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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.04.2007

Krippenplätze als Mittel gegen Bildungsarmut

Allmendinger fordert Ausbau des Betreuungsangebots

Moderation: Christopher Ricke

In der Kinderkrippe (AP)
In der Kinderkrippe (AP)

Jutta Allmendinger sieht in der Schaffung von mehr Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren ein geeignetes Mittel zur Bekämpfung der Bildungsarmut in Deutschland. Wenn Bildung bereits in den Krippen und Kindergärten beginne, fördere das die Chancengleichheit zwischen den sozialen Schichten, sagte die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin.

Christopher Ricke: Die Diskussion über die richtige Familienpolitik läuft mit hohem Tempo weiter. Die Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz beschäftigt sich mit dem Thema. Die Bundesfamilienministerin legt mit einer Tagesmütterinitiative nach. Deutschland macht jetzt die ersten Erfahrungen mit dem Elterngeld. Dieser familienpolitische Aufbruch in Deutschland beschäftigt natürlich auch die Sozialwissenschaftler zum Beispiel am Wissenschaftszentrum Berlin, mit 140 deutschen und ausländischen Wissenschaftlern das größte sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut in Europa. Das WZB hat eine neue Präsidentin, Professor Jutta Allmendinger. Sie kommt zuletzt vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Frau Allmendinger, als Sie auf Ihrem letzten Posten an dem Familienbericht der Bundesregierung mit gearbeitet haben, haben Sie da erwartet, dass die Lehren, die aus diesem Bericht zu ziehen sind, zu einer solchen gesellschaftlichen Diskussion führen?

Jutta Allmendinger: Ich habe es fast befürchtet, weil eigentlich diese gesellschaftliche Diskussion schon vor 20, 30 Jahren hätte stattfinden sollen, aber die Geduld zahlt sich doch manchmal aus.

Ricke: Wir erleben diese Diskussion ja mit verschiedenen Facetten, einmal als Wertediskussion, da stellt sich die Frage, ob die Frau den heimischen Herd einmal verlassen darf, um ein paar Stunden zu arbeiten. Wir erleben sie als Kostendiskussion, da wird darüber diskutiert, wer die Krippenplätze bezahlen soll. Der Bildungsaspekt allerdings kommt bestenfalls an dritter Stelle. Ist das aus Sicht der WZB-Chefin und Soziologieprofessorin die richtige Reihenfolge?

Allmendinger: Für manche Bevölkerungsteile ist das die richtige Reihenfolge. Für viele Bevölkerungsteile ist es die falsche Reihenfolge, weil wir wissen, dass Bildungschancen sehr stark, man könnte fast sagen, vererbt werden, so dass Kinderkrippen für mich tatsächlich vorrangig auch der Bildung der Kinder, unseres Nachwuchses dient, und auf dieser Art und Weise die Bildungsarmut Deutschlands sich hoffentlich reduzieren lässt.

Ricke: Wie erklärt man das den Männern, die glauben, dass mit Kinderkrippen Frauen zu Gebärmaschinen werden?

Allmendinger: Ich weiß gar nicht, ob Männer so dumm sein können, das überhaupt zu glauben.

Ricke: Diese Begrifflichkeit stammt vom Bischof von Eichstätt Walter Mixa, der gesagt, Gebärmaschinen seine da durchaus ein Risiko.

Allmendinger: Das ist mir schon klar, aber der Plural, den Sie eben bei Männern verwendet haben, ist vielleicht doch ein unangemessener, nämlich Frauen sollten doch selbstverständlich gleiche Möglichkeiten haben wie Männer. Mütter sollten gleiche Möglichkeiten haben wie Väter, und die demografische Entwicklung als solche lässt es auch gar nicht mehr zu, jenseits sozusagen des Menschenrechtes von Frauen eine solche Zweiteilung durchzuziehen.

Ricke: Es gibt Frauen, die Karriere machen, mit Familien, dafür gibt es sehr gute Beispiele, die Bundesfamilienministerin ist ein solches Beispiel, Sie, Frau Allmendinger, sind es auch. Was Sie beide verbindet, ist vielleicht die sorgenfreie soziale Herkunft, obere Mittelschicht bis Oberschicht, gute Ausbildung, Erfolg in Beruf und Familie. Und dann erleben wir den UN-Sonderberichtserstatter Vernor Muñoz, der sagt, es gibt in Deutschland keine Chancengerechtigkeit. Ist da die aktuelle Fokussierung auf das Thema Kinderkrippen nicht ein bisschen zu eng?

