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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 21.02.2007

Krieg und Kultur

Das schwierige Erbe Preußens

Von Otto Langels

Schloss Sanssouci in Potsdam, Sinnbild für Preußens Glanz und Gloria (AP)
Schloss Sanssouci in Potsdam, Sinnbild für Preußens Glanz und Gloria (AP)

Auch 60 Jahre nach der Auflösung durch die Alliierten wird Preußen in erster Linie als Militär-, Obrigkeits- und Beamtenstaat wahrgenommen. Doch allmählich setzt ein Wandel im Geschichtsbild ein. Preußen war nicht nur ein Hort des Militarismus und Revanchismus, sondern auch ein toleranter Vielvölkerstaat mit einer enormen kulturpolitischen und wissenschaftlichen Entwicklung.

"Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört. Geleitet von dem Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der Völker und erfüllt von dem Wunsch, die weitere Wiederherstellung des politischen Lebens in Deutschland auf demokratischer Grundlage zu sichern, erlässt der Kontrollrat das folgende Gesetz: Der Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden werden hiermit aufgelöst."

Mit dem Gesetz Nr. 46 trug der Alliierte Kontrollrat am 25. Februar 1947 den Staat Preußen endgültig zu Grabe. Zwar waren alle politischen Institutionen längst schon untergegangen, formal bestand das einst mächtigste und größte Land des Deutschen Reiches aber immer noch.
Julius Schoeps, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam:

"Im Rückblick war das die Tötung eines Toten. Preußen war schon längst nicht mehr existent, formal natürlich auf dem Papier. Und insofern hat das eine gewisse Berechtigung gehabt, dass man Preußen von der Landkarte streichen wollte, und das mit einer formalen Erklärung. Aber wenn man berücksichtigt, dass Preußen im Grunde mit dem Nationalsozialismus untergegangen war oder bereits mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus, ist das schon etwas merkwürdig."

Gleichwohl versetzten die Alliierten Preußen gewissermaßen den endgültigen Todesstoß, weil sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Deutschland geopolitisch neu ordnen wollten. Im August 1946 hatte die britische Kontrollkommission Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen zu provisorischen Ländern erklärt und damit de facto alte preußische Strukturen zerschlagen. Mit dem Gesetz vom 25. Februar 1947 war die Neubildung formalrechtlich vollzogen. Gleichzeitig erhielten in Ostdeutschland die Provinzen Brandenburg und Thüringen Länderstatus – wie bereits zuvor Mecklenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Die Auflösung Preußens, pikanterweise im Gebäude des ehemaligen preußischen Kammergerichts in Berlin beschlossen, wo in der NS-Zeit der berüchtigte Volksgerichtshof Todesurteile verkündet hatte und seit 1945 der Alliierte Kontrollrat zusammenkam, die Auflösung Preußens war der letzte Akt eines langen Prozesses, der bereits viel früher eingesetzt hatte. Die Historikerin Bärbel Holtz von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften:

"Andere setzen das erste Ende von Preußen schon mit dem 18. Januar 1871 an, nämlich mit der Proklamation des deutschen Kaiserreiches, wo der damalige preußische König Wilhelm I., der ja dann der erste deutsche Kaiser war, gesagt haben soll: Das ist das Ende von Preußen."

Im Deutschen Reich besaß Preußen als Territorialstaat mit etwa zwei Dritteln der Gesamtfläche Deutschlands besonderes Gewicht. Aus dem Land der Hohenzollern wurde nach 1918 eine Stütze der Weimarer Republik – bis die Reichsregierung im Juli 1932 gegen das sozialdemokratisch geführte preußische Kabinett vorging.
Reichskanzler Franz von Papen erklärte am 20. Juli 1932:

"Mit dem heutigen Tage bin ich durch den Herrn Reichspräsidenten zum Reichskommissar für Preußen bestellt worden. In dieser Eigenschaft habe ich auf Grund der mir erteilten Vollmachten den bisherigen preußischen Ministerpräsidenten Braun und den preußischen Minister des Inneren Severing ihrer Ämter enthoben."

