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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.11.2013

KriminalromanDie schwere Last des Ruhms

Robert Galbraith: "Der Ruf des Kuckucks"

Von Kolja Mensing

Kriminalroman unter Pseudonym: Joanne K. Rowling (dpa / picture alliance / Andy Rain)
Kriminalroman unter Pseudonym: Joanne K. Rowling (dpa / picture alliance / Andy Rain)

Die britische Star-Autorin Joanne K. Rowling schreibt in ihrem Kriminalroman "Der Ruf des Kuckucks" über den mysteriösen Tod eines erfolgreichen Modells - und wählt für die Veröffentlichung ein Pseudonym.

Die Vorgeschichte ist schon mal nicht schlecht: Joanne K. Rowling schreibt in aller Stille einen Kriminalroman und bringt ihn im Frühjahr dieses Jahres unter dem Pseudonym "Robert Galbraith" heraus. Es dauert knapp drei Monate, bis die wahre Identität des Autoren enthüllt wird – und der Roman in die Bestsellerlisten schießt.

Random House Deutschland hat die Rechte von "The Cuckoo‘s Calling" bereits preiswert gekauft und setzt kurzerhand drei Übersetzer daran, um das Buch jetzt pünktlich zum Weihnachtsgeschäft auszuliefern. Keine Angst, es wird ein besinnliches Fest: „Der Ruf des Kuckucks“ ist ein angenehm langsam erzählter Kriminalroman in bester englischer Tradition.

Es beginnt damit, dass das Supermodel Lula Landry aus dem Fenster ihres Penthouses in den Tod stürzt. Psychische Probleme, Drogen und eine kaputte Beziehung: Alles deutet auf Selbstmord hin. Nur der Bruder des Modells glaubt an Mord und beauftragt den abgewrackten Privatdetektiv Cormoran Strike, Ermittlungen anzustellen.

Lektion in Sachen Entschleunigung

Rowling lässt sich Zeit: Strike, "ein humpelnder Mann in einem zerknitterten Hemd", lernen wir nur allmählich besser kennen. Er schläft in seinem Büro, weil er gerade eine schmutzige Trennung hinter sich hat – das erfahren wir gleich. Dass der Detektiv eine Prothese trägt, dass ihm sein Bein bei einem Armee-Einsatz in Afghanistan "weggesprengt" wurde, das wird später nebenbei erwähnt, genau wie die dunkle Familiengeschichte, die ihn im gewissen Sinne mit dem toten Model verbindet: Strike ist der Sohn eines Groupies, das in den Siebzigern an einer Überdosis gestorben ist. Oder – und diese Frage wird keinesfalls überstürzt beantwortet! – hat möglicherweise auch damals jemand nachgeholfen?

Das ist schon irre: Ausgerechnet J. K. Rowling – die Frau, deren Name zu Beginn des 21. Jahrhunderts zum Symbol eines übertakteten Buchmarkts geworden ist – erteilt uns eine Lektion in Sachen Entschleunigung. „Der Ruf des Kuckucks“ ist ein Whodunnit, den man nach geruhsamer Lektüre hinter den Rätselkrimis von Agatha Christie, P. D. James oder Ruth Rendell einsortierten kann.

Mehr darf man allerdings auch nicht erwarten. Wer „Harry Potter“ gelesen hat und sich in Hogwarts auskennt, weiß, dass Joanne K. Rowling zwar eine geradezu unheimliche Begabung dafür hat, phantastische Gestalten „echt“ wirken zu lassen. Umgekehrt – das hatte schon der Flop "Ein plötzlicher Todesfall" gezeigt –  scheint es ihr allerdings schwer zu fallen, gewollt realitätsnahen Figuren fiktiv Leben einzuhauchen.

Erzkonservatives Genre in die Lebenswelt des 21. Jahrhunderts überführt

Das merkt man auch den Menschen an, denen Cormoran Strike jetzt im Zuge seiner Ermittlungen begegnet: Die geldgierigen Rechtsanwälte in der Kanzlei, in der Lula Landrys Bruder arbeitet, haben zum Beispiel ein "strahlend weißes Zähneblecken" und schlafen selbstverständlich mit ihren Sekretärinnen. Der dunkelhäutige Wachmann in Lulas Haus dagegen hat "mandelförmige Augen", spricht mit einem "leicht karibischen Anklang" und beginnt jeden Satz mit "yeah".

Und der Designer Guy Somé – einer der engsten Freunde  der Verstorbenen – ist eitel, schwul und bossy. Das Prinzip wird schnell klar: Lula Landrys Umfeld besteht aus Menschen, deren Klassenzugehörigkeit, Abstammung oder sexuelle Orientierung sie verdächtig macht. So haut das Ressentiment halt rein, wenn das erzkonservative Genre des englischen Landhauskrimis ungebrochen in die urbane Lebenswelt 21. Jahrhundert überführt wird.

Nur ein nicht ganz so guter Kriminalroman

Innerhalb dieser Logik ist es nur konsequent, dass die Medien ebenfalls einen Platz unter den Verdächtigen bekommen: Die "beschissene Meute" der Paparazzi soll mitgeholfen haben, Lula Landry in den Tod zu treiben. Damit ist "Der Ruf des Kuckucks" also auch ein Buch über die Schattenseite des Ruhms im Zeitalter der Massenmedien. Damit kennt J. K. Rowling sich aus, und möglicherweise hätte es sogar ein sehr persönliches Buch werden können.

Dann hätte die bekannteste Autorin der Gegenwart tatsächlich Sand ins Getriebe gestreut – und die rasende Verwertungsmaschine, die weltweit in ihrem Namen rotiert, für einen Moment zum Stillstand gebracht. So ist es einfach nur – ein nicht ganz so guter Kriminalroman.

Robert Galbraith: Der Ruf des Kukucks
Aus dem Englischen von Kristof Kurz, Christoph Göhle und Wulf Bergner
Blanvalet, München 2013, 637 Seiten, 22,99 Euro

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