Allmendinger: Das war meine Antwort vorhin schon, als Sie sagten, Bildung kommt eigentlich an dritter Stelle, und ich sagte, die Bildung der Kinder, die ja natürlich in den Kinderkrippen beginnt, ist eigentlich für mich das neue, das ganz, ganz wichtige Thema. Die Erwerbstätigkeit von Frauen sollten wir mittlerweile wirklich gegessen haben. Aber dass Bildung von Kindern in den Kinderkrippen, in den Kindergärten anfängt, und dass das ein Motor sein kann, und zwar ein ganz, ganz wesentlicher, der höheren Gleichheit im Zugang zu Bildung von Kindern unterschiedlicher sozialen Schichten, das müssen wir uns klar machen, und ich glaube, dann sind die Vorbehalte wesentlich abzubauen.

Ricke: Aber ist denn die Gleichberechtigung am Arbeitsmarkt wirklich schon erreicht? Ich glaube, statistisch ja, die Hälfte aller Beschäftigten sind Frauen, aber mehr Teilzeit- und schlechter bezahlte Jobs. Da stellt sich schon die Frage nach der Henne und dem Ei, was kommt zuerst, die Kinderbetreuung als Voraussetzung für mehr Gleichberechtigung, oder müssen sich die Frauen Gleichberechtigung am Arbeitsmarkt erst erkämpfen, und dann kommt die Kinderbetreuung ganz von alleine?

Allmendinger: Man könnte ja ganz frech sagen, dass ein Grund für den Geburtenrückgang auch jener ist, dass Frauen es satt haben, vor die Wahl des Entweder Oder gestellt zu werden und gesellschaftliche Entwicklungen, auch die Entwicklung der sozialen Sicherungssysteme ihnen eigentlich gar keine andere Wahl lässt als erwerbstätig zu sein. Von daher haben sich Frauen ihre eigenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt erkämpft. Aber jetzt eine ernsthafte Antwort, ich denke, dass der Gende Wage Gap als unterschiedliche finanzielle Absicherungen im Erwerbsleben, aber auch im Rentensystem, ohne eine längere Erwerbszeit von Frauen überhaupt nicht erreichbar ist, und eine längere Erwerbszeit von Frauen ist ohne Kinderkrippen schlichtweg nicht machbar, weil die Unterbrechungen in der heutigen sich sehr schnell ändernden Arbeitswelt nicht mehr kompensierbar sind nach drei Jahren.

Ricke: Das Wissenschaftszentrum Berlin, dessen Präsidentin Sie jetzt sind, hat einen gewissen Ruf bei der angewandten Grundlagenforschung, das Wörtchen "angewandt" zu betonen, aus Anwendungsproblemen wissenschaftliche Lösungen zu entwickeln. Lösungsangebote gibt es ja schon eine ganze Weile. Was manchmal vielleicht etwas fehlt, ist die Bereitschaft der Politik, diese Lösungsangebote auch in die Tat umzusetzen. Wo hängt es denn, wo hapert es zurzeit am meisten?

Allmendinger: Es hapert schon daran in der Tat, dass man auf den Problemfeldern – wir sprechen über das Problemfeld der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wir sprechen über das Problemfeld von Bildung – bestimmte soziale Phänomene seit sehr, sehr langer Zeit bekannt sind, aber dann sich die Hände nicht schmutzig gemacht wird, um dann wirklich auch enormes Geld da rein zu tun, um zu zeigen, dass eine so ausgestalte präventive Arbeitsmarkt-, präventive Sozialpolitik das letztendlich doch billigere Mittel sind, diese Ziele zu erreichen.

Ricke: Ist es wirklich immer nur eine Frage der Kosten?

Allmendinger: Nein, die Kosten sind oft vorgeschoben. Es ist eine Frage des nicht ausreichend selbstbewusst nachhaltigen Handelns, und da fehlt es in Deutschland an tatsächlichen dicken Reformen und natürlich auch an dem Rückgrat, diese Reformen durchzustehen.

Ricke: Wer könnte dieses Rückgrat denn haben?

Allmendinger: Eigentlich ist eine Große Koalition, so wie sie im Moment aufgestellt ist, die Chance für Deutschland, weil wenn Rückgrat, dann müsste es im Moment der Fall sein.

Ricke: Und wie sehr sehen Sie die Chancen, dass es bis zum Ende der Legislaturperiode noch klappt?

Allmendinger: Mit den Kinderkrippen?

Ricke: Zum Beispiel, aber auch mit den anderen Punkten.

Allmendinger: Ja, bei den Kinderkrippen ist jetzt doch ein erstaunliches Momentum schon eingetreten, so dass ich doch hoffe, dass wir zumindest das eingetütet bekommen. Inwieweit man, was den Abbau von Bildungsarmut betrifft oder der Herstellung von Chancengleichheit, da große Sprünge macht, weiß ich nicht, aber zumindest öffnet man sich internationalen Vergleichsstudien und öffnet sich damit auch der Kritik, und Kritik von außen – Sie haben ja einen starken Kritiker eben schon erwähnt – gibt manchmal den Push für Reformen im Inneren.

Interview

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