Holtz: "Preußen ist ja lange Zeit von einer demokratischen Regierung regiert worden. Unter Otto Braun hat es große demokratische Traditionen und tatsächlich auch Leistungen erbringen können. Aber im Juli 32 auf Grund auch der Wahlen, die vorher stattgefunden haben, war diese Regierung nicht nur in Frage gestellt, sondern letztendlich abgewählt worden. Da begann im Prinzip der Niedergang des demokratischen Preußens. Preußen wurde, wenn man so will, von Hitler abgesetzt und dadurch auch schlagartig beseitigt in diesem so genannten Preußenschlag oder Papenputsch, wie man ihn auch nennt. Und damit fing, wenn man so will, das letzte Ende von Preußen an."

Preußentag: "Die große Stunde der Selbstbesinnung der deutschen Nation an der heiligen Stätte des Preußentums ist beendet. Der Geist dieser Stätte wird seine unsterbliche Kraft erweisen in dem Aufbauwerk, das die nationale Regierung erfüllen wird. Hier hat Adolf Hitler diese Arbeit symbolisch begonnen, hier hat er der Welt gezeigt, dass Gott, der große Alliierte Friedrichs, bei Deutschland ist, weil Deutschland wieder mit Gott sein will."

Der "Tag von Potsdam" am 21. März 1933, von den Nationalsozialisten inszeniert als "Tag der nationalen Erhebung". Dem deutschen Volk sollte vor preußischer Kulisse ein grandioses Schauspiel voller Symbolik geboten werden: Das Spektakel fand in der Potsdamer Garnisonskirche statt, vor den Särgen Friedrichs des Großen und seines Vaters. Die nationalsozialistische Bewegung in Gestalt des erst kurze Zeit amtierenden Reichskanzlers Adolf Hitler demonstrierte Übereinstimmung mit den preußischen Traditionen, verkörpert durch den Feldmarschall des Ersten Weltkriegs, den greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg.
Zum Tag von Potsdam druckten die Nazis eine Postkarte. Sie zeigt die Köpfe Friedrich des Großen, Bismarcks, Hindenburgs und Hitlers und ist mit dem Spruch versehen:

"Was der König eroberte, der Fürst formte, der Feldmarschall verteidigte, rettete und einigte der Soldat."

Zwei Tage später ebnete das NS-Regime mit dem Ermächtigungsgesetz den Weg in die Diktatur. Den preußischen Staat führte Hermann Göring.

"Hier hat sich 14 Jahre lang das rote System breit gemacht und häuslich eingerichtet, das alte preußische Beamtentum zerstört und die rote Bonzenwirtschaft aufgerichtet. Ich werde mit eisernem Besen auskehren. In mühsamem Ringen will ich wieder das alte, bewährte preußische Beamtentum festigen, das einst wegen seiner vorbildlichen Pflichttreue das beste und erste der Welt genannt wurde."

Holtz: "Das Ende Preußens, das mag komisch klingen, kann so richtig gar nicht datiert werden. Wir finden kein Datum, wo wir sagen können, bis dahin hat es eine preußische Regierung gegeben. Die preußische Regierung, das Staatsministerium, zum Schluss als Ministerrat bezeichnet, hat bis zum Mai 1938 beispielsweise getagt, ist zusammengetreten, um zu beraten. Göring, das ist bekannt, war der preußische Ministerpräsident. Aber letztendlich war er ein Ministerpräsident ohne Land, ohne Staat und ohne Regierung."

Die demokratische Seite Preußens, wie sie in der Weimarer Republik zum Beispiel der sozialdemokratische Ministerpräsident Otto Braun und sein Innenminister Carl Severing repräsentierten, verblasste nach dem Zweiten Weltkrieg. Lange Zeit prägten die fatale Ausstrahlung Görings als Preußischer Ministerpräsident und der Tenor des alliierten Auflösungsgesetzes Preußens Bild als Hort des Militarismus und der Reaktion.
1947 versuchten zum Beispiel junge Antifaschisten in Potsdam einen alten Sarg in der Havel zu versenken, der die Aufschrift trug:

"Hier ruhen die letzten Hoffnungen der Kriegsbrandstifter auf einen alten Geist von Potsdam."

