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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 21.11.2014

KrebsvorwurfMilch als Gift? Von wegen!

Wie ein Grundnahrungsmittel zu einem Gefahrstoff erklärt wird

Von Udo Pollmer

(Julian Stratenschulte/dpa)
Forscher untersuchen Milch im Labor (Bild: Julian Stratenschulte / dpa) (Julian Stratenschulte/dpa)

"Die Milch macht’s", hieß ein Slogan aus jener Zeit, als Fleisch noch ein Stück Lebenskraft war. Inzwischen tauchen Parolen auf wie "Milch, das tödliche Gift". Doch diese Losung ist weit von der Wahrheit entfernt.

Die Milch hat's nicht leicht. Erst wird sie in der Molkerei mit modernsten Techniken solange bearbeitet, bis sie als haltbare Magermilch in den Regalen landet. Und dann gerät sie auch noch ins Visier der Ernährungsexperten. Doch nicht am fehlenden Fett entzündet sich die Kritik, sondern am Original: Zahlreiche Schriften und Internetvideos verkünden, dass frische Milch das giftigste aller Lebensmittel sei, ja, dass sich der ahnungslose Milchtrinker damit den Krebstod direkt einverleibe. An sich ist der Vorwurf nicht besonders originell, denn damit müssen alle nahrhaften Lebensmittel wie Bratkartoffeln, Rotwein oder Schinkenbrötchen leben. Die Milch befindet sich also in guter Gesellschaft.

Den Krebsvorwurf verdankt sie dem Umstand, dass sich darin Hormone nachweisen lassen. Sie stammen aus dem Stoffwechsel des Rindes. Bekanntlich finden sich in allen tierischen Geweben Hormone. Denn damit wird der Körper von Tier und Mensch gesteuert. Probleme verursachen diese Hormone in der Milch ebenso wenig wie im Fleisch – einfach weil sie stets in physiologischer Dosis vorliegen, zweitens weil sie im Verdauungstrakt schnell abgebaut werden und drittens weil der eigene Körper sowieso täglich wesentlich mehr davon produziert als in tierischer Nahrung enthalten ist.

Auch Pflanzen produzieren Hormone

An Tieren lässt sich dennoch beobachten, dass Probleme mit Hormonen im Futter gar nicht so selten sind. Aber nicht durch tierische Rohstoffe wie Molke, sondern durch pflanzliches Futter. Viele Pflanzen, wie beispielsweise Klee, produzieren gezielt Hormone, um sich damit zu schützen. Manche dieser Hormoncocktails machen die Tiere unfruchtbar, andere verderben ihnen den Appetit und wieder andere sorgen für Arteriosklerose. Weil pflanzliche Hormone derart wirksam sein können, nutzt man sie zur Herstellung der Antibabypille. Grundlage sind Extrakte aus einer mexikanischen Jamswurzel. Mit tierischen Hormonen wäre eine orale Empfängnisverhütung gar nicht möglich.

Woher also rührt die Kritik an der Milch? Die Betreiber der Kampagnen warnen: "Das krebserregende Potential von natürlichen Östrogenen (sei) bis zu 100.000-mal höher als beispielsweise jenes von hormonähnlichen Substanzen in Pestiziden." Klingt ziemlich beängstigend, ist aber gleichermaßen belanglos. Demnach haben die "hormonähnlichen Substanzen" wie das berühmtberüchtigte Bisphenol A in Wasserflaschen nur ein 100.000stel der Wirkung von natürlichem Östrogen, das unser Körper selbst bildet. Auf diese Weise wird so ganz nebenbei eine Angst-Kampagne von Umweltschützern ad absurdum geführt.

Frischmilch zur Gesundheitsgefahr hochstilisiert

Im Kampf gegen den vermeintlichen Gefahrstoff Milch berufen sich die Ernährungsexperten auf ihre Kollegin Ganmaa Davaasambuu, die in Harvard lehrt. Sie hatte spekuliert, dass das Risiko von Brust- und Prostatakrebs durch Milch dramatisch ansteigen müsste. Nun hat sie in einer großen Studie die Häufigkeit von Brustkrebs in einigen asiatischen Ländern mit der Ernährungsweise abgeglichen. Ergebnis: Die Brustkrebsrate ist in China dreimal und in Japan fünfmal so hoch wie in der Mongolei. Die Ernährung der Mongolen unterscheidet sich wesentlich von der Kost in China oder Japan: In der Steppe gedeiht kaum Obst und Gemüse, die Menschen konsumieren seit jeher vor allem Milch und Fleisch. Natürlich lässt sich aus diesem Ergebnis nicht ableiten, dass Käse oder Wurst vor Krebs schützen, sondern nur, dass sie gerade nicht zum Kreis der Verdächtigen gehören.

Während die Frischmilch zur Gesundheitsgefahr hochstilisiert wird, wird eine spezielle Milch, nämlich das Kolostrum, als besonders gesund beworben. Es sei "eines der ältesten und kraftvollsten Naturprodukte", behaupten Gesundheitsapostel. Kolostrum ist die erste Milch, die ein Säugetier gibt – darin sind die Hormongehalte natürlich besonders hoch. Deshalb bekommt diese besondere Milch nur das Kälbchen, sie darf nicht in die Sammelmilch gekippt werden. Mahlzeit!

 

Literatur

Birkel K: Die Milch macht's – US-Studie: Pasteurisierte Milch ist krebserregend. NetzAthleten-Magazin 11.4.2012

Cohen R: Milk the Deadly Poison. BookWorld Press, Sarasota 1998

Anon: Neue Studie: Zu viel Milch kann zu früherem Tod führen. Focus-Online 29.10.2014

Baival B, Baljinnyam B: Food security in the face of climate risks – Mongolian herders' experiences. Hunger, Nutrition, Climate Justice - A New Dialogue: Putting People at the Heart of Global Development. Dublin 15.-16. April 2013

Martin RD: Got milk, got unwanted hormones? How we do it - Psychology Today vom 22. März 2014

Ganmaa D et al: Commercial cows' milk has uterotrophic activity on the uteri of young ovariectomized rats and immature rats. International Journal of Cancer 2006; 118: 2363-2365

Furnari C et al: Lack of biologically active estrogens in commercial cow milk. Journal of Dairy Science 2012; 95: 9-14

Shaw J: Modern milk. Harvard Magazine 2007; H.3: 11-12

Macrina AL et al: Estrone and estrone sulfate concentrations in milk and milk fractions. Journal of the Academy of Nutrition & Dietetics 2012; 112: 1088-1093

Troisi R, Ganmaa D et al: Breast cancer incidence in Mongolia. Cancer Causes Control 2012; 23: 1047-1053

Cheeke PR: Natural Toxicants in Feeds, Forages, and Poisonous Plants. Interstate Publishers, Danville 1998

Pope GS, Roy JHB: The oestrogenic activity of bovine colostrum. Biochemical Journal 1953; 53: 427–430

Mehr zum Thema:

Ernährung - Vegane Rohköstler in Dresden
(Deutschlandfunk, Corso, 14.07.2014)

Ernährung - Am Anfang war die Milch
(DRadio Wissen, Agenda, 07.02.2012)

Kinder trinken zu wenig Milch
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 03.01.2006)

Fit und gesund?
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 18.03.2003)

Milchversorgung
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 18.08.2000)

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