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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 25.02.2013

Krise als Gesundheitskiller

Wir dürfen Prävention vor lauter Angst nicht vergessen

Von Vlad Georgescu

Regelmäßige Wirbelsäulen-Gymnastik hilft vor Rückenbeschwerden. (picture alliance / dpa Foto: Tobias Felber)
Regelmäßige Wirbelsäulen-Gymnastik hilft vor Rückenbeschwerden. (picture alliance / dpa Foto: Tobias Felber)

Der Gesamtbereich "Prävention und Gesundheitsschutz" ist innerhalb eines einzigen Jahres um mehr als 700 Millionen Euro geschrumpft. Die Deutschen stellen in der Krise ihre Gesundheit zurück. Das kann teuer werden.

Die Krise macht krank. Existenzängste, Stress am Arbeitsplatz und die Angst vor Arbeitslosigkeit setzen den Menschen zu. Und sogar die bloßen Worte "Staatsschuldenkrise", "Bankenkrise" und "Eurokrise" können in unseren Gehirnen ungesunde Stressreaktionen auslösen. Medizinforscher warnen seit Jahren vor solchen Folgen der Krise – aber die Politik hört weg.

Dabei setzen schon in "normalen Zeiten" Erfolgsdruck, schlechte Stimmung oder gestresste Chefs die Menschen unter Druck. Das hat eine Auswertung der Techniker Krankenkasse demonstriert. Die meisten von uns empfinden die täglichen Nachrichten über Arbeitslosigkeit, labile Finanzmärkte und insolvente Firmen als eigene, existenzielle Bedrohung. Und viele von uns erkranken daran.

Warum das so ist, können Mediziner und Psychologen erklären. Der Organismus reagiert auf Hiobsbotschaften zunächst mit nervöser Anspannung. Dann folgen körperliches Unwohlsein und unkonzentriertes Arbeiten. Die grassierende Angst um den eigenen Arbeitsplatz belastet wiederum das Familienleben. Am Ende werden wir Dank Krise krank.

Das belegt auch eine Studie der DAK. Diese befragte Männer und Frauen über ihre Angst vor Krankheiten. So sank die Furcht vor einer Krebserkrankung deutlich.

Das klingt erst einmal nach einer guten Nachricht. Doch ohne eine Portion gesunder Angst nimmt die Bereitschaft zu Vorsorgeuntersuchungen ab. Ein Blick in die Zahlenkolonnen des Statistischen Bundesamts bestätigt das. Wir geben immer weniger Geld dafür aus, Krankheiten frühzeitig zu erkennen. Der Gesamtbereich "Prävention und Gesundheitsschutz" etwa, ist innerhalb eines einzigen Jahres um mehr als 700 Millionen Euro zusammengeschrumpft. Die Deutschen haben in Zeiten der Krise andere Sorgen als ihr gesundheitliches Wohlergehen.

Bislang tauchen solche Zahlen vor allem in Statistiken auf, politisch werden sie schlichtweg verschwiegen. Die Krise als Gesundheitskiller? Im Superwahljahr 2013 ist das ein politisches Tabu.

Dabei wäre Offenheit dringend angebracht. Weniger Prävention, mehr Erkrankungen, diese Kombination in Zeiten der Krise gefährdet nicht nur unsere Gesundheit. Auch die Volkswirtschaft ist direkt betroffen. Wenn immer mehr Mitarbeiter krank sind, sinkt die Produktivität der Betriebe – und die Kosten steigen. Das wiederum schwächt die Wettbewerbsfähigkeit, und lässt Hoffnungen auf eine dauerhaft starke Konjunktur verblassen. Nicht, weil die Bundesrepublik über zu wenig Wirtschaftspower verfügte, sondern weil die Krise ihren gesundheitlichen Tribut fordert.

Zwar gibt es in Deutschland nach wie vor ein funktionierendes Gesundheitssystem. Spezielle Präventionsmaßnahmen gegen die Folgen von Eurokrise, Arbeitslosigkeit und Existenzangst zählen jedoch nicht zum Repertoire der gesetzlichen Krankenkassen. Und das, obwohl die Alarmsignale unübersehbar sind. Die F.A.Z. stellte in ihrer Online-Ausgabe unlängst fest, dass infolge der Krise ganz Europa bei den Gesundheitsausgaben spart.

Die Politik muss jetzt reagieren. Gegen die gesundheitlichen Folgen der Krise helfen nur spezielle Programme, die deutlich machen: Auch wer Angst vor der Krise hat, darf seine eigene Gesundheit nicht vergessen.

Vlad Georgescu (privat)Vlad Georgescu (privat)Vlad Georgescu, 1966 geboren, studierte Chemie an der TU Hannover und Journalistik an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Er ist freier Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalist und leitet zusammen mit Marita Vollborn seit 2001 das international erscheinende Biotech-Webzine LifeGen.de. Er ist Mitglied der Wissenschaftspressekonferenz (WPK). Gemeinsam mit Marita Vollborn schrieb er "Die Joghurt-Lüge. Die unappetitlichen Geschäfte der Lebensmittelindustrie" und "Kein Winter, nirgends. Wie der Klimawandel Deutschland verändert".

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