Der Sarg aber wollte in dem Fluss nicht untergehen. Man hatte wohl die physikalischen Gesetze ignoriert.
1951 ließ die DDR-Regierung das Stadtschloss in Berlin als Rudiment preußischer Herrschaft sprengen. Die Beseitigung des Stadtschlosses und der Garnisonskirche in Potsdam folgten in den 60er Jahren.

Preußen als Kriegstreiber zu apostrophieren, war jahrzehntelang populär. Und auch heute noch beschreiben Wissenschaftler das Land als Militär-, Obrigkeits- und Beamtenstaat. So der Bielefelder Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler und der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler während einer Podiumsdiskussion in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften:

Wehler: "Es ist Kriegsstaat auf der einen Seite, noch behutsam unter dem Großen Kurfürsten und dem Soldatenkönig, dann ein exzessives Vabanquespiel unter Friedrich den Großen. Erfolge wieder im Bürgerkrieg 48 und den Einigungskriegen, und dann sozusagen die Spätfolgen preußischer Disziplin und Ordnung in der Schlagkraft der Wehrmacht. Insgesamt in meinen Augen verhängnisvoll, diese preußische Kriegs- und Militärtradition. Und ganz getrennt davon muss man diskutieren preußische Kultur. Und die ist keine Kriegskultur, ist keine kriegerische Kultur. Sie besteht in einer getrennten Sphäre daneben."

Münkler: "Wenn man einen Vergleich macht, hat Preußen von den europäischen größeren Mächten relativ wenig Krieg geführt. Das erscheint uns so, dass Preußen viele Kriege geführt hat. Aber wenn man Frankreich daneben stellt oder Großbritannien, England, die ja die Kolonialkriege mit in ihre Rechnung aufnehmen müssen, oder auch Österreich, das auf dem Balkan eigentlich permanent Krieg führte, ist Preußen ein Staat, der in der Summe nicht so viele Kriege führte. Die Kriege, die Preußen führt, sind allerdings andere Kriege, nicht-symmetrische Kriege von einer ungeheuren Intensität und Wucht. Deswegen haben sie sich vielleicht auch in die Erinnerung so tief eingegraben."

Die Charakterisierung Preußens als Militärstaat sei zutreffend, meint Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Aber es gebe auch demokratische, kulturelle und zivilisatorische Traditionen.

Lehmann: "Das Kontroverse wird so deutlich akzentuiert, weil es glaube ich niemals in der Geschichte eines Territorialstaates die Situation gegeben hat, dass ein Staat auf ein Dekret der Siegermächte total ausgelöscht wird. Und der massive Vorwurf gemacht wird, Preußen ist der Hort des Militarismus und Revanchismus. Und alle diese Vokabeln sind auf Preußen projiziert worden. Deshalb ist diese Gegensätzlichkeit so konstruiert worden. Ich glaube, dass diese zwei Gesichter Preußens nicht getrennt gesehen werden können."

Holtz: "Halten Sie sich einfach vor Augen, dass Preußen aus einem Randgebiet am Heiligen Römischen Reich deutscher Nation zu einem europäischen Staat geworden ist von unheimlicher auch machtpolitischer Größe, und zwar in einer immens kurzen Zeit. Und dieser kurze und schnelle Aufstieg, dem folgte ein ebenso rasanter Abstieg und ein Verfall beziehungsweise Untergang. Und das alleine ist sicherlich schon etwas, was Leute fasziniert beziehungsweise Fragen stellen lässt."

Die Experten - wie Bärbel Holtz - sind sich heute weitgehend einig, dass Preußen zwei Gesichter hatte. Preußen war ein janusköpfiges Gebilde, ein Militär- und ein Kulturstaat.

Holtz: "Es machte eine enorme kulturpolitische und wissenschaftspolitische Entwicklung durch. Ich erinnere nur an die vielen Nobelpreisträger, die seit der Jahrhundertwende vorwiegend aus Preußen kamen, wenn es deutsche Nobelpreisträger waren. Aber ich erinnere auf der anderen Seite natürlich an die zurückgebliebene Parlamentarisierung und Demokratisierung, die dann durchschlug auf die Gesellschaft und letztendlich auch das Bild Preußens völlig verschob eben in diese negative Sicht, so dass es dann auch tatsächlich als ein rückständiger Staat mit rückständiger politischer Mentalität bezeichnet werden musste, sicherlich nicht linear zum Nationalsozialismus geführt hat, aber natürlich Mitverantwortung zu tragen hat."

