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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.08.2010

Krieg und Frieden an der Donau

In Ulm zeigt das serbische Kulturministerium eine Ausstellung über Festungen entlang der Donau

Von Thomas Wagner

Serbien will künftig stärker mit anderen Donau-Anrainerstaaten zusammenarbeiten - hier Budapest in Ungarn.  (AP Archiv)
Serbien will künftig stärker mit anderen Donau-Anrainerstaaten zusammenarbeiten - hier Budapest in Ungarn. (AP Archiv)

Serbische Festungen werden zunehmend als Veranstaltungsorte genutzt. Dieses Stück kultureller Normalität will das serbische Kulturministerium mit der Ausstellung "Der Weg der Kultur - Festungen der Donau" in Ulm präsentieren.

Während vom bayrischen Ufer der Donau Balkan-Klänge herüberschallen, stoßen die Passanten auf baden-württembergischer Seite auf großformatige Fotos, Skizzen und Schrifttafeln.

"Ich sehe, dass es eine alte Burganlage ist, die von den Türken erbaut wurde. Und ich habe gelesen, dass die Türken sie erst im 19. Jahrhundert wieder verlassen haben. Das ist interessant für mich. Die Mutter meiner Frau kam aus Ungarn, vom Plattensee."

Insofern hat Horst Weber aus Ulm einen persönlichen Bezug zu Südosteuropa und damit auch zu jenen Plakaten, die unter freiem Himmel vor ihm direkt am Ufer der Donau nach oben ragen. Darauf zu sehen: Die sich auf einer Anhöhe länglich dahinziehende, durch Türme abgerundete riesige Festungsanlage Belgrads.

Die ersten Anfänge reichen bis in die Römerzeit zurück. Im 9. Jahrhundert siedelten sich die Slawen an. 1521 wurde Belgrad von den Türken erobert, die ihrerseits 1717 von den Österreichern vertrieben wurden, 1739 aber Belgrad wieder zurückeroberten. Im 19. Jahrhundert gewannen die Slawen die Oberhand.

Die Burg über Belgrad - eine Festung mit wechselvoller Geschichte. Und das spiegelt sich auch in der Konstruktion der Anlage wieder. Die Kulturwissenschaftlerin Alexandra Salamurovic stammt aus dem serbischen Novi Sac und hat an der Universität Jena promoviert:

"Diese Festung hat sogar einen typisch osmanischen Bestattungsort in der Festungsanlage, wo ein osmanischer Herrscher einfach begraben wurde, weil er da an der Festung ums Leben gekommen ist. Wir sagen dazu 'Turbe'. Das ist dieser Bestattungsort, wie eine Kapelle. Man muss sich das als eine Kapelle nur halt muslimischer Ausrichtung vorstellen. Und das ist mittendrin in der Festungsanlage in Belgrad."

Solche bautechnischen Details erzählen heute von Krieg und Frieden, von Siegen und Niederlagen entlang der Donau. Insofern sind die Festungsanlagen steinerne Zeugen der Geschichte quer durch die Jahrhunderte. Aber schon ihre Existenz an sich macht deutlich, dass es im Donauraum in den vergangenen Jahrhunderten eher weniger friedlich zuging.

Festungen dienten zum einen der militärischen Verteidigung, zum anderen aber sollten sie durch ihre mächtigen Türme den Nachbarn, den Gegner imponieren. Insofern stärkten sie auch das Selbstbewusstsein der jeweiligen Nation, in diesem Fall Serbiens - und dies bis zum heutigen Tag.

Denn längst noch nicht vergessen sind die Schlagzeilen über den Kosovo-Krieg, bei denen Serbien seinerzeit nicht eben gut wegkam. Das gab auch allgemeinen Vorurteilen gegen 'die Serben' Vorschub - Vorurteile, denen das serbische Kulturministerium mit der laufenden Ausstellung ein Stück kultureller Normalität entgegensetzen möchte. So jedenfalls beschreibt Nebojsa Bradic, serbischer Kulturminister, das Ziel:

"Wir haben immer noch mit genügend Vorurteilen aus der jüngeren Geschichte zu kämpfen. Und manchmal scheint es, Serbien sei so etwas wie ein 'Schwarzes Loch', über das die Leute wenig wissen, außer diesen Kriegsschlagzeilen. Und das ist schade.

Denn wenn Sie selbst nach Serbien kommen, dann erkennen sie: Wir haben ein reichhaltiges kulturelles Leben. Die Leute verhalten sich ganz normal, gehen in Restaurants, gehen ins Theater, in Konzerte. Diese Ausstellung ist ein Teil unserer Bemühungen, Serbien auch als Kulturnation nach außen darzustellen. Und wir hoffen, dadurch alte Vorurteile aufzubrechen und neue Verbindungen zu kultureller Zusammenarbeit mit anderen Nationen zu schaffen."

Dabei vermag der Minister über jede der ausgestellen Festungsanlagen der Donau spannende Geschichten zu erzählen - zum Beispiel über die Burg von Smederevo. Die erscheint in der Ausstellung als riesige Ruine. Nur die Mauern stehen noch - und auch die sind merkwürdig schräg nach außen geneigt. Nebosja Bradic:

"Da gab es eine gewaltige Explosion im Zweiten Weltkrieg. Die Deutschen, seinerzeit Verbündete von Ex-Jugoslawien, hatten in der Festungsanlage riesige Mengen an Dynamit gelagert. Durch ein folgenreiches Unglück explodierte all dieser Sprengstoff. Das hatte solch eine Gewalt, dass die Festung dabei weitgehend zerstört wurde. Über 1000 Leute kamen dabei ums Leben."

Die auseinanderberstenden mächtigen Mauern bieten heute die einzigartige Kulisse für ein riesiges Freilufttheater.

"Wir haben dort eine Art neues Theaterfestival etabliert. Wir nennen es Festungs-Theater. Wir haben damit erst im vergangenen Jahr begonnen. Und das hat etwas Symbolhaftes: Diese alte, mächtige Festungsanlage aus dem 15. Jahrhundert gibt heute die Kulisse ab für einen kulturellen Treffpunkt, an dem Interessierte aus allen Donau-Anrainerländern teilnehmen."

Und dies ist nur ein Beispiel dafür, dass serbische Festungen entlang der Donau zunehmend als Kulissen für Kultur genutzt werden.

Dies soll, wenn es nach dem serbischen Kultusminister Nebosa Bradic geht, zukünftig immer häufiger im Einklang mit den anderen Donau-Anrainerstaaten geschehen. Festungsanlagen ragen schließlich auch am ungarischen, am rumänischen und am bulgarischen Donauufer empor.

"Wir könnten doch gemeinsam eine Art 'Kulturpfad' entwickeln - entlang an den historischen Zeugen der Donau, entlang an den alten Festungsanlagen. Das könnte die Initialzündung sein zu einer Reihe weiterer Aktivitäten - Festivals, Ausbildung, Tourismus.

Da ließe sich einiges entwickeln, zu unserem gemeinsamen Nutzen. Schon heute sind ja verschiedene Nationen beteiligt beispielsweise am Exit-Festival rund um die Festung Novi Sac oder am Theaterfestival in Smederevo."

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