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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.11.2010

Kreativwirtschaft

Vom Sinn und Unsinn eines Begriffs

Von Kersten Knipp

Blick auf die neue Hafencity in Hamburg - eines der kreativen Quartiere in Deutschland (Stock.XCHNG / Florian K)
Blick auf die neue Hafencity in Hamburg - eines der kreativen Quartiere in Deutschland (Stock.XCHNG / Florian K)

Kreativ, frei, unabhängig – man kann diese Begriffe mit einigem Recht als Euphemismen bezeichnen, dazu da, die neuen Härten des Arbeitslebens zu kaschieren. Man kann aber auch auf ihre Inspirationskraft hinweisen, die dazu beiträgt, die großen Verwerfungen zumindest in Teilen aufzufangen.

Die Losung, die die Lösung bringen soll, heißt "Kreativwirtschaft". "Kreativ.Quartiere" nennt sich ein im Kulturhauptstadtjahr 2010 gefördertes Projekt, das sich dem wohl wichtigsten Anliegen dieses Jahrs widmet: Das Ruhrgebiet auch nach 2010 ökonomisch in die Zukunft zu führen. Dass es damit was werden könnte, diese Hoffnung begründen all die Musiker, Autoren, Verleger, Künstler, Designer, Architekten, Programmierer, die als Angehörige der "Kreativwirtschaft" im Jahr 2008 bundesweit eine Summe von 130 Milliarden Euro umsetzten. Ein Patentprogramm auch für Essen und das Ruhrgebiet?

Im Umfeld der Ruhr 2010 hat man auf große Vorbilder verwiesen: Bilbao, die Hamburger Hafencity, das KAP-Forum im renovierten, so schicken wie teuren Rheinauhafen in Köln. Essen ist nicht ganz so schick, weswegen man es hier mit günstigen Mieten versucht. Außerdem verweist man auf die großen in der Stadt ansässigen Unternehmen, die den Kreativen die Aufträge zuschieben könnten, die sie neben günstigen Mieten ja auch noch bräuchten. Und wo die lokalen Geschäftskontakte nicht ausreichen, da soll das Internet es richten. Denn auch damit lockt ja die Kreativwirtschaft: Genau da arbeiten zu können, wo man will, unabhängig von der Standortgebundenheit der alten Industrien.

Überhaupt sind die Propheten der Kreativwirtschaft um schöne Bilder nicht verlegen: Erwerbszwang und Selbstverwirklichung sollen keine Grenzen mehr bilden, der Mensch sich wieder als ganzen denken, der zwischen Arbeit und Freizeit keinen Unterschied mehr macht. Es rankt sich etwas Utopisches um die Kreativwirtschaft – und darauf ist nicht nur das Ruhrgebiet dringend angewiesen.

In Zeiten, in denen Festanstellungsverhältnisse massiv schrumpfen, der unbekümmerte Wohlstand sich unübersehbar seinem Ende neigt, da braucht es neue Mythen, zumindest aber Losungen. Denn nur mit ihnen lässt sich den Umbrüchen auf dem Arbeitsmarkt ein neuer Sinn geben. Kreativ, frei, unabhängig – man kann diese Begriffe mit einigem Recht als Euphemismen bezeichnen, dazu da, die neuen Härten des Arbeitslebens zu kaschieren. Man kann aber auch auf ihre Inspirationskraft hinweisen, die dazu beiträgt, die großen Verwerfungen zumindest in Teilen aufzufangen.

Im Duisburger Stadtteil Marxloh etwa. Mit ihm ging es in den letzten zwei Jahrzehnten immer weiter bergab. Marxloh litt – und leidet – an einer Arbeitslosenquote von knapp 20 Prozent. Doch vor einigen Jahren gründete eine Handvoll junger Menschen die Initiative "Made im Marxloh". In Eigenregie gründeten sie einige Ateliers, bauten leer stehende Geschäftsräume zu Proberäumen für Musiker um, eröffneten eine Bar. Die Medien berichteten – und das Viertel kam in Schwung. Natürlich nicht einmal ansatzweise wie zu jenen Zeiten, als die Stahlindustrie tausende Menschen in Lohn und Brot setzte. Aber ein Anfang ist gemacht, und sei es ein minimaler. Inzwischen wagen Marxloher wieder, ihren Stadtteil mit dem Begriff "Zukunft" zu verbinden.

"Kreativwirtschaft" ist ein schillernder Begriff. Genau darum ist er aber auch eine exakte Beschreibung für den Arbeitsmarkt der Zukunft, der einen zunehmend informellen Charakter annehmen wird. Sein eigentlicher Nutzen ist aber noch ein anderer. So wie Kleider Leute machen, edeln Wortkleider Realitäten. In diesem Sinn hat der Begriff Chancen, Wege in den Arbeitsmarkt der Zukunft zu weisen – also in jene Zeit, in der große Industriezweige, wie etwa die mit Hilfe der Abwrackprämie kurzfristig wieder belebte Automobilwirtschaft, ins nächste, dann womöglich endgültige Koma fallen werden.

Schon jetzt setzt die Kreativwirtschaft laut einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums nur unwesentlich weniger um als die Autoindustrie. Es ist Zeit, dass entsprechende Initiativen auch politisch gefördert werden, etwa durch eine Steuergesetzgebung, die den kreativen Kleinen entgegenkommt. Dass ist zwar wenig glamourös. Aber wenn die fetten Jahre absehbar vorüber sind, könnte die Kreativwirtschaft helfen, die mageren nicht ganz so mager werden zu lassen.

Kersten Knipp (privat)Kersten Knipp (privat)Kersten Knipp, geboren 1966, studierte portugiesische, französische und englische Philologie in Köln, Toulouse und Fortaleza, Brasilien. Nach der Promotion begann er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und ARD-Anstalten zu arbeiten. Nachdem er lange Zeit über die iberische Halbinsel und Lateinamerika berichtete, durchreist er seit mehreren Jahren die arabische Welt, über die er regelmäßig schreibt.

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