Lehmann: "Mein Punkt ist, dass letztlich die Möglichkeiten, die Preußen gerade in der Zeit Friedrichs des Großen aufgebaut hat, die Dinge, die letztlich auch die Kunst und Kultur befördert haben, die den Toleranzgedanken hatten, die auch Leute in das Land brachten, ihre Kultur mitbrachten, die Dialogfähigkeit hatten, die haben etwas mit beidem zu tun, mit der Ausdehnung des Landes und einer Großmacht, die eben auch auf kriegerischen Aktionen beruht, aber gleichzeitig auch mit einer sehr klaren Grundlage, dass dieser Staat nur über Kultur und Kunst sich auch wirklich definieren kann."

Lange Zeit fanden die Verdienste Preußens als Kulturstaat wenig Beachtung. Namen wie Kant, Hegel, Humboldt, Hardenberg, Leibniz oder Planck stehen für große wissenschaftliche und kulturelle Leistungen.

Lehmann: "Die Sammlungen der großen Museen, ob das die Kunstmuseen, die archäologischen, die ethnologischen Museen sind, sind im Grunde ein preußisches Produkt. Denn in diesem Fall war Preußen in der Folge der Aufklärung und des Idealismus, also Beginn des 19. Jahrhunderts, ein Staat, der durch den tiefen Fall des Verlusts seiner Identität bei den napoleonischen Kriegen plötzlich eine Aufbruchstimmung angenommen hat und eine Wissenschaft und eine Kunst-Begeisterung entfachte - die Reformen waren ja beispielhaft für ganz Europa - dass das 19. Jahrhundert wirklich das entscheidende Jahrhundert für unsere Sammlung gewesen ist. Und dann kam eben noch hinzu in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass die wirtschaftlichen Vorbedingungen so grandios waren, dass eine Gründerzeit kam, wo die Großbürger und die großen Unternehmen eine richtige Chance hatten, sich in einem Feld zu emanzipieren, was der Staat so nicht besetzt hatte, nämlich in der Kunst."

Die Museen und Bibliotheken Berlins, die Klaus-Dieter Lehmann als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verwaltet, sind eine Hinterlassenschaft des Staates Preußen. Dies spiegelt sich nicht nur im Namen, sondern auch in der Organisationsform.

Lehmann: "Als das Deutsche Reich gegründet worden ist, hatte ja Preußen als Territorialstaat den höchsten Anteil. Man hat aber nie vollzogen, dass man eine Zentralregierung gegründet hat, sondern die Kultur war auch im Deutschen Reich immer föderal verfasst. Trotzdem war Preußen mit seiner wirtschaftlichen und politischen Macht bestimmend auch für die nationale Kulturpolitik. Die Situation dann nach 47, das heißt also nach dem Totenschein der Alliierten für Preußen, war dann so, dass man eine erstaunliche Form gefunden hat."

1957 wurde in der Bundesrepublik die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegründet. Zunächst folgte ein jahrelanger Streit um Zugehörigkeit und Zuständigkeiten, bis Bund und Länder sich schließlich einigten, den Preußischen Kulturbesitz als gesamtstaatliche Aufgabe tatsächlich wahrzunehmen.
Anders sah es dagegen in der DDR aus.

Lehmann: "Die entsprechenden Sammlungen, also insbesondere war das die Museumsinsel und die deutsche Staatsbibliothek Unter den Linden, waren direkt dem Ministerium für Kultur zugeordnet, also eine zentrale Zuordnung und Eingliederung in die DDR-Struktur."

Nach der deutschen Einheit wurden die verschiedenen Sammlungen wieder zusammengeführt, auf der Grundlage des Stiftungsgesetzes von 1957.

