im Rückblick die Geschichte immer wie eine geradeaus durchfahrende Bahn, aber es gibt ja auch Weichenstellungen. Und ich fahr dann in eine Weiche rein und probier dann mal aus, wie hätte das aussehen können. Sie haben eben angesprochen mit den Historikern, also Historiker denken den Punkt schon mal an. Kershaw, der die große Hitler-Biografie geschrieben hat, nennt das dann kontrafaktisch, und er hat auch die Frage gestellt: Was wäre gewesen, wenn Hitler früh gestorben wäre? Dann wäre Göring als zweiter Mann Reichskanzler geworden. Das ist aber ein Punkt, an dem der Historiker aufhört und der Schriftsteller anfängt.

König: Genau. Sie beginnen Ihr Buch mit dieser Fiktion, dass das Attentat des Georg Elser vom 8. November '39 im Münchener Bürgerbräukeller, es gelingt, Hitler ist tot, Göring wird sein Nachfolger. Er bläst den Zweiten Weltkrieg ab, der Judenmord findet nicht statt, stattdessen baut Göring ein Regime auf, bei dem er so eine Art Sonnenkönig spielt, eine Diktatur, die nicht in – wie soll man sagen – wenigen Kriegsjahren verglüht, sondern Stabilität gewinnt. Am Ende fragt die "Times", ob Deutschland zum Kaisertum zurückgekehrt sei. Dies die erste Fiktion, auf Hitlers Schutzengel kommen wir gleich. Zunächst, Herr Kühn, dieses Bild eines Diktators, der glänzen will, der aber kein unberechenbares Risiko eingeht, glauben Sie, das war der Traum der Deutschen damals?

Kühn: Etwas hatte man das auch von Hitler erwartet. Man muss ja bedenken, dass Hitler bis 38 in Europa muss man sogar sagen, der beliebteste und bewundertste Staatsmann war. Also wenn Hitler 38 tatsächlich einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, hätte es wohl riesige traurige Nachrufe gegeben. Also bis 38 stand er absolut auf dem Zenit, an Popularität war ihm Göring eigentlich gewachsen, das war eigentlich mehr so die Operettenversion zu der Opernversion, und der hätte dann wahrscheinlich – wie Sie auch eben angedeutet – den Weltkrieg nicht in dieser Form entfacht. Der war - vielleicht auch aus Gründen der Bequemlichkeit und des Selbstgenusses war er einfach nicht am Krieg interessiert. Und es gibt ja da eine interessante Aussage von dem Gestapo Müller, vom Hauptamt IV, der mit Eichmann zusammengearbeitet hat: Wenn Göring früh Reichskanzler geworden wäre – was Sie eben ja auch angedeutet haben –, dann wäre uns der Weltkrieg, das heißt natürlich Russlandkrieg vor allem, und der Holocaust erspart geblieben. Das ist natürlich eine Aussage von einer Position des Inner Circle und jetzt nicht von außen her. Und das war für mich ein wichtiger Punkt.

König: Daraus folgt dann aber auch, dass der Nationalsozialismus ohne Krieg, ohne Judenverfolgung eine Zukunft gehabt hätte?

Kühn: Ja, in der "FAZ" war in einer Besprechung dann eine sehr schöne Formulierung eingebracht, es wäre Nationalsozialismus light gewesen. Also es wären dann ... es sähe auch hier in Berlin anders aus – wie viele Städte sind in den letzten Monaten zusammengebombt worden – also unsere ganze Infrastruktur sähe anders aus, wenn es einen Nationalsozialismus light gegeben hätte.

König: Das heißt, Hitler war mit seiner Angriffswut, auch mit seinem Rassenhass Totengräber seines eigenen Systems, eines Systems – kann man das so sagen? –, das in der deutschen Seele verankert war, vielleicht verankert ist?

Kühn: Ja, zumindest in den Ansätzen. Das Ganze hat ja nachher eine Eigendynamik entwickelt. Es gibt ja Untersuchungen darüber: War eigentlich der Massenmord an Juden von Anfang an geplant? War es nicht. Das zog sich so langsam, zog sich die Schleife immer enger, und das war eine Eigendynamik, die aber von Hitler – der hat ja nie einen schriftlichen Befehl erlassen. Die waren immer schlau, haben das nur mündlich oder telefonisch durchgegeben oder angedeutet: Und nun deute du das mal aus, wie du dich am besten verhältst, du Untertan! Und die Untertanen haben dann vielfach auch schon in gewaltigen Schritten vorweggenommen, was Hitler eigentlich wollte. Also das war eine Vernetzung, wenn man so will.

König: Nun ist ja aber Georg Elsers Attentat gescheitert. Warum? Weil Hitler einen Schutzengel hat – Angelos, der Geflügelte, Hauptfigur ihrer zweiten Fiktion. Er erzählt rückblickend, der Krieg ist vorbei, der Schutzengel hockt in den Ruinen des Berliner Anhalter Bahnhofs, den göttlichen Beistand hat er nun nicht mehr. Und was tut er? Er erinnert sich, man muss sagen mit protokollarischer Akribie, wie er die jeweiligen Anschläge auf das Leben Hitlers zunichtegemacht hat. Denkt auch nach über seine Verantwortung, was habe ich getan, was habe ich damit angerichtet, und fragt sich dann aber auch, ob er als Schutzengel überhaupt eine andere Wahl hatte. Zitat: "Dieses eine Leben, das ich wiederholt gerettet habe, ich weiß, ich weiß, es kostete Millionen Menschen das Leben, aber da wird man wohl mal fragen dürfen, wo sind denn die Schutzengel all der Opfer geblieben?" Herr Kühn, wer steckt hinter dieser Figur, wen verkörpert der Schutzengel?

Kühn: In der Nazizeit ist sehr viel Tamtam gemacht worden mit jenseitigen Mächten. Wir kennen ja die berühmten Anrufungen der Vorsehung durch Hitler, wir kennen eine der großen Hitler-Reden, die er da mit Amen geendet hat, und es wurde dann auch, als das Attentat von Elser missglückt war, wurde dann von einer Frau der evangelischen Kirche, wurde ja dann auch von Engeln gesprochen, die Hitler geschützt haben. Und da habe ich gedacht, das nehme ich mal wörtlich und führe den Schutzengel ein, der natürlich Legitimationsprobleme in Fülle hat. Das ist eben das, was ihn erst mal nach dem Krieg lange Zeit und in der Ruine des Anhalter Bahnhofs im Portikus verharren lässt. Er ringt schwer mit sich und fragt eben nach seiner Legitimation. Und er wartet eigentlich darauf, dass irgendwie durchkommt: Du hast deine Aufgabe gut erfüllt, auch wenn und Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen natürlich die ganzen Bedenken einsetzen.

König: Mich beschlich selbstverständlich der Gedanke, dass die Deutschen, die Hitler aufs Schild gehoben und dann bis zum Schluss getragen haben, dass sie Hitlers Schutzengel waren.

Kühn: Die Deutschen allgemein?

König: In toto.

Kühn: Oh, das ist eine sehr kühne These, die Sie da verbreiten. Also ich habe mich da wirklich nur auf ...

König: Ich sagte ja nur, mich beschlich der Gedanke, das mag natürlich falsch sein.

Kühn: Ja. Ja, ja ... Sie spielen jetzt meinen Gedanken weiter und breiten ihn aus, und darauf bin ich überhaupt nicht vorbereitet. Ich bleibe jetzt einfach stur bei meinem Schutzengel, der so viel mit sich selber zu tun hat, aber er hat auch eine beschränkte Sichtweise. Diese Allgemeinheit ... Was ihn zum Beispiel im Krieg stört, ist die Zerstörung von Gotteshäusern. Was ihn am Krieg stört, ist, dass Pfarrer in Lager kommen und Pfarrer umkommen. Aber alles Weitere ist auch irgendwie branchenbezogen, branchenspezifisch denkt dieser Schutzengel ...

König: Die Schutzengelbranche hat ja auch ihre eigenen Gesetze.

Kühn: Ja, aber die weite Perspektive, die Sie eben angedeutet haben, die hat dieser Schutzengel nicht. Er ist bisschen fixiert.

König: Als der Krieg zu Ende war, waren Sie zehn Jahre alt. Ein Zehnjähriger hat Verantwortung für gar nichts. Als Sie jetzt Ihr Buch schrieben, beschlich Sie da manchmal das Gefühl, meine Güte, habe ich ein Glück gehabt, damals nicht als Erwachsener dabei gewesen sein zu müssen?

Kühn: Na ja, ich habe ja dann auch noch den Krieg etwas am Rande ja miterlebt. Erst in Köln gelebt und die ersten Bombenangriffe auf Köln erlebt, auch noch Brand im eigenen Haus, Brandbomben, und der Schutzengel, mein persönlicher Schutzengel ist dann meine Mutter gewesen, die 1941 schon sagte: Das alles wird hier viel schlimmer, wir ziehen hier weg aus Köln. Um noch mal auf diese Attentate zurückzukommen, man hat ja auch vielfach gesagt, es muss mit dem Teufel zugehen, dass Hitler da all das übersteht, was ja nun wirklich hätte funktionieren können.

König: Der Schutzengel eines Teufels, um es metaphorisch zu sagen, hat selber etwas Teuflisches.

Kühn: Ja, eben. Und da kommt der Schutzengel, das ist natürlich die Zone, bei der Schutzengel in die Bredouille kommt. Er sieht sich selber dann auch mit einem engelweißen Flügel und mit einem SS-schwarzen Flügel, weil die Schutzstaffel Hitler ja genau dieselbe Aufgabe hatte wie er, nämlich sein Leben zu beschützen. Und nun ist er andauernd im inneren Konflikt mit der Leibstandarte Adolf Hitler, die genau dasselbe getan hat wie er, nämlich Hitler zu beschützen. Nur glaubt er, weil er über die innere Stimme Hitlers einwirken konnte, Attentate zum Scheitern brachte, dass er dann doch die bessere und höhere Position hat, aber er wartet noch sozusagen auf das Schlusssiegel von hoch oben, aber das bleibt aus.

König: 65 Jahre nach Kriegsende setzen Sie sich mit diesem Thema auseinander: die Verantwortung der Deutschen für das Nazitum, für den Judenmord, für den Krieg. Warum? Was treibt Sie um, was bewegt Sie heute bei der Auseinandersetzung mit dieser Frage der Verantwortung?

Kühn: Wir werden ja andauernd mit diesem Thema konfrontiert, und sei es auch über die Medien. Jetzt vor Kurzem ist der Film mit Tom Cruise "Unternehmen Walküre" *) gebracht worden, das heißt, diese ganze Thematik ist ja sowieso präsent geblieben, und mir wurde jetzt nach einer ersten Lesung erzählt, dass ein neuer Film da ist, in dem – ich habe den Titel vergessen, den ich aber noch nicht gesehen habe –, wo die gesamte Führungsmannschaft in einem Pariser Kino getötet wird. Also das ist etwas, was permanent da als Thema geblieben ist, und ich kann mich da schlecht von abkoppeln. Das ist auch Fragen, die einen umtreiben, was wäre, wenn ... – alles haarscharf realisierte oder nicht realisierte Möglichkeiten. Und für mich war das natürlich auch ein Punkt, einfach mal auf eine Weise an dieses Thema heranzugehen, die nicht so ganz im Mainstream liegt.

König: Noch mal: Welche Verantwortung schreiben Sie den Deutschen zu, aus der Perspektive von 2010?

Kühn: Oh, hören Sie damit ... Da stellen Sie aber jetzt eine so fundamentale Frage, die kann noch nicht mal mein Schutzengel beantworten, denn das geht ja dann ins Kollektive. Natürlich, die Deutschen haben Hitler gewollt und gewählt, und zwar ohne Zwang. Sie wollten den haben nach all diesen Wirren in der Weimarer Republik. Aber ich glaube, man hat nicht vorausgesehen, dass der ganze kollektive Rausch dann damit endet, dass zum Schluss alles kaputt ist. Da hätte man wahrscheinlich doch kollektiv ein bisschen anders entschieden und sich für einen Nationalsozialismus light entschieden.

König: Was unbedingt erwähnt werden muss, ist, dass Ihr Buch auch immer wieder sehr komisch ist. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass Sie größtes Vergnügen hatten – neben der Anstrengung des Schreibens, bei diesem Schreiben.

Kühn: Ja, das kommt vor allen Dingen in der letzten Geschichte raus, wo dann einer in einem See drei Hitler-Statuen birgt und sich politisch korrekt verhalten will und die eine schreddert und die andere zersägt und zerteilt und trotzdem dann den Hitlergruß auf den deutschen Gruße bietet. Diese ganze Ambivalenz, die heute auch mit Neonazismus immer wieder auftaucht, die habe ich durchgespielt. Aber damit kriegt man auch so ein festgefahrenes Thema wieder flott.

König: Es hat ja in den letzten Jahren immer wieder Versuche gegeben, spielerisch mit diesem Thema umzugehen. Hatten Sie manchmal den Eindruck oder hat Sie die Frage ereilt: Darf man das? Ohne die Opfer zu verhöhnen in Bezug auf all die Debatten, die wir darüber haben.

Kühn: Natürlich, wenn man das nicht dürfte, hätte ich es auch nicht getan, also es ist ja hier kein allgemeines Tabu. Ich versuche einfach ... die Frage der Opfer wird ja hier in dem Buch immer wieder angedeutet, und ich muss jetzt hier noch mal darauf hinweisen, das sind vier Themen, vier Themenkomplexe, die aber alle einen zentralen Punkt haben: Hitlers Tod. Und da ist von den anderen Texten her auch das gesagt, was im Schutzengeltext nicht gesagt hat, das muss sich dann irgendwie ergänzen. Und da kommen ja dann doch Fakten zur Sprache, die der Schutzengel selber nicht zur Sprache bringt, aber insgesamt im Buch zur Sprache kommen. Insofern ergänzen und beleuchten sich die Texte gegenseitig. Dann kommt auch praktisch die Frage der Opfer zur gerechten Darstellung.

König: "Ich war Hitlers Schutzengel", das neue Buch von Dieter Kühn ist erschienen im Fischer Verlag. Herr Kühn, ich danke Ihnen sehr für Ihren Besuch und wünsche Ihnen alles Gute für Sie und Ihr Buch!

Kühn: Danke!

*) Anm. d. Redaktion: Gemeint ist "Operation Walküre"

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Schutzengel des Teufels

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