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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 08.10.2008

Krise und Glauben

Von Gernot Facius

Ernüchterung an der Börse (AP)
Ernüchterung an der Börse (AP)

Die Finanzmärkte beben. Und aus dem Zentrum des Bebens wird Erstaunliches berichtet: Börsianer der Wall Street suchen Zuflucht in Kirchen und Synagogen. Sie sitzen da, weinen und sehen erschöpft aus. Geistliche bieten Seminare zum Umgang mit persönlichen Krisen an. Die Nachfrage ist enorm.

In ihrem Glauben an das Geld erschütterte Manager wünschen sich, dass in ihrer Branche wieder mehr ethische Grundsätze beachtet werden. Moderne Todsünden werden beim Namen genannt: Gier, Maßlosigkeit, Unvernunft, auch Inkompetenz.

Zugegeben: Das sind Momentaufnahmen. Noch keine Beweise für eine Renaissance der Zehn Gebote. So mancher hatte sie wie einen abgetragenen Wintermantel in die Kleiderkiste gestopft. Immerhin gibt es Signale, dass man nachzudenken beginnt - über den Dekalog und seine Bedeutung in der Zeit der Globalisierung, in der es mehr denn je auf die Moral des Einzelnen ankommt, aber Moral weitgehend ohne religiöse, christliche Grundierung auskommen musste. Dabei festigt sich selbst bei kirchenfernen Philosophen, etwa dem Spanier Fernando Savater, die Überzeugung, dass ohne die jüdisch-christlichen Gebote die Gedanken von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - letztlich auch die Idee der Solidarität - sich nicht hätten entfalten können.

Aus der Mitte einer zutiefst erschütterten Welt mehren sich nun die Anfragen an die Kirchen. Haben sie Rezepte gegen die Angst? Kann der Glaube "Werte" vermitteln? Ja, er kann ein Widerlager gegen den kalten Funktionalismus sein. Und Diakonie an der Gesellschaft. Vorausgesetzt man akzeptiert, dass es den Kirchen nicht nur und zuerst um "Werte" geht. Die Kirchen sind nicht, das bringen sie in ökumenischer Eintracht in den jetzt eröffneten Diskurs ein, der Dienstleister der Gesellschaft, sie sind keine Bundeswerteagentur. Sondern sie haben, wie die Theologen etwas umständlich sagen, den Dienst Gottes an den Menschen präsent zu machen. Die Gottesfrage wach zu halten. Sie ist der Kern der immerwährenden Suche nach Sinn und Halt. Nach dem, was die Menschen trägt, was ihnen Hoffnung gibt - manchmal auch wider alle Hoffnung. Eine Schicksalsfrage, die die großen Denker unserer Zeit nicht kalt lässt. Es wäre falsch, das Wirken der Kirchen auf die Bestätigung des Bestehenden zu reduzieren. Immer habe sie auch die Aufgabe, gibt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch aus Freiburg, zu bedenken, eine Weiterentwicklung der Verhältnisse anzumahnen. So gilt es zwischen Ethos und Religion scharf zu unterscheiden. Natürlich kann auch die "reine Vernunft" des Menschen Werte und Normen für ein humanes Zusammenleben begründen. Doch sie bleiben bedingt.

Unbedingt werden sie nur durch Rückbindung an ein Unbedingtes, eben an Gott. Mit Hans Küng, dem Denker des "Weltethos" gesprochen: Erst die Religion gibt Antwort auf die Frage nach einem letzten Warum und Wozu unserer Verantwortung. Zwischen Religion und Ethos besteht ein komplementäres Verhältnis. Beide Bereiche sollte man deshalb nicht gegeneinander ausspielen. Am ehesten kann auch in den Krisen dieser Tage eine Religion überzeugen, die Menschen auf ein humanes Ethos verpflichtet, und ein Ethos, das offen ist für die Dimension des Religiösen. Das heißt aber auch: Es kann keine Arbeitsteilung geben zwischen einer auf Effizienz bedachten Wirtschaft auf der einen Seite und einer Kirche, die allein für die Schwachen da ist auf der anderen Seite. Das anzunehmen wäre ein fataler Denkfehler.

Gernot Facius, geboren 1942 im Sudetenland, viele Jahre bei der Tageszeitung "Die Welt", zuletzt als stellvertretender Chefredakteur, u.a. verantwortlich für das Ressort "Religion und Gesellschaft" und die Meinungsseite, verheiratet, fünf Kinder, Lehrauftrag Medienwissenschaft Uni Düsseldorf. Autor der Tageszeitung "DIE WELT".

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