Lehmann: "Insofern ist ein Jahr nach der Vereinigung, also im Jahr 1991, ist der Zugang der ostdeutschen Länder als Teil der Stiftung beschlossen worden, so dass wir faktisch heutzutage eine nationale Einrichtung sind, wenn man national als eine gesamtstaatliche, nämlich Bund und 16 Länder, ansieht."

Eine weitere Institution mit preußischen Wurzeln ist die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, 1992 durch einen Staatsvertrag der beiden Bundesländer ins Leben gerufen. Sie steht in der Tradition der von Gottfried Wilhelm Leibniz im Jahr 1700 konzipierten und als Preußische Akademie der Wissenschaften bekannt gewordenen Gelehrtenstätte. Über 70 Mitglieder erhielten den Nobelpreis und sorgten für weltweites Ansehen.
Bärbel Holtz arbeitet an der Akademie in einer Forschungsgruppe, die die Rolle Preußens als Kulturstaat untersucht.

Holtz: "Da wissen wir, das zum Beispiel das preußische Volksschulwesen in den 1830er Jahren für Frankreich zum großen Vorbild gewählt worden ist und französische Staatsbeamte hierher gekommen sind, um genau das Modell und die Strukturen des preußischen Volksschulwesens zu studieren und dann zu empfehlen, diese Modelle doch auch in Frankreich zu etablieren. Wir wissen heute, dass Staatsbeamte Preußens nach England gegangen sind, nach Japan gegangen sind und dort ihre Erfahrungen im Aufbau von Wissenschafts-, politischen Strukturen oder eben von bildungspolitischen Strukturen mitgebracht haben."

Das Forschungsprojekt an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ist eine Ausnahme. Ansonsten besteht in Deutschland erstaunlicherweise kein großes Interesse, sich mit der Geschichte Preußens auseinander zu setzen.

Holtz: "Wenn man an die wissenschaftliche Seite denkt, muss man heute feststellen, dass vor allem die beiden Kernländer, die einstigen Kernländer Berlin, Brandenburg sich sicherlich besser oder stärker um diese Belange preußischer Geschichte kümmern könnten und auch kümmern sollten. Wir haben in der heutigen Zeit keinen einzigen Lehrstuhl in der berlin-brandenburgischen Universitätslandschaft, der sich in irgendeiner geeigneten Weise mit preußischer Geschichte beschäftigt. Wir haben kein staatliches preußisches Museum, wir haben keine Institute, die sich hauptsächlich oder speziell mit der Geschichte Preußens beschäftigen."

Das Desinteresse überrascht umso mehr, als es sich bei dem Forschungsgegenstand nicht um einen der vielen einstigen unbedeutenden deutschen Kleinstaaten handelt, sondern um ein Land, das von Königsberg bis Aachen, von Flensburg bis an den Main reichte. Zum Vergleich: An den bayerischen Universitäten gibt es mindestens fünf Lehrstühle zur eigenen Landesgeschichte.

Lehmann: "Den Einschnitt, den wir nach dem Krieg erlebt haben, mit dieser Verdammung Preußens, hat eigentlich dazu geführt, dass sich kaum jemand mit Preußen beschäftigt hat, weder die Politik noch die Wissenschaft. Das setzte erst sehr, sehr viel später ein. Das liegt sicher an zwei Gründen: einmal die westdeutsche Republik, also die alte Bundesrepublik hatte kein unmittelbares Interesse. Und die Staatslenker damals waren eher dem Rheinischen verhaftet oder dem Süddeutschen, aber sicher nicht dem Preußischen. Es gab also keinen unmittelbaren Anlass, zumal ein Großteil der Territorien verloren war. In der DDR fand Preußen - gleichgesetzt mit Junkertum – auch keine Behandlung. Dann kam so allmählich also 81 die erste Preußen-Ausstellung, die hat die ersten wissenschaftlichen Publikationen überhaupt erst gebracht. Und in der DDR hatte man so den Eindruck, man könnte vielleicht etwas aus der Identität von Preußen sehr selektiv herausziehen, ob das nun Clausewitz war und Befreiungskriege, aber das war sehr ideologisch."

"Hoch verehrter Ehrengast, Vizeministerpräsident und Innenminister des Landes Preußen, eh Entschuldigung, Brandenburg. Gemeinsam lassen Sie uns bekunden, dass Preußen als bleibende Idee lebt und unser Vaterland nichts dringender braucht als eben diese Idee. Für unser Vaterland wünsche ich mir, dass sich führende Politiker unseres Landes endlich mehr von diesem preußischen Gedankengut leiten lassen."

Neujahrsempfang der Preußischen Gesellschaft in einem Hotel am Berliner Gendarmenmarkt, dem "philosophischen Herzstück" Preußens mit dem französischen und dem deutschen Dom, wie der Präsident der Gesellschaft, Volker Tschapke betont.
Im brandenburgischen Wustrau führt der Inhaber Besucher durch sein privates Preußen-Museum. In Berlin wurde 1996 die Preußische Gesellschaft gegründet. Sie zählt gegenwärtig 175 Mitglieder, veranstaltet Vorträge und Diskussionen, veröffentlicht Publikationen zur preußischen Geschichte und lädt zu Empfängen, wo der preußische Defiliermarsch erklingt und manche Gäste in alten Militäruniformen erscheinen.
In den Zielsetzungen des Vereins heißt es:

"Die Preußische Gesellschaft widmet sich der Aufgabe, in Zeiten eines allgemeinen Werteverfalls und zunehmender Orientierungslosigkeit in der Gesellschaft preußisch-friderizianisches Gedankengut und preußische Tugenden zu bewahren und zu pflegen. Die Preußische Gesellschaft tritt dafür ein, dass Deutschland wieder als Vaterland begriffen wird, dem zu dienen Ehre ist. Verantwortung, Pflichtbewusstsein, Toleranz und Ethik sollen ihren hohen Stellenwert als moralische Kategorien zurück erhalten, Sparsamkeit und Genügsamkeit als erstrebenswerte Tugenden gelten."

Tschapke: "Ich erachte es täglich mehr für wichtig, dass wir uns an diese guten Wurzeln in unserem Volk, in unserem Staat, in unserer Gesellschaft erinnern und sie vor allen Dingen wieder praktizieren, diese preußischen Tugenden."

Aber es waren eben auch jene Tugenden wie Opferbereitschaft und Pflichtbewusstsein, die den Untertanengeist in Preußen beförderten. Und der berühmte Satz Friedrich II., alle Religionen müssten toleriert und ein jeder nach seiner Fasson selig werden, dieser Toleranzbegriff galt nur für christliche Religionen. Für Juden gab es das berüchtigte Reglement von 1750, das der französische Schriftsteller Mirabeau eines Kannibalen würdig nannte.
Der Präsident der Preußischen Gesellschaft, Volker Tschapke, singt freilich nicht nur ein Loblied auf die preußischen Tugenden, er möchte auch einem Bundesland den Namen Preußen verleihen, eine Idee, die bereits Anfang der 90er Jahre aufkam, hierzulande aber keine große Resonanz fand.

Tschapke: "Selbstverständlich sind wir für eine Wiederbenennung einer Länderkonfiguration Berlin-Brandenburg, dem auch wieder den Namen Preußen zu geben, weil wir als Souverän eines freiheitlich-rechtstaatlichen, demokratischen Staates Deutschland feststellen dürfen, dass dieses Kontrollratsgesetz Nr. 46 aufgehört hat zu existieren, seitdem wir wieder souverän sind."

Die Diskussion um ein Bundesland Preußen sorgte in Polen bereits für einiges Aufsehen. Empörung löst jedoch im Nachbarland in den letzten Jahren eine von Vertriebenenverbänden gegründete Gesellschaft aus, die unter dem Namen Preußische Treuhand um die Rückgabe von Grundstücken in ehemals ostdeutschen Gebieten kämpft und damit die mühsam errungene Freundschaft zwischen Deutschland und Polen gefährdet.

Wenn es nach dem Willen der Preußischen Gesellschaft geht, soll es nicht nur ein Bundesland Preußen geben, sondern auch die Stadtschlösser in Berlin und Potsdam als machtvolle Zeichen der Hohenzollern-Herrschaft sollen wieder in altem Glanz erstrahlen. Verschiedene Vereine und Prominente unterstützen die Idee, und der Deutsche Bundestag hat mehrheitlich beschlossen, das Schloss in der Mitte der Hauptstadt wieder aufzubauen. Aber die Vorhaben stoßen auf ein geteiltes Echo. Geht es um die Rekonstruktion vorbildlicher Architektur und die Wiederherstellung der alten Stadtbilder oder um die Wiederbelebung von preußischem Glanz und Goria?

Schoeps: "Es sind Reminiszenzen an Preußen, aber ob das der richtige Weg ist? Ich habe große Zweifel, denn die Rekonstruktion von Schlössern, 1:1, wie es einmal gewesen ist, das halte ich für ein Armutszeugnis. Ein Armutszeugnis auch für eine ganze Generation von Architekten heute, die ja auch bestimmte Vorstellungen haben, wie man mit Geschichte umgeht."

Lehmann: "Ich glaube, dass wir sicher nicht in die Tradition des Imperialen eintreten. Das wäre auch falsch. Aber dass wir in eine preußische Tradition eintreten, dass dieser Schlossplatz nicht ein Platz ist, der für irgendeine Stadtteilaktivität da ist, sondern ein hochpolitischer Platz, davon bin ich überzeugt."

Auch ohne die Stadtschlösser in Berlin und Potsdam sind die Spuren der preußischen Herrscher heute noch weithin sichtbar: Eine Stiftung verwaltet die zahlreichen preußischen Schlösser und Gärten in Berlin und Brandenburg, von Charlottenburg bis Sanssouci, von Rheinsberg bis Oranienburg.

Neben dem materiellen Erbe, das es zu bewahren gilt, existiert ein geistiges Erbe, das – wie manche Preußen-Experten meinen, für die Zukunft Europas wegweisend sein könnte. Denn Preußen war ein multiethnischer Staat, in dem unterschiedliche Bevölkerungsgruppen wie Polen, Hugenotten, Niederländer, Pommern, Schlesier und Westfalen als preußische Staatsbürger zusammenlebten. Um die unterschiedlichen Interessen auszugleichen, bedurfte es einer großen politischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Integrationsleistung. Der preußische Vielvölkerstaat sei diesbezüglich mit der Europäischen Union heute vergleichbar, meint Klaus-Dieter Lehmann.

Lehmann: "Preußen war nie ein Nationalstaat, und man sollte vielleicht an der Stelle anfangen, dass Preußen ein Staat war, der viele Völkerschaften hatte und aufgenommen hat und der sich in der Lage gesehen hat, mit diesen Grundlagen auch die unterschiedlichen Interessen auszugleichen. Das könnte ein europäisches Modell sein."

Noch in einem anderen Punkt könnte dem preußischen Staatswesen Vorbildfunktion zukommen. Über den Wert so genannter preußischer Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Ordnung, Sparsamkeit oder Genügsamkeit im menschlichen Zusammenleben lässt sich streiten. Als Kategorien staatlichen Handelns mißt ihnen der Politologe Herfried Münkler große Bedeutung zu.

Münkler: "Wir befinden uns ja heute in einer Epoche, in der der Begriff des Staatsversagens und des Staatsuntergangs eine der großen Herausforderungen für Politik markiert. Dann ist der Entwicklungspfad Preußen möglicherweise gar nicht mehr so uninteressant für eine Reihe von Ländern, um aus ihren Dilemmata herauszukommen, also die Beobachtung des Scheiterns vieler Staaten an korrupten Eliten. Nun will ich nicht sagen, dass die preußischen Eliten prinzipiell korruptionsresistent gewesen sind. Aber sie sind es auf Grund eines spezifischen Dienstethos‘, den man gerne so manchem Staat der armen Welt - früher hätte man gesagt, der dritten Welt - wünschen würde, und in dem Maße, in dem wir das als eine der großen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts wahrnehmen könnte es sein, dass Preußen auch in seinem Entwicklungsweg nicht nur von historischem Interesse ist, sondern möglicherweise als Pfad nicht uninteressant, natürlich mit dem Ziel, ganz bestimmte Katastrophen zu vermeiden. Aber daraus lernt man ja